Die Assassin’s Creed-Reihe hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, geprägt von atemberaubenden Höhepunkten und enttäuschenden Tiefpunkten. Einst als innovativer Maßstab für Action-Adventure-Spiele gefeiert, verlor die Serie in den letzten Jahren zunehmend an Strahlkraft. Jährliche Veröffentlichungen, die oft den Eindruck von Fast-Food-Erlebnissen machten, sowie zunehmend aufgeblähte Open-World-Konzepte führten dazu, dass einige Fans das Franchise für gescheitert hielten.
Nach langen Verschiebungen, komplexen Entwicklungsphasen und hitzigen Diskussionen, ob Assassin’s Creed überhaupt noch relevant sein kann, ist nun Assassin’s Creed Shadows erschienen, das alte Fans zurückgewinnen und neue begeistern könnte. Was folgt, ist eine detaillierte Analyse darüber, wie Shadows die gesamte Reihe neu definiert und warum es als eine der spannendsten Veröffentlichungen der jüngeren Gaming-Geschichte betrachtet werden sollte.
Zwei Charaktere, zwei Philosophien
Assassin’s Creed Shadows führt eine interessante Innovation ein: Zum ersten Mal spielt man nicht einfach eine Figur, sondern schlüpft abwechselnd in die Rollen von Naoe und Yasuke, zwei grundverschiedenen Hauptcharakteren, deren Unterschiede das Gameplay auf aufregende Weise erweitern. Ihre Lebenswege und Kampfstile symbolisieren im übertragenen Sinn die Dualität der gesamten Assassin’s Creed-Serie: Tradition versus Moderne, Heimlichkeit versus offenen Konflikt, Disziplin versus Wildheit.

Naoe: Die Meisterin der Schatten
Naoe repräsentiert die klassischen Werte des Assassinen-Daseins. Als Mitglied des legendären Iga-Clans ist sie eine Shinobi, die im Verborgenen operiert und niemanden bemerken lässt, dass sie überhaupt da war. Ihr Design und ihre Animationen betonen diese Eleganz. Sie schleicht sich durch hohe Gräser, taucht geräuschlos aus der Dunkelheit auf und erledigt Gegner in einer Geschwindigkeit, die an die Flugbahn eines Pfeils erinnert.
Ein herausragendes Merkmal ist ihr Einsatz von Werkzeugen. Ob es sich um Wurfsterne, Betäubungspfeile oder Rauchbomben handelt – Naoes Arsenal fühlt sich maßgeschneidert für alle an, die sich nach den Stealth-Mechaniken der klassischen Assassin’s Creed-Teile sehnen. Höhepunkt ihres Repertoires ist jedoch der brandneue Greifhaken, der das Navigieren durch die Japan-Welt von Shadows in eine geschmeidige und atemberaubende Erfahrung verwandelt. Klettern und Springen haben endlich wieder jene Dynamik, die die ursprünglichen Spiele der Reihe so besonders gemacht haben.
Naoe ist ein Geschenk an Gamer, die Schnelligkeit, Präzision und Subtilität schätzen. Sie weckt Erinnerungen an Legenden wie Ezio und Altaïr, verkörpert jedoch gleichzeitig eine authentische Persönlichkeit, die losgelöst von Nostalgie funktioniert.
Yasuke: Der unaufhaltsame Sturm
Während Naoe Heimlichkeit zur Kunstform erhebt, stellt Yasuke, der mächtige Krieger, diese Philosophie auf den Kopf. Yasuke basiert lose auf der historischen Figur des afrikanischen Samurais, der im Japan des 16. Jahrhunderts in den Dienst eines Daimyos trat – eine faszinierende Grundlage für einen fiktiven Charakter. Yasuke ist ein Titan, ein massiver Kämpfer, dessen bloße Statur genug ist, um Feinde in Angst und Schrecken zu versetzen.

Yasuke ersetzt den leisen Ansatz mit brachialer Gewalt. Seine Spezialität ist der Nahkampf, und er hat eine Vorliebe für mächtige, zweihändige Waffen. In den Schlachten pflügt er durch Feindesreihen, als wäre er ein lebendiger Sturm. Seine Animationen betonen seine Kraft und das Gewicht seiner Angriffe, wodurch das Kämpfen mit ihm ein spürbares Gefühl der Wucht erzeugt.
Yasukes Stärken und Schwächen sind klar definiert, was ihn zu einem Charakter macht, der besonders in großen Gefechten glänzt, während Stealth-Puristen mit ihm weniger Freude haben könnten. Die Dynamik zwischen den beiden Protagonisten lädt dazu ein, den eigenen Spielstil immer wieder anzupassen.
Gameplay: Revolution statt Evolution
Seit Assassin’s Creed Origins hat sich die Reihe immer mehr von ihren Wurzeln entfernt. RPG-Elemente, Sammel-Grinds und zunehmend komplexe Fertigkeitssysteme haben zwar neue Zielgruppen angesprochen, aber die Stealth-Fans der ersten Stunde enttäuscht. Assassin’s Creed Shadows bringt beides zusammen: Ein Gameplay-Versprechen, das gleichzeitig tief und vielseitig bleibt, aber auch auf die Essenz des Assassin-Seins zurückgreift.
Das Kampfsystem in Shadows ist eine völlige Überarbeitung, das sich sowohl schnell als auch strategisch anfühlt. Jeder Schlag, Block und Konter fühlt sich präzise an, und die Animationen lassen die Bewegungen realistischer und zugleich spektakulärer wirken als je zuvor. Der Unterschied zwischen den Charakteren ist dabei signifikant: Naoe setzt auf Schnelligkeit und Präzision, während Yasuke durch rohe Kraft beeindruckt.
Fans früherer Spiele werden sich freuen: Stealth ist zurück. Naoe kann Wachen aus der Ferne mit einem perfekt geworfenen Messer ausschalten, während sie selbst ungesehen bleibt. Neu hinzugekommen ist die Fähigkeit, sich hinzulegen und zu kriechen, wodurch ihr selbst durch die engsten Lücken schlüpfen könnt. In Kombination mit Tarnwerkzeugen wie Rauchbomben und Blendgranaten fühlen sich diese Möglichkeiten wie eine Hommage an die goldenen Zeiten der Serie an.
Leider gibt es hier ein paar Schwächen. Die künstliche Intelligenz der Gegner ist oft nicht besonders schlau. Manchmal laufen sie direkt in deine Klinge, und ihre Suchmuster sind vorhersehbar. Das nimmt ein wenig von der Spannung, die ein gutes Stealth-Spiel ausmacht. Trotzdem: Die Momente, in denen du einen perfekt geplanten Angriff ausführst oder unentdeckt durch ein feindliches Lager schleichst, sind pure Assassin’s-Creed-Magie.
Die Welt von Assassin’s Creed Shadows: Visuelle Pracht und lebendige Geschichte
Es ist unmöglich, über Shadows zu sprechen, ohne die Welt hervorzuheben, die es erschafft. Die Geschichte spielt im feudalen Japan, einer Ära voll Gefahr, Ehre und Intrigen, und Ubisoft hat alle Register gezogen, um diese Welt zum Leben zu erwecken.
Die Spielwelt wird von historischen Schauplätzen definiert: prachtvolle Pagoden, Bambuswälder, schneebedeckte Gebirgspfade und lebhafte Dörfer. Ubisoft hat mit einer unglaublichen Detailverliebtheit eine Welt geschaffen, die sich gleichzeitig authentisch und mystisch anfühlt. Licht und Schatten spielen eine wichtige Rolle bei der Atmosphäre: Von Sonnenstrahlen, die durch die dichten Bambusblätter brechen, bis hin zu nächtlichen Szenen, in denen nur die sanfte Glut einer Laterne die Dunkelheit durchdringt.

Die in der Serie längst überfällige Rückbesinnung aufs Parkour-System hebt Shadows hervor. Es ist mehr als nur ein Fortbewegungsmittel – es ist ein Teil der Welt. Ob es darum geht, scheinbar unmögliche Höhen zu erklimmen, geschmeidig durch Dächer zu gleiten oder in letzter Sekunde zu entkommen, das Gefühl der Freiheit ist unübertroffen.
Aber so beeindruckend die Welt visuell ist, so fehlt es ihr teilweise an inhaltlicher Tiefe. Viele Nebenquests laufen nach dem gleichen Muster ab: Gehe zu Punkt A, töte Feind B, kehre zu Punkt C zurück. Es gibt nur wenige Quests, die wirklich in Erinnerung bleiben.
Die Story: Ein Kampf zwischen Schatten und Licht
Die Handlung von Assassin’s Creed Shadows dreht sich um eine finstere Verschwörung im politischen Chaos der Edo-Zeit. Naoe und Yasuke arbeiten zusammen – nicht, weil sie das wollen, sondern weil sie es müssen. Ihre persönliche Reise wird durch ihren Konflikt geprägt: Sie respektieren einander, verstehen sich aber nicht; sie teilen ein Ziel, aber nicht denselben Weg dorthin. Diese Dynamik ist es, die die Geschichte so eindringlich macht.
Der Antagonist ist ein mysteriöser Warlord, dessen Einfluss bis in die höchsten Ebenen des Shogunats reicht. Obwohl die Haupthandlung stellenweise vorhersehbar ist, lebt sie von den vielen Details und Wendungen, die sie bereichern.

Auch die Hauptstory hat ihre Probleme. Sie fühlt sich oft wie eine Aneinanderreihung von Missionen an, anstatt eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Die Charaktere, die du unterwegs triffst, sind größtenteils blass und kaum denkwürdig. Das ist schade, denn Assassin’s Creed hat in der Vergangenheit gezeigt, dass es starke Charaktere und Geschichten liefern kann. Trotzdem gibt es einige Highlights. Die historischen Schauplätze sind fantastisch umgesetzt, und die Momente, in denen du dich wie ein echter Assassine fühlst, sind zahlreich. Wenn du dich darauf einlassen kannst, dass Shadows mehr ein Gameplay- als ein Story-Erlebnis ist, wirst du viel Spaß haben.