Man kann eine Krise aussitzen. Man kann sie dementieren. Oder man kann die Öffentlichkeit bitten, der Krise mit Skepsis zu begegnen. Kojima Productions hat sich für den dritten Weg entschieden – und damit eine Kommunikationsform gewählt, die in der Spielebranche ihresgleichen sucht. Es geht um Physint, das Spionage-Epos, das PlayStation verlassen hat und nun bei Xbox entsteht. Ein Studio, das nicht sagt „Das stimmt nicht“, sondern „Glaubt es nicht“. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein Eingeständnis, das größer ist als jedes Dementi.
Drei Absätze, kein einziges Dementi
Auf dem offiziellen X-Account von Kojima Productions steht ein Statement, das in der Geschichte der Spielebranche seinesgleichen sucht. Es ist 210 Wörter lang, in drei Absätze gegliedert, und enthält keinen einzigen Satz, der einen der zentralen Vorwürfe aus dem Bloomberg-Report von Jason Schreier entkräftet. Stattdessen: der Satz, der alles zusammenfasst. „Keine der geschriebenen Behauptungen stammt aus einer offiziellen oder belegten Quelle“, heißt es da, „und daher empfehlen wir euch, sie mit einer gewissen Skepsis zu betrachten“.
Das ist keine Widerlegung. Das ist eine Kommunikationsstrategie.
Man muss sich vor Augen führen, was hier nicht steht. Da steht nicht: „Die Verkaufszahlen von Death Stranding 2 waren zufriedenstellend.“ Da steht nicht: „Physint liegt im Budget.“ Da steht nicht: „Es gab keine verpassten Deadlines.“ Stattdessen steht da: „Das Studio befindet sich in einer gesunden, profitablen Lage, die Entwicklung von Physint schreitet gemeinsam mit Xbox weiter voran“. Das sind Aussagen über die Gegenwart. Über die Vergangenheit – die Vorwürfe – schweigt das Statement.
Ein Dementi hätte gelautet: „Die Behauptungen sind falsch.“ Was Kojima Productions geschrieben hat, ist die Bitte, die Behauptungen zu ignorieren, ohne sie zu widerlegen. Das ist ein Unterschied, der nicht nur Juristen auffällt. In seiner ersten öffentlichen Reaktion seit dem Publisher-Wechsel sagte Kojima im IGN-Interview, er habe nicht mit Sonys Entscheidung gerechnet – „nichts hätte mich darauf vorbereiten können“. Ein Dementi klingt anders. Der Publisher-Wechsel zu Xbox hat eine Vorgeschichte, die in diesem Statement nur gestreift wird.
2,5 Millionen Kopien und ein Milliarden-Budget
Der Bloomberg-Report, auf den das Studio reagiert, nennt drei konkrete Gründe für Sonys Rückzug. Keiner davon ist widerlegt. Der erste: Death Stranding und Death Stranding 2 haben die Umsatzerwartungen von Sony nicht erfüllt. Analysten von Alinea Analytics schätzen die Verkaufszahlen des zweiten Teils auf etwa 2,5 Millionen Kopien – davon 1,8 Millionen auf PlayStation und 700.000 auf Steam. Zum Vergleich: Der erste Teil hatte bis März 2021 allein 5 Millionen Exemplare verkauft.
Die Zahlen sind noch ernüchternder, wenn man sie aufschlüsselt. In den ersten zwei Monaten nach dem Release im Juni 2025 verkaufte sich Death Stranding 2 auf PlayStation rund eine Million Mal. Danach sackten die Verkäufe ab – im August waren es weniger als 30.000 Einheiten. Selbst eine Preissenkung auf 40 Dollar brachte keinen nennenswerten Schub. Das Entwicklungs-Budget des zweiten Teils wird auf 150 bis 200 Millionen Dollar geschätzt. Der erste Teil kostete rund 100 Millionen. Die enttäuschenden Verkaufszahlen von Death Stranding 2 sind dokumentiert – das Dementi von Kojima Productions bleibt aus.
Der zweite Grund: Physint selbst. Der Bloomberg-Report zitiert mit dem Projekt vertraute Personen, wonach das Spiel „well over budget“ sei und mehrere Deadlines verpasst habe – obwohl die Veröffentlichung noch Jahre entfernt ist. Auch hier: kein Widerspruch aus dem Studio. Der dritte Grund ist strategischer Natur. Kojima Productions besitzt die Rechte an Physint selbst. Sony hätte hunderte Millionen Dollar in ein Spiel investiert, das nach einer gewissen Zeit auch auf anderen Plattformen erscheinen würde – und von dem Sony auf PC und Xbox kaum profitieren würde, da Sony seine Single-Player-Exklusivtitel nicht mehr auf PC portiert.
Pennywise betritt die Bühne
Während der Bloomberg-Report die Vergangenheit aufarbeitet, arbeitet Kojima Productions an der Zukunft. Auf der Xbox Tokyo Game Show 2026 kündigte Kojima an, dass Bill Skarsgård – bekannt als Pennywise aus der „Es“-Verfilmung – die Hauptrolle in Physint übernehmen wird. Er stößt zum bereits bestätigten Cast um Charlee Fraser, Don Lee und Minami Hamabe. Die neue Tagline: „The Next Cold War Begins“.
Kojimas Statement auf der Bühne ist bemerkenswert. „Physint ist der Höhepunkt von mehr als 40 Jahren meiner Karriere“, sagte er. „Ein Projekt, das ‚Action-Espionage‘ neu definieren wird, ungebunden an bestehende Genres im digitalen Entertainment“. Die Kostüm-Anproben und Kamera-Tests mit Skarsgård und Fraser hätten ihm „enormes Vertrauen in die Richtung des Projekts“ gegeben. Die Besetzung von Physint wächst also weiter – trotz der Turbulenzen.
Gleichzeitig bestätigte Kojima, dass die Entwicklung von OD, seinem experimentellen Horror-Spiel, „reibungslos voranschreitet“ und „planmäßig“ verläuft. OD, das ebenfalls von Xbox publiziert wird, soll vor Physint erscheinen. Das OD trotz des Microsoft-Bebens weiterläuft, ist ein Signal: Kojima Productions ist nicht in der Defensive. Das Studio arbeitet. Und Kojima hat auf der Bühne in Tokio kein Wort über den Bloomberg-Report verloren.
Xbox wartet, Sony zählt
Die strategische Lage ist klar. Xbox hat Physint übernommen, zusammen mit OD und einer erweiterten Partnerschaft, die auch Film- und TV-Rechte umfasst. Ein Xbox-Sprecher brachte es auf den Punkt: „Auf Kojima-san zu setzen, ist eine einfache Entscheidung. Wir glauben an die Fähigkeit seines Teams, AAA-Spiele mit bahnbrechenden, neuen IPs zu entwickeln“. Das ist mehr als Höflichkeit. Das ist eine Kampfansage an Sony.
Denn Sony hat nicht nur Kojima verloren. Sony hat auch Concord verloren – und die daraus resultierenden strengeren Produktions-Meilensteine, die Physint offenbar nicht erfüllen konnte. Sony hat das Disc-Geschäft aufgegeben und damit einen Teil seiner Community verärgert. Und Sony hat einen Public-Relations-Kampf verloren, den es nie führen wollte: den um die Deutungshoheit über den Kojima-Abgang.
Kojima Productions wird weiter an Physint arbeiten. Das Spiel ist noch Jahre entfernt. Aber die Art und Weise, wie das Studio mit der Kontroverse umgeht, sagt mehr über seinen Zustand aus als jede Bilanz. Ein Studio, das dementiert, hat etwas zu verbergen. Ein Studio, das zur Skepsis aufruft, hat verstanden, dass die Geschichte bereits geschrieben ist – und dass es keinen Sinn hat, sie umzuschreiben.