Acht bis zwölf Stunden. Alle Episoden auf einmal. Kein Cliffhanger, der sechs Wochen auf Auflösung wartet. The Wolf Among Us 2 bricht mit Telltales eigenem Geschäftsmodell – und den ersten Vorschaustimmen nach zu urteilen, ist das die beste Entscheidung, die das wiederauferstandene Studio treffen konnte.
Unreal Engine 5 löst Telltales hauseigene Engine ab
Dass The Wolf Among Us 2 überhaupt noch existiert, grenzt an ein kleines Wunder. Das Original erschien 2013, die Fortsetzung wurde 2017 angekündigt, 2018 mit der Studioschließung beerdigt und 2019 unter neuer Führung wiederbelebt. Die ersten konkreten Hinweise zur wiederbelebten Entwicklung von The Wolf Among Us 2 verdichteten sich erst in den vergangenen Monaten – jetzt liegt das Spiel tatsächlich in spielbarer Form vor.
Der wichtigste technische Einschnitt: Telltale hat die hauseigene Engine endgültig zu den Akten gelegt. Die alte „Telltale Tool“ war schon 2013 alles andere als ein Technikwunder und spätestens mit dem Sprung auf PS4 und Xbox One hörbar am Ächzen. Stattdessen setzt The Wolf Among Us 2 jetzt auf Unreal Engine 5. Der an Comics angelehnte Grafikstil des Originals bleibt dabei erhalten – IGNs ausführlicher Vorschaubericht bestätigt eine saubere Performance auf der neuen technischen Basis. Zwischensequenzen und Animationen wirken deutlich flüssiger als noch 2013. Der Preis für diesen Sprung: Jahre an Vorarbeit auf der alten Engine wurden komplett verworfen und das Projekt von Grund auf neu aufgesetzt.
Acht bis zwölf Stunden am Stück – das Wartemodell stirbt
Die strukturelle Änderung ist mindestens so bemerkenswert wie der Engine-Wechsel. The Wolf Among Us 2 ist intern weiterhin episodisch aufgebaut – trotzdem erscheint die komplette Handlung auf einen Schlag. Acht bis zwölf Stunden Spielzeit, keine monatelange Wartezeit zwischen den Episoden. Für ein Studio, das mit genau diesem Wartemodell groß geworden ist, ein radikaler Bruch.
Telltale-Fans erinnern sich: Die erste Staffel von The Wolf Among Us zog sich über neun Monate, Episode für Episode. Das nervte damals schon. Im heutigen Markt, wo komplette narrative Adventures wie Dispatch – entwickelt von den Ex-Telltale-Leuten bei AdHoc Studio – mit allen Folgen gleichzeitig erscheinen, wäre ein gestaffelter Release kaum noch vermittelbar. Telltale hat das verstanden. Auf dem Summer Game Fest 2026 wurde das Spiel erstmals hinter verschlossenen Türen gezeigt – als handfester Beweis, dass hier kein Papiertiger angeteasert wird.
Serienmörderjagd in Fabletown und eine Ermittlerin, die an Magie nicht glaubt
Inhaltlich setzt die Fortsetzung sechs Monate nach dem Finale des Originals an. Bigby Wolf ist zurück, diesmal als Gejagter: Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in Fabletown und Bigby hinkt zwei Schritte hinterher. Neu an seiner Seite: die Ermittlerin Faye, die von der Existenz echter Magie noch nichts weiß – ein erzählerischer Kniff, der frischen Wind in die Fables-Welt bringen dürfte.
Spielerisch bleibt das Grundgerüst vertraut. Dialogoptionen mit Konsequenzen, Quick-Time-Events in Actionszenen, moralische Zwickmühlen – das klassische Telltale-Rezept. Die Demo, die Journalisten anspielen konnten, gab aber auch mehr Freiheit bei der Erkundung: Die Kamera rückt hinter Bigbys Schulter, Räume lassen sich freier nach Hinweisen durchsuchen. Eine kleine, aber spürbare Öffnung des linearen Korridors, den man aus früheren Telltale-Titeln kennt. Die gezeigte Szene – ein Rätsel um einen Geheimgang in einer verdächtigen Wohnung – war allerdings noch ein früher Build mit Sprachausgabe, die stellenweise nur als Platzhalter vorlag.
Sechs Plattformen, ein Veröffentlichungsfenster 2027 und die Frage nach der Verlässlichkeit
The Wolf Among Us 2 erscheint für Xbox Series X/S, Xbox One, PS5, PC, Nintendo Switch und Nintendo Switch 2. Die offizielle Produktseite von Telltale bestätigt ein ambitioniertes Plattformspektrum – von der betagten Xbox One bis zur brandneuen Switch 2 wird nahezu alles abgedeckt. Dass hier die Unreal Engine 5 unter der Haube steckt, macht die Sache nicht simpler: Die Engine skaliert zwar gut, aber sechs Plattformen gleichzeitig zu bedienen, ist für ein Studio in Telltales Verfassung ein Kraftakt.
Das größte Fragezeichen bleibt das Veröffentlichungsfenster 2027. Telltale hat in den vergangenen Jahren wenig geliefert, dafür umso mehr angekündigt, verschoben und neu gestartet. Dass andere Unreal Engine 5 Titel mit deutlich größeren Teams und stabileren Entwicklungsstrukturen regelmäßig verschoben werden, sollte die Erwartungshaltung dämpfen. Ein späterer Release wäre keine Blamage – ein überhasteter hingegen schon.