Christoph Hartmann hat einen neuen Job, und es ist kein kleiner. Der Mitgründer von 2K Games, der Mann hinter Borderlands und Bioshock, übernimmt Ubisofts Creative House 2 – das Zuhause von The Division, Ghost Recon und Splinter Cell. Yves Guillemot persönlich hat die Verkündung übernommen, was bei Ubisoft nicht mehr oft vorkommt. Hartmann sei, so Guillemot, „genau die Art von Führungskraft, die Creative House 2 braucht“. Und ehrlich gesagt: Er wird sie brauchen. Denn was Hartmann da erbt, ist kein unberührter Acker, sondern eine Baustelle mit sieben Sparkursen, einem Ghost Recon in der Alpha-Hölle und einem Splinter Cell, das intern auf 2027 verschoben wurde.
Von Borderlands zu Broken Games – was Hartmann wirklich mitbringt
Hartmanns Vita liest sich wie ein Best-of der westlichen Spieleindustrie. Er war 2005 Mitgründer von 2K Games, verantwortete dort Borderlands, Bioshock und Mafia – drei Franchises, die in ihren jeweiligen Genres Meilensteine gesetzt haben. Wer das hinkriegt, kann mit Marken umgehen.
2017 wechselte er zu Amazon Games, um dort das First Party Geschäft aufzubauen. Die Bilanz war durchwachsen: New World startete stark, verlor aber schnell Spieler. Lost Ark war ein Publikumserfolg, aber ein koreanischer Import, kein Eigenbau. Im Januar 2026 verließ Hartmann Amazon – und jetzt, sechs Monate später, sitzt er bei Ubisoft.
Die Parallele ist kaum zu übersehen: Wie GamesIndustry.biz berichtet, beerbt Hartmann ein Unternehmen, das ähnlich wie Amazon Games vor sechs Jahren vor einem Scherbenhaufen steht – nur mit etablierten Marken statt ungeschriebenen Seiten. Sein Vorgängerposten bei Amazon war der Versuch, ein Spieleimperium aus dem Nichts zu bauen. Bei Ubisoft muss er ein bestehendes Imperium vor dem Kollaps bewahren. Das ist nicht einfacher, nur anders.
Ghost Recon in der Alpha-Hölle, Splinter Cell verschoben – das erwartet ihn
Creative House 2 klingt nach einer geordneten Einheit. Die Realität: Das Herzstück der Sparte, Ghost Recon OVR, steckt in einer handfesten Entwicklungskrise. Die interne Alphaversion wurde von Testern als „terrible“ bezeichnet, der Umfang musste massiv zusammengestrichen werden, Features fielen reihenweise dem Rotstift zum Opfer. Das Team stellt sich auf wochenlangen Crunch ein, um die Beta im November noch zu retten – und das, obwohl das Studio Red Storm Entertainment längst faktisch aufgelöst wurde.
Zur Einordnung: Ghost Recon Breakpoint kam 2019 auf einen Metacritic-Score von 56. Ein Jahr später wurde der Support eingestellt. Seitdem warten Fans auf einen Neustart, und was sie stattdessen bekommen, ist ein Projekt, das schon vor der Beta gegen die Wand fährt. Hartmanns erster Job könnte sein, aus einem Alpha-Desaster ein spielbares Produkt zu machen.
Und dann ist da Splinter Cell. Das Remake des Stealth-Klassikers wurde intern auf 2027 verschoben – eines von mehreren Ubisoft-Projekten, die nach hinten rutschten. Ein Lichtblick ist The Division 2: Massive hält den sieben Jahre alten Shooter mit Seasons und neuen Dark Zone Modi am Leben. Aber ein Live-Service-Titel, der sein Publikum gefunden hat, ist kein Ersatz für neue Blockbuster.
Zwischen Streiks und Black Flag – Ubisoft braucht mehr als einen Star-Einkauf
Hartmanns Start fällt in eine Phase, in der Ubisoft buchstäblich brennt. In Barcelona streikt die Belegschaft – 51 Entlassungen, sechs Streiktage, 28 Prozent der Belegschaft sollen gehen. Es ist die siebte Restrukturierungswelle in zwölf Monaten, der Verlust fürs Geschäftsjahr liegt bei 1,3 Milliarden Euro. Tencent hat 1,16 Milliarden in eine Ausgliederung der Top-Marken Assassin’s Creed, Far Cry und Rainbow Six gesteckt – aber das Geld fließt in eine neue Firmenstruktur, nicht in die Studios.
Gleichzeitig beweist Ubisoft, dass der Laden noch funktionieren kann: 15 Studios arbeiten an Black Flag Resynced, das Remake hat Gold-Status erreicht und erscheint pünktlich am 9. Juli. Die Seeschlachten wurden überarbeitet, Edward Kenway kämpft ohne Skilltree, das Ding sieht fantastisch aus. Aber Black Flag ist ein Remake, kein neues Spiel – und es gehört zu Vantage Studios, dem Creative House von CEO-Sohn Charlie Guillemot, nicht zu Hartmanns Creative House 2.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Hartmann das kann. Die Frage ist, ob Ubisoft ihm die Ressourcen und die Zeit gibt, die er braucht. Ghost Recon OVR retten, Splinter Cell fertigstellen, The Division fit fürs nächste Jahrzehnt machen – das ist ein Dreijahresplan, mindestens. Und Ubisoft hat in den letzten zwölf Monaten bewiesen, dass Dreijahrespläne nicht die Stärke des Hauses sind.