Ubisoft hat in letzter Zeit wahrlich keine ruhigen Monate hinter sich – Entlassungen, Studioschließungen und eine Gemeinschaft, die das Unternehmen mit zunehmender Schärfe beäugt. Doch was sich nun in Montpellier ereignet hat, übersteigt alles, was eine Pressemitteilung oder ein gescheitertes Spieleprojekt je auslösen könnte. Ein Zwischenfall, der Hunderte Menschen in Angst und Schrecken versetzt hat, wirft ein grelles Schlaglicht auf ein wachsendes und beunruhigendes Muster in der gesamten Branche.
Evakuierung in Montpellier: Was genau geschah
An einem gewöhnlichen Arbeitstag ging bei der Staatspolizei eine E-Mail ein, die behauptete, in oder in unmittelbarer Nähe des Ubisoft-Gebäudes in Montpellier befinde sich ein Sprengkörper. Die Behörden reagierten umgehend: Ein Sicherheitsring wurde um das Gebäude gezogen, Sprengstoffspezialisten und Feuerwehrkräfte rückten an. Fast 500 Mitarbeiter des Studios wurden evakuiert, hinzu kamen mehrere hundert weitere Personen aus umliegenden Gebäuden – insgesamt waren schätzungsweise fast 800 Menschen betroffen. Die gründliche Durchsuchung der Räumlichkeiten verlief ergebnislos: Kein Sprengkörper wurde gefunden. Laut einem Unternehmenssprecher konnten die Mitarbeiter anschließend in das Gebäude zurückkehren. Ob die Drohung als gezielte Schikane oder als sogenannter Swatting-Angriff – bei dem eine fingierte Gefahr gemeldet wird, um Strafverfolgungsbehörden auf ein ahnungsloses Ziel zu hetzen – einzustufen ist, bleibt bislang ungeklärt.
Kein Einzelfall: Die Spielebranche als Zielscheibe
Was in Montpellier geschah, ist erschreckend – aber leider kein Novum. Ubisoft selbst war bereits 2020 betroffen, als eine vermeintliche Geiselnahme im kanadischen Studio Ubisoft Montreal für Panik sorgte, sich später jedoch ebenfalls als Fälschung herausstellte. Der Täter wurde letztlich zu drei Jahren gemeinnütziger Arbeit und verpflichtender psychiatrischer Betreuung verurteilt. Auch andere große Namen der Branche blieben nicht verschont: Nintendo musste wegen Drohungen eine Veranstaltung absagen, Insomniac Games und Capcom sahen sich mit Attacken konfrontiert, und Entwicklerin Laura Bailey erhielt nach The Last of Us Part 2 Morddrohungen – allein wegen der Rolle ihrer Figur Abby. Die erschreckende Gemeinsamkeit all dieser Fälle ist die relative Anonymität des Internets, die Hemmschwellen auf ein gefährliches Minimum sinken lässt.
Swatting und seine realen Folgen – ein branchenweites Problem
Besonders die Swatting-Problematik hat in den vergangenen Jahren dramatische Ausmaße angenommen. Streamer wurden mitten in laufenden Übertragungen von schwer bewaffneten Einsatzkräften heimgesucht, manche entwickelten infolge solcher Erlebnisse eine Traumafolgestörung. In einem besonders tragischen Fall verlor ein völlig unbeteiligter Mensch durch einen solchen Vorfall sein Leben – der Verursacher wurde schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Für die Mitarbeiter von Ubisoft Montpellier endete der Zwischenfall glimpflich, doch der psychische Nachhall dürfte noch eine Weile spürbar sein. Ob die Ermittlungsbehörden den Urheber der Bombendrohung identifizieren können, ist derzeit noch offen.