Stellt euch vor, euer Vermieter sagt: „Keine Sorge, die Mieterhöhung ist kein Problem“ – und wohnt selbst mietfrei. Genau das passiert gerade. Yves Guillemot, Chef von Ubisoft, hat auf einer Investorenkonferenz Sonys Ankündigung, ab Januar 2028 keine PlayStation-Discs mehr zu produzieren, als „no big deal“ bezeichnet. Natürlich tut er das. Die Frage ist nur: Hat er recht?
Warum Guillemot auf den PC zeigt – und warum der Vergleich hinkt
Guillemots Argument klingt auf den ersten Blick vernünftig. Der PC-Markt, sagt er, sei längst digital – und das habe dem Wachstum geholfen. „Was wir auf dem PC gesehen haben, ist, dass es dem Markt geholfen hat zu wachsen“, so Guillemot zu PCGamer. Dazu kämen Kostenvorteile: Weniger Hardware-Komplexität bedeute günstigere Konsolen. „Es gibt Vor- und Nachteile, aber wir glauben nicht, dass es die Industrie allzu sehr stören wird.“
Der Haken: Der PC ist kein geschlossenes System. Auf dem PC kann jeder Händler Spiele digital verkaufen, Plattformen wie GOG oder itch.io konkurrieren mit Steam, und Limited Run Games presst Indie-Titel auf USB-Sticks, wenn die Nachfrage da ist. Eine PlayStation-Konsole ist das Gegenteil: Sony kontrolliert, was drauf läuft, wo es gekauft wird und ob es überhaupt noch spielbar ist, wenn der PSN-Account gekündigt wird.
F-Squared-Analyst Michael Fuffter bringt es auf den Punkt: „Sony möchte uns einreden, dass der PC-Shift genauso funktioniert wie ein Konsolen-Übergang. Das stimmt einfach nicht.“ Guillemot tut in seiner Aussage so, als gäbe es diesen Unterschied nicht. Entweder aus Naivität – oder weil es ihm passt.
Was Guillemot nicht sagt: Milliarden Gründe für seine Gelassenheit
Ubisoft hat kein Interesse an physischen Spielen. Das klingt böser, als es ist, also rechnen wir kurz: Jede Disc, die Ubisoft pressen lässt, kostet Geld. Pressung, Verpackung, Logistik, Retailer-Marge, Rückläufer – das frisst Gewinn. Wenn Sony die Disc abschafft, entfallen diese Kosten einfach. Und der Umsatz pro Spiel steigt, weil kein Gebrauchtmarkt mehr existiert, der die Preise drückt.
Das ist kein Vorwurf, sondern schlichte Ökonomie. Jeder Publisher würde so argumentieren. Nur redet das keiner so offen aus. Während Sonys großer Irrtum in der Analysten-Kritik längst seziert wurde – der Second Hand Markt ist immerhin 7,2 Milliarden Dollar schwer –, stellt sich Guillemot als einziger CEO öffentlich vor die Entscheidung.
Für Ubisoft kommen noch zwei spezifische Faktoren dazu. Erstens: Der Publisher hat in den letzten Jahren Tausende Stellen gestrichen und Studios dichtgemacht. Jede Kostenersparnis ist willkommen. Zweitens: Ubisofts Geschäftsmodell setzt zunehmend auf Live-Service und wiederkehrende Einnahmen – ein Modell, das in einer Disc-Welt schwerer zu skalieren ist als in einer digitalen.
Der Rest der Industrie sieht es anders
Guillemot steht mit seiner Haltung ziemlich allein da. Die Entertainment Retailers Association (ERA) hat Sonys Entscheidung scharf kritisiert. CEO Kim Bayley spricht von „Corporate Convenience über Consumer Choice“ und sagt: „Eine Disc kann geteilt, weitergegeben, gesammelt, bewahrt werden – und vor allem Jahre später noch gespielt werden. Eine Download-Lizenz bietet keine dieser Freiheiten.“
Sonys Abschied von der Blu-ray hat eine Welle der Kritik ausgelöst, die selten in dieser Einigkeit zu sehen ist. Michael Pachter von Wedbush Securities sagt, der Konsument zahle den Preis „in Form weniger Optionen“. Morningstar-Analyst Kazunori Ito erinnert an die historische Ironie: PlayStation hatte sich bei der PS4 als Verfechter des Gebrauchtmarkts positioniert – als direkter Gegenentwurf zu Microsofts digitaler Xbox One. Jetzt macht Sony genau das, wogegen es damals antrat.
Und Fuffter, der F-Squared-Analyst, wird noch deutlicher: „Eine zutiefst verbraucherfeindliche Entscheidung ohne legitime Begründung, die eine Missachtung der Spieler im eigenen Ökosystem kommuniziert.“
Was meint ihr? Guillemot sagt, das Disc-Ende sei kein Problem für die Industrie – aber meint er damit die Industrie oder nur sein Unternehmen? Und fühlt ihr euch als Spieler von so einer Aussage abgeholt?