Stell dir vor, du setzt dein Haus absichtlich in Brand, rufst dann die Feuerwehr und erklärst ihr mit ernstem Gesicht, dass Brände eine große Gefahr für Immobilien darstellen. So ungefähr läuft es gerade bei Ubisoft. Der französische Publisher hat in den letzten Jahren über 3.600 Mitarbeiter entlassen, ganze Studios dichtgemacht – und verkündet jetzt im aktuellen Geschäftsbericht seelenruhig, dass der „Verlust von Schlüsselpersonal und Fachkenntnissen“ ein schwerwiegendes Risiko für den Konzern sei. Die Streiks der entlassenen Mitarbeiter in Barcelona laufen noch, während in Paris die Risikoanalyse erscheint.
3.600 Stellen weg – und plötzlich sind Talente unersetzlich
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Ja, Unternehmen müssen Kosten senken. Ja, die Games-Branche steckt in einer Konsolidierungswelle. Aber irgendwann hört der Spruch „we need to make difficult decisions“ auf, eine Ausrede zu sein, und wird zur Selbstdemontage. Ubisoft hat seit 2022 in Wellen entlassen – zuletzt im Juni 2026 mit einer weiteren Runde, die allein 380 Jobs betraf. Das XDefiant-Studio in San Francisco wurde komplett dichtgemacht. Osaka ebenfalls. Und in Barcelona gehen 51 Menschen auf die Straße, die genau an dem Spiel gearbeitet haben, das Ubisoft jetzt als Rettungsanker braucht: Assassin’s Creed Black Flag Resynced.
Und dann kommt der Geschäftsbericht für das FY2025-26. Der Konzern verzeichnet Net Bookings von nur noch 1,525 Milliarden Euro – ein Rückgang von 17,4 Prozent zum Vorjahr, wie der Geschäftsbericht dokumentiert. Und mitten in dieser Gemengelage findet sich der Abschnitt „Risks Related to Talent“. Da stehts schwarz auf weiß:
Der plötzliche Abgang von Mitgliedern der Kernentwicklungsteams könnte die Entwicklung des Konzerns beeinträchtigen und erhebliche Auswirkungen auf die redaktionelle Ausrichtung haben.
Man muss kein Rhetorik-Profi sein, um die Pointe zu sehen: Wer seine Kernentwicklungsteams systematisch dezimiert, darf sich nicht wundern, wenn sie plötzlich abgängig sind.
Was im Geschäftsbericht wirklich steht
Der Bericht selbst ist natürlich differenzierter, als es die Headline vermuten lässt. Ubisoft listet durchaus Maßnahmen auf, die das Problem adressieren sollen. Nachfolgepläne für Führungskräfte. Identifikation von „High-Potential-Employees“. Retention-Strategien. Sogar Partnerschaften mit Hochschulen, um neue Leute zu rekrutieren. Klingt vernünftig – bis man checkt, dass der Konzern „für neue Angestellte in höheren Positionen nicht attraktiv genug“ sei. Was für ein Wunder, wenn in der Branche jedes Gerücht über eine weitere Entlassungswelle wie ein Lauffeuer durch die Slack-Kanäle geht.
Der Bericht räumt auch ein, dass Ubisoft nicht nur mit direkten Konkurrenten aus der Games-Branche um Talente kämpft, sondern auch mit anderen Sektoren – Ingenieure werden händeringend gesucht, und wenn du die Wahl hast zwischen einem Job bei Ubisoft (Unruhe, Streiks, ungewisse Zukunft) und einem bei einem Tech-Konzern mit Planungssicherheit… tja.
Barcelona streikt, während Paris Pläne schmiedet
Die Pointe der Geschichte spielt sich parallel ab. Seit dem 30. Juni streiken die ehemaligen Mitarbeiter von Ubisoft Barcelona. Ausgerechnet dieses Team wurde entlassen, das an Black Flag Resynced arbeitet – dem Remake, das Ubisofts kommende Jahre tragen soll. Der Streik endet am 16. Juli, sechs Streiktage über drei Wochen verteilt. Und während in Barcelona Plakate hochgehalten werden, formuliert Yves Guillemot im Geschäftsbericht Sätze wie: „Unsere Transformation erfordert schwierige Entscheidungen, aber sie sind notwendig, um Ubisoft die Struktur, den Fokus und die Flexibilität zu geben, die für eine nachhaltige Leistung erforderlich sind.“ Das ist so abstrakt und hohl, dass selbst eine PR-Agentur die Stirn runzeln würde.
Die eine Frage, die Ubisoft nicht beantwortet
Hier ist der Punkt, den der Geschäftsbericht elegant umschifft: Wie will Ubisoft Talente halten, während der Konzern öffentlich signalisiert, dass jeder Job zur Disposition steht? Die neuen Creative Houses, der Tencent-Deal, die Sparziele – das sind alles Strukturmaßnahmen. Aber Vertrauen lässt sich nicht umstrukturieren. Die Leute, die jetzt gehen oder gehen werden, sind genau die, die den Bericht als das lesen, was er ist: ein Alarmzeichen.
Ubisoft hat sich in eine paradoxe Lage manövriert. Um zu überleben, muss der Konzern Kosten senken. Um zu wachsen, braucht er die besten Leute. Aber genau diese Leute sind die ersten, die gehen, wenn sie die Kosten senken sehen. Der Geschäftsbericht dokumentiert dieses Dilemma auf eine fast schon schmerzhaft ehrliche Weise – nur leider ohne einen Ausweg zu nennen.