Crimson Desert ist seit seinem Launch in aller Munde, und Pearl Abyss dürfte mit dem Erfolg des eigenen Open-World-Abenteuers durchaus zufrieden sein. Doch nicht jeder in der Spielebranche blickt uneingeschränkt wohlwollend auf das Werk – zumindest nicht ohne einen kritischen Unterton. Was Michael Douse, der Veröffentlichungsdirektor von Larian Studios, über das Spiel zu sagen hat, klingt auf den ersten Blick vernichtend, ist bei genauerem Hinsehen aber differenzierter als der erste Satz vermuten lässt.
Douse nennt das Kind beim Namen – mit Einschränkungen
Douse formulierte seine Einschätzung auf gewohnt direkte Art: Crimson Desert mache zwar Spaß, sei aber eine zynische Zusammenballung geborgter Spielmechaniken. Er verglich das Spiel mit einem billigen Sampler-Album, das gedankenlos aus dem Regal eines Tankstellenshops gegriffen wird – für manche ein Seitenhieb, für andere schlicht eine ehrliche Bestandsaufnahme. Gleichzeitig ergänzte er, dass sich dies kaum von anderen großen Produktionen des Genres unterscheide, die ebenfalls aus dem eigenen Erbe schöpfen. Sein Urteil: Crimson Desert füge dem Eintopf wenigstens neue Zutaten hinzu, anstatt welche zu entfernen. Und er zeigte sich sogar angetan von der Entwicklungsdynamik des Spiels – so sehr, dass er sich einen Moment wie den Sprung von Dragon’s Dogma zu Dark Arisen erhofft, da die Eigendynamik des Titels genau dorthin zu deuten scheine.
Warum die Kritik nicht aus der Luft gegriffen ist
Die Debatte um Crimson Desert ist keine Einzelerscheinung. Wer einen Blick auf kommende Titel wie Ananta wirft, ein kostenloses Action-Rollenspiel, das offenkundig bei Marvel’s Spider-Man, Sleeping Dogs und einer ganzen Reihe weiterer Spiele bedient hat, erkennt das Muster, das Douse beschreibt. In einer Branche, in der große Produktionen zunehmend auf bewährte Formeln setzen, weil das Risiko kalkulierbarer wird und die Investoren ruhiger schlafen, ist das kein Zufall, sondern Strategie. Douse spricht aus, was viele denken, aber selten so unverblümt formulieren. Der PR-Direktor von Pearl Abyss, Will Powers, hatte zuvor selbst eingeräumt, dass es anmaßend wäre zu behaupten, andere Spiele hätten keinen Einfluss auf die eigene Entwicklungsarbeit. Eine Aussage, die Douses Kritik nicht entkräftet, sondern eher unterstreicht.
Crimson Desert bleibt trotzdem ein Erfolg
Was man bei all dem nicht vergessen darf: Crimson Desert verkauft sich gut, und die Community-Resonanz hat sich nach dem jüngsten Patch nochmals spürbar verbessert. Fünf neue dauerhafte Reittiere, die Entfernung von KI-generierten Assets und handfeste Leistungsverbesserungen zeigen, dass Pearl Abyss auf Rückmeldungen reagiert und das Spiel aktiv weiterentwickelt. Ob man Douses Einschätzung teilt oder nicht, ändert nichts daran, dass das Spiel eine treue Spielerschaft gefunden hat und der Funken offensichtlich übergesprungen ist. Vielleicht ist ein Sampler-Album manchmal eben genau das, was die Leute hören möchten.


