Zwei Worte, die Ubisofts Belegschaft inzwischen fürchten muss: „nächste Sparrunde“. Der Publisher schließt seine Studios in Winnipeg und Belgrad, baut fast ein Drittel der Belegschaft in Barcelona ab und streicht Stellen im globalen Publishing. Insgesamt sind bis zu 380 Jobs betroffen. Es ist bereits die sechste Entlassungswelle allein in diesem Jahr – und sie trifft ausgerechnet die Teams, die an Marken wie Rainbow Six Siege, Assassin’s Creed und Far Cry mitgearbeitet haben.
Das ganze Ausmaß der Entlassungen – drei Studios, 380 Jobs
Ubisoft Winnipeg, 2018 als Supportstudio gegründet und zuletzt an Rainbow Six Mobile sowie dem gescheiterten Free-to-Play-Shooter XDefiant beteiligt, wird komplett dichtgemacht. Rund 65 Beschäftigte verlieren ihren Job, nach Informationen von Insider Gaming erfuhren sie davon in einer internen Besprechung. Ubisoft Belgrad trifft es noch härter: Das 2016 mit zehn Leuten gestartete Studio wuchs auf etwa 100 Mitarbeiter an und war an Ghost Recon Breakpoint, The Crew 2 und Skull & Bones beteiligt – jetzt ist Schluss, alle werden entlassen.
Ubisoft Barcelona bleibt bestehen, aber zu einem hohen Preis. 51 Stellen fallen weg, das sind 28 Prozent der Belegschaft. Das Studio soll sich künftig ausschließlich auf das Rainbow Six Franchise konzentrieren – ein massiver Einschnitt für ein Team, das zuvor an einem breiten Portfolio von Assassin’s Creed über The Crew bis Immortals: Fenyx Rising gearbeitet hat. GamesIndustry.biz berichtet, dass parallel auch die globale Publishing-Organisation Stellen abbaut, genaue Zahlen stehen wegen laufender Verfahren in verschiedenen Ländern noch aus.
KI-Investitionen und kreativer Aderlass – eine Strategie voller Widersprüche
Während Entwickler ihre Schreibtische räumen müssen, spricht CEO Yves Guillemot auf Konferenzen über die transformative Kraft generativer KI. Open-World-Spiele sollen dadurch „lebendiger“ werden. Das Problem: Ubisoft streicht massiv Personal bei genau den Leuten, die diese Welten tatsächlich bauen, und setzt parallel auf eine Technologie, die langfristig weitere Jobs überflüssig machen könnte. Für die verbleibende Belegschaft ist das ein verheerendes Signal.
Der kreative Aderlass geht über die Studioschließungen hinaus. Mit Marc-Alexis Côté verließ der langjährige Assassin’s Creed Franchise-Leiter das Unternehmen – und Marc-Alexis Côté verklagte Ubisoft auf fast eine Million Dollar wegen konstruktiver Entlassung. Auch Clint Hocking, Creative Director von Assassin’s Creed Hexe, und Benoit Richer, Game Director desselben Projekts, sind weg. Wenn ein Publisher gleichzeitig seine kreativsten Köpfe verliert und auf KI setzt, stellt sich die Frage, wer die Spiele von morgen eigentlich noch designen soll.
Die Projektpipeline gibt ebenfalls Anlass zur Sorge: Splinter Cell Remake und Far Cry 7 verschieben sich offenbar bis 2027, das Release-Lineup für das laufende Jahr ist mit zwei Remakes – Black Flag Resynced und Rayman Legends Retold – ausgesprochen dünn. Ubisoft löste Red Storm Entertainment faktisch auf, ein weiteres Traditionsstudio, das dem Sparkurs zum Opfer fiel. Die Bilanz ist bitter.
Der Machtkampf in der Chefetage – die Guillemot-Familie gegen den Rest
Hinter den Kulissen tobt ein Kampf um die Zukunft des Unternehmens. Die Gründerfamilie Guillemot kämpft verbissen darum, die Kontrolle zu behalten, während Investoren zunehmend unruhig werden. Ubisoft wurde intern in fünf sogenannte kreative Häuser aufgeteilt. Das größte davon, Vantage Studios, ist das einzige mit einem richtigen Namen – und wird von Charlie Guillemot geleitet, dem Sohn des CEOs. Vantage kontrolliert die wichtigsten Marken: Assassin’s Creed, Far Cry und Rainbow Six.
Die Struktur ist kein Zufallsprodukt. Sie bündelt die wertvollsten Assets unter direkter familiärer Kontrolle, während kleinere Studios geschlossen oder auf Support-Aufgaben reduziert werden. Côtés Klage macht das Ausmaß des Kontrollverlusts für langjährige Führungskräfte deutlich: Seine Position als Franchise-Chef wurde durch die Vantage-Gründung faktisch entwertet, die angebotene Alternative – ein „Creative House“ für unbedeutendere Marken in Frankreich – kam einer Degradierung gleich. Er lehnte ab und ging. Ubisoft nannte das öffentlich eine „freiwillige Entscheidung“. Côté nennt es eine verdeckte Entlassung.
Für die verbliebenen Studios bedeutet die neue Struktur: Weniger Autonomie, mehr zentrale Steuerung durch Vantage. Barcelona wurde bereits auf Rainbow Six verengt. Andere Supportstandorte dürften folgen. Die Botschaft an die Belegschaft ist klar: Wer nicht an einem der Top-Franchises arbeitet, sitzt auf einem Schleudersitz.