Marc-Alexis Côté, langjähriger Ubisoft-Veteran und ehemaliger Chef der Assassin’s Creed-Franchise, lässt nicht locker: Er verklagt seinen früheren Arbeitgeber auf satte 1,3 Millionen kanadische Dollar, umgerechnet knapp 1 Million US-Dollar. Der Vorwurf wiegt schwer: „Konstruktive Entlassung“ – ein Euphemismus dafür, dass Ubisoft ihn angeblich durch Demontage seiner Position quasi zur Kündigung gedrängt haben soll, um Abfindungszahlungen zu umgehen. Nach über zwei Jahrzehnten bei Ubisoft, in denen Côté Meilensteine wie Prince of Persia: The Forgotten Sands und Assassin’s Creed Brotherhood mitverantwortete, fand seine Ära ein jäher, bitteres Ende. Auslöser war die Gründung von Vantage Studios, einer Tochtergesellschaft unter Leitung von Charlie Guillemot, dem Sohn von Ubisoft-CEO Yves Guillemot. Diese neue Firma übernahm die Kontrolle über Flaggschiff-Franchises wie Assassin’s Creed, Far Cry und Rainbow Six – und degradierte Côté faktisch zur Nebensache.
Vom Franchise-Kapitän zum Nebenrolle: Die verheerende Umstrukturierung
Laut Radio-Canada sollte Côté nach der Gründung von Vantage Studios im Oktober 2025 von seiner prestigeträchtigen Position als Assassin’s Creed-Chef auf einen Posten als Leiter eines „Creative House“ wechseln. Klingt vielleicht nach Beförderung, ist es aber nicht: Diese Rolle hätte ihn von Kanada nach Frankreich verfrachtet und ihm die Aufsicht über kleinere, weniger bedeutende Franchises übertragen. Für jemanden, der jahrelang das Flaggschiff steuerte und maßgeblich die Strategie des Studios mitgestaltete, war das eine kaum zu verschleiernde Herabstufung. Côté lehnte ab und verließ das Unternehmen – woraufhin Ubisoft öffentlich von einer „freiwilligen“ Entscheidung fabulierte. Diese Darstellung bezeichnet Côté laut seiner Klage als überraschend und irreführend, denn aus seiner Sicht wurde ihm keine echte Wahl gelassen.
Über 20 Jahre Dienst, dann der Dolchstoß
Marc-Alexis Côté ist kein Unbekannter in der Branche. Seine Karriere bei Ubisoft erstreckte sich über mehr als zwei Dekaden und umfasste Rollen als Entwickler, Game Director und schließlich Senior Producer. Von Assassin’s Creed 3 über Odyssey bis hin zu Shadows prägte er die Richtung der Serie entscheidend mit. Es war Côté, der 2022 verkündete, Ubisoft würde sich von der jährlichen Release-Kadenz verabschieden und auf längere Entwicklungszyklen setzen – eine Strategie, die als Antwort auf zunehmende Qualitätsprobleme und Fan-Kritik gedacht war. Nun, nach all diesen Verdiensten, fühlt sich der erfahrene Entwickler ausrangiert. Seine Klage fordert nicht nur entgangene Abfindungen, sondern auch „moralische Schäden“, was darauf hindeutet, dass er sich in seiner Würde verletzt sieht.
Vantage Studios: Der Guillemot-Sprössling übernimmt das Ruder
Vantage Studios wurde im Oktober 2025 aus der Taufe gehoben und soll die Entwicklung und Expansion von Ubisofts wichtigsten Marken steuern. Geleitet wird die Tochterfirma von Charlie Guillemot, Sohn des Ubisoft-CEOs, zusammen mit Christophe Derennes als Co-CEO. Die Botschaft war klar: Entwickler sollen mehr Kontrolle über ihre Projekte erhalten, während man gleichzeitig Ressourcen und technisches Know-how bündelt. Doch für etablierte Führungskräfte wie Côté bedeutete das Machtverlust. Vantage übernimmt nun Studios in Montréal, Québec, Sherbrooke, Saguenay, Barcelona und Sofia – also Kernstandorte, die bisher unter Côtés Einfluss standen. Die Tatsache, dass ein Guillemot-Familienmitglied an die Spitze gesetzt wurde, lässt Raum für Spekulationen über Vetternwirtschaft.
Ubisofts wortreiche, aber hohle Abschiedsfloskeln
In einer offiziellen Stellungnahme zu Côtés Abgang schrieb Ubisoft: „Nach der organisatorischen Umstrukturierung, die im März 2025 angekündigt wurde, hat Marc-Alexis Côté beschlossen, einen neuen Weg außerhalb von Ubisoft einzuschlagen. Wir sind zutiefst dankbar für den Einfluss, den Marc-Alexis über die Jahre hatte, insbesondere bei der Gestaltung der Assassin’s Creed-Marke zu dem, was sie heute ist. Seine Führung, Kreativität und Hingabe haben einen bleibenden Eindruck bei unseren Teams und unseren Spielern hinterlassen.“ Schöne Worte, doch Côté sieht das anders: Für ihn ist diese Darstellung eine Verschleierung der Tatsache, dass er faktisch entlassen wurde, ohne die üblichen Abfindungen zu erhalten.
Was bedeutet das für Assassin’s Creed und die Franchise-Zukunft?
Der Rechtsstreit wirft ein grelles Licht auf die internen Machtkämpfe bei Ubisoft. Während die Öffentlichkeit auf Assassin’s Creed Shadows und Codename Hexe wartet, tobt hinter den Kulissen offenbar ein Kampf um Einfluss und Anerkennung. Côtés Klage könnte Präzedenzfälle schaffen und andere ehemalige Mitarbeiter ermutigen, ebenfalls rechtlich vorzugehen. Für Ubisoft kommt der Prozess zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Das Unternehmen kämpft bereits mit sinkenden Aktienkursen, enttäuschenden Verkaufszahlen und einem angeschlagenen Ruf. Ein verlorener Gerichtsprozess würde das Image weiter beschädigen.