Das nächste Ghost Recon steckt offenbar tiefer in der Krise, als Ubisoft nach außen trägt. Interne Dokumente, die Insider Gaming jetzt öffentlich gemacht hat, zeichnen ein desaströses Bild: Meilensteine der Alphaphase gerissen, Fristen von Anfang an illusorisch, die Führungsriege beratungsresistent. Dass ausgerechnet Ghost Recon Over kollabiert, während der Publisher kaum nennenswerte Blockbuster in der Pipeline hat, macht die Sache für den angeschlagenen Konzern doppelt brisant.
Warum Ghost Recon Over die Meilensteine der Alphaphase gerissen hat
Den Recherchen von Insider Gaming zufolge, basierend auf einem internen Memo und Aussagen anonymer Quellen, lässt die Lage wenig Raum für Schönfärberei. Ghost Recon Over – intern unter dem Codenamen Project OVR geführt – hat die selbst gesteckten Meilensteine der Alphaphase krachend verfehlt. Das ist keine Lappalie: Die Alphaphase gilt als entscheidender Lackmustest, ob eine spielbare Grundlage steht, auf der sich aufbauen lässt.
Als Gründe nennen die Quellen „unrealistische Deadlines“ sowie „mangelhafte Planung und Führung“. Ein Satz aus dem Memo, den Insider Gaming zitiert, fasst die Stimmung treffend zusammen: „Wenn ich diese E-Mail zu einer Produktion bekäme, würde das in der Regel bedeuten, dass die Dinge schlecht stehen.“ Noch brisanter: Alternative Produktionspläne, die das Entwicklungsteam vorschlug, wurden von der Ubisoft-Zentrale abgelehnt. Gleichzeitig sollen die verantwortlichen Direktoren das Feedback aus der Konzernspitze schlicht ignorieren.
Mit anderen Worten: Die Kommunikation zwischen Studio und Publisher ist offenbar so zerrüttet, dass niemand mehr weiß, wer eigentlich das Sagen hat – während das Projekt sehenden Auges gegen die Wand fährt.
Bruno Galet und zwei Vizepräsidenten übernehmen Ghost Recon Over
Ubisoft hat die Dimension des Problems offenbar erkannt und reagiert mit einem Führungsumbau auf höchster Ebene. Bruno Galet, bislang Director der Western Europe und China Studios, übernimmt als Senior Producer die Leitung des Project OVR Teams. Zusätzlich wurden Jean-Baptiste Duval, Vice President of Production, und Julien Sansalone, Vice President des globalen Kreativbüros, ins Projekt geholt. Laut Memo sollen beide „präsenter im operativen Tagesgeschäft“ sein – was im Klartext bedeutet, dass die Konzernspitze dem bisherigen Team nicht mehr zutraut, das Projekt allein zu stemmen.
Dass gleich drei Führungskräfte dieser Ebene an ein einzelnes Projekt angesetzt werden, ist ungewöhnlich und unterstreicht den Ernst der Lage. Ubisoft selbst bezeichnet das Fundament des Spiels im Memo zwar als „stark“, doch nach den Recherchen von GameSpot wirkt das eher wie der Versuch, die Belegschaft zu beruhigen, während oben die Notbremse gezogen wird.
Was die Ghost Recon Over Krise für Ubisofts Veröffentlichungsplan bedeutet
Für Ubisoft kommt die Krise zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der Publisher hat 2026 außer dem Remake Assassin’s Creed Black Flag Resynced im Juli und Rayman Legends Retold im Oktober kaum Blockbuster am Start. Ein Blick auf Ubisofts Pipeline für 2026 und 2027 zeigt, wie dünn das Lineup ohne Ghost Recon tatsächlich wäre. Splinter Cell Remake und Far Cry 7 kämpfen eigenen Berichten zufolge mit massiven Entwicklungsproblemen und verschieben sich Richtung 2027 oder später.
Hinzu kommt: Ubisoft hat gerade erst die jüngsten Studioschließungen in Winnipeg und Belgrad hinter sich – 380 Jobs gestrichen, die sechste Entlassungswelle in einem Jahr. Und die faktische Auflösung von Red Storm Entertainment, das zuvor unter anderem an Ghost Recon Over mitgearbeitet hatte, reißt eine weitere Lücke. Wenn Ghost Recon Over jetzt komplett neugestartet oder gar eingestampft wird, fehlt Ubisoft 2027 ein zentraler Umsatztreiber. Der Druck auf die verbliebenen Projekte ist immens.
Warum die Ghost Recon Over Belegschaft stille Entlassungen und einen Neustart fürchtet
Die Stimmung in Ubisofts Pariser Studio ist entsprechend angespannt. Quellen berichten von bereits erfolgten „stillen Entlassungen“ im Project OVR Team, und viele Mitarbeiter rechnen fest mit weiteren Kündigungen. Intern kursieren Gerüchte, dass das Projekt entweder komplett neugestartet oder zugunsten eines anderen Titels ganz eingestellt werden könnte – je nachdem, wie schnell Galet und die beiden Vizepräsidenten die Lage in den Griff bekommen.
Das passt ins Bild eines Unternehmens, das seit Monaten zwischen Sparkurs, kreativem Aderlass und verzweifelten Rettungsversuchen taumelt. Erst kürzlich hatte ein anonymer Ubisoft-Mitarbeiter gegenüber GameFile das Eingeständnis eines anonymen Ubisoft-Mitarbeiters formuliert, dass das obere Management strukturelle Probleme nicht erkenne – geschweige denn behebe – und die Konsequenzen immer auf die Entwicklungsteams abwälze. Ghost Recon Over wirkt wie der nächste Beleg für genau diese Diagnose.
Die Frage ist nicht mehr, ob es bei Ubisoft kriselt. Die Frage ist, ob der Publisher noch ein Projekt stemmen kann, das nicht unter der Last des eigenen Managements zerbricht.