Wenn ein Spielprojekt die Alphaphase verfehlt, ist das ein Alarmzeichen. Wenn dann eine Woche später drei Features komplett gestrichen werden und ein halbes Dutzend weitere auf unbestimmte Zeit verschoben werden, ist das kein Alarm mehr – das ist der Feueralarm, bei dem man langsam überlegt, ob man nicht besser das Gebäude verlässt. Genau da steht Ghost Recon Ovr gerade. Insider Gaming hat die nächste Ladung interner Dokumente aus dem Ubisoft-Projekt bekommen, und die zeichnen ein Bild, das selbst nach der letzten Krise-Welle noch ungemütlicher wirkt. Über die verpassten Alphaziele und den desaströsen Zustand haben wir schon berichtet – jetzt kommen die konkreten Zahlen.
Drei Features weg, der Rest auf Eis
Fangen wir mit dem Konkreten an. Laut Insider Gaming Chefredakteur Mike Straw, der Einblick in Projektdokumente hatte, sind drei geplante Features komplett aus dem Spiel geflogen:
Helikopter – komplett raus. Die Begründung aus dem Team: zu riskant. Also nicht etwa zu teuer oder zu aufwendig, sondern schlicht: Die Heli-Integration mit KI-Flugpfaden, Kollisionserkennung und Squad-Koordination wäre in der verbleibenden Zeit nicht stabil zu bekommen gewesen.
Die Werkbank – also das System für tiefgehende Waffenmodifikation – gibt es auch nicht mehr in der geplanten Form. Waffen anpassen kann man wohl immer noch, aber der ursprünglich angedachte Detailgrad wurde radikal zusammengestrichen.
Näherungsminen – ebenfalls gestrichen.
Dazu kommen Features, die nicht gestrichen, aber auf unbestimmte Zeit verschoben wurden: eine Camp-Jammer-Fähigkeit, die Möglichkeit gefesselte Geiseln zu befreien und ein haufen weiterer Mechaniken, die frühestens nach der Alpha wieder auf dem Tisch landen – darunter NPCs, die Geiseln exekutieren oder aus fahrenden Fahrzeugen schießen können, und eine Ingame-Währung namens Cryptel.
Warum ausgerechnet jetzt?
Wenn man die letzten Wochen Revue passieren lässt, ergibt das Bild eine erschreckende Logik. Erst der Bericht über die verpassten Alphameilensteine, dann die Info, dass der Scope radikal reduziert wurde, jetzt die konkreten Feature-Streichungen. Das ist kein Chaos – das ist ein Projekt, das in Zeitlupe gegen die Wand fährt, während drei frisch eingesetzte Vizepräsidenten versuchen, noch das Steuer rumzureißen.
Die Quellen beschreiben das Muster inzwischen als systemisch: unrealistische Deadlines von oben, Ignorieren von Gegenvorschlägen aus dem Team, und dann, wenn es zu spät ist, der reflexive Griff zum Rotstift. Dass Ubisoft auf mehrfache Anfragen zu den aktuellen Berichten nicht reagiert hat, spricht Bände.
Interessant ist, dass Ovr angeblich keine Gefahr eines kompletten Reboots oder einer Einstellung läuft. Aber bei dem Tempo, mit dem hier Features sterben, ist die Frage erlaubt, was am Ende tatsächlich übrig bleibt.
Dunkel, härter, taktischer – aber wovon?
Ubisoft hatte Ovr als düsteren, realistischen Taktik-Shooter beschrieben – inspiriert von Ready or Not, dem Hardcore-CQB-Spiel, das seit 2023 die Messlatte für immersive Taktik-Shooter setzt. Das klang nach einer Rückkehr zu den Wurzeln der Serie, zu einer Zeit, als Ghost Recon noch für authentische Militärtaktik stand und nicht für lootbare Open-World-Feindbasen.
Aber je mehr Features gestrichen werden, desto lauter wird die Frage: Was bleibt von dieser Vision übrig, wenn die Systeme, die einen Taktik-Shooter ausmachen – Squad-KI, dynamische Bedrohungslagen, taktische Werkzeuge – dem Rotstift zum Opfer fallen?
Ein düsterer Shooter ohne Helikopter und mit reduzierter Waffenanpassung ist erstmal nur ein düsterer Shooter. Die Magie liegt im Detail, und genau die Details wurden gestrichen.