Baldur’s Gate 2 könnte als vollwertiges Remake zurückkehren. Wizards of the Coast arbeitet nach einem Bericht von PC Gamer an einer Neuauflage des legendären BioWare-Rollenspiels – und hat dafür den ehemaligen Co-Lead-Designer Kevin Martens reaktiviert. Der arbeitet derzeit eigentlich am Sci-Fi-RPG Exodus, doch die Verbindung zu den klassischen Schatten von Amn-Wurzeln ist kein Zufall. Brisant: Parallel soll auch das erste Baldur’s Gate die Remake-Behandlung bekommen. All das steht jedoch auf wackligen Füßen – die gesamte Geschichte basiert auf einer einzigen anonymen Quelle, und Hasbro schweigt eisern. Noch.
Eine anonyme Quelle, ein großer Name – und 25 Jahre alte Knochen
PC Gamer berichtet unter Berufung auf eine anonyme Quelle, dass Wizards of the Coast ein Remake von Baldur’s Gate II: Schatten von Amn entwickelt. Kevin Martens, der 2000 bei BioWare Co-Lead-Designer des Originals war, soll bereits aktiv am Projekt arbeiten. Eurogamer griff die Meldung auf und bestätigte, dass Hasbro sich nicht zu Gerüchten äußern will – Martens selbst reagierte nicht auf Presseanfragen.
Martens ist kein Unbekannter. Nach BG2 und der Erweiterung Thron des Bhaal wechselte er zu Blizzard, verantwortete als Lead Content Designer die umstrittene Itemisierung von Diablo 3, arbeitete an Destiny 2 und landete schließlich bei Archetype Entertainment, einem WotC-Tochterstudio in Austin. Dort werkelt er an Exodus, einem Mass-Effect-artigen Sci-Fi-RPG. Dass er parallel ein BG2-Remake betreut, wirft Fragen auf: Wie viele Stunden bleiben da realistisch für die Schwertküste?
Noch diffuser wird es durch die These von PC-Gamer-Autor Fraser Brown, dass „wahrscheinlich beide Spiele die Remake-Behandlung bekommen“. Denn BG2 ist eine direkte Fortsetzung des ersten Teils – wer nur den zweiten aufhübscht, reißt die Geschichte in der Mitte auseinander. Die gleichzeitige Entwicklung von Baldur’s Gate II: Schatten von Amn und dem Vorgänger bedeutete aber ein Monsterprojekt von mehreren hundert Stunden Rollenspiel-Content. Zum Vergleich: Virtuos brauchte vier Jahre für Oblivion Remastered – ein einziges Spiel.
Wer soll das entwickeln? Hasbros Studio-Puzzle
Die entscheidende Frage, die der PC-Gamer-Bericht offen lässt: Wer genau baut diese Remakes? Wizards of the Coast ist ein Publisher, kein Entwicklungsstudio. Hasbro besitzt vier interne Spieleentwickler – und alle sind bereits verplant:
- Archetype Entertainment (Austin): Entwickelt Exodus unter BioWare-Veteran James Ohlen. Kevin Martens arbeitet hier, was die Personalie erklärt – aber Archetype hat mit Exodus alle Hände voll zu tun. Remakes als Side-Projekt? Möglich, aber ambitioniert.
- Invoke Studios (Montreal, ehemals Tuque Games): Arbeitet bestätigt an einem AAA-D&D-Spiel in der Unreal Engine 5. Rund 175 Mitarbeiter. Das Studio steckt hinter dem misslungenen Dark-Alliance-Reboot – kein Vertrauensvorschuss. Laut einer detaillierten Analyse von Eurogamer.de wurde Invokes Projekt bereits 2022 angekündigt – also vor BG3s durchschlagendem Erfolg. Ob es sich um ein Baldur’s-Gate-Remake handelt, ist unklar.
- Skeleton Key (Austin): Neues Studio unter Corinne Busche (ex-Dragon Age: Veilguard). Arbeitet laut Website an einem Horror-inspirierten Titel – „zum Nachdenken anregende Momente voller Spannung“. Klingt nicht nach isometrischem Rollenspiel.
- Atomic Arcade: Entwickelt ein GI-Joe-Spiel um Snake Eyes. Kein D&D-Bezug.
Bleibt also Invoke als wahrscheinlichster Kandidat – oder ein noch nicht angekündigtes Team, das direkt unter Martens aufgebaut wird. Ein Szenario, das die fadenscheinige Quellenlage erklären würde: Wenn das Projekt noch in der Frühphase steckt, existieren kaum dokumentierbare Fakten.
AD&D-Regeln, Divinity-Engine und das THAC0-Problem
Das Original von 2000 basiert auf den Advanced-Dungeons-&-Dragons-Regeln der 2. Edition – komplett mit THAC0 („To Hit Armor Class 0″), einem Berechnungssystem, bei dem niedrigere Rüstungsklassen besser sind. Wer heute einsteigt und BG3 mit seinem klaren 5e-Regelwerk gewohnt ist, wird bei THAC0 verzweifeln.
Die zentrale Frage für ein Remake: Bleibt das sperrige 2nd-Edition-System erhalten, wechselt man auf die moderne 5. Edition, oder entsteht ein Hybrid? Ersteres dürfte Neueinsteiger abschrecken, Zweiteres die hartgesottenen Fans vergraulen, die Echtzeit mit Pause gegenüber BG3s rundenbasiertem System bevorzugen.
Noch grundlegender ist die Engine-Frage. Baldur’s Gate 3 lief auf der Divinity-Engine von Larian – und Larian werkelt längst an einem neuen Divinity, hat keinerlei Interesse an D&D-Lizenzspielen und wird seine proprietäre Technologie nicht herausrücken. Die wahrscheinlichste Option ist die Unreal Engine 5 – ohnehin der Branchenstandard und von Invoke bereits im Einsatz. Ob ein UE5-basiertes Remake die isometrische Perspektive und das kampfsystemische Gefühl von Baldur’s Gate 2 einfangen kann, steht auf einem anderen Blatt.
Zwischen Enhanced Edition und Oblivion Remastered: Was heißt hier Remake?
Beamdog hat 2013 bereits Enhanced Editions beider Spiele veröffentlicht – mit Zoom-Funktion, neuen Begleitern und modernen Betriebssystem-Kompatibilitäten. Ein Remake muss also signifikant mehr bieten als die Enhanced Editions und die unzähligen Mods, die der Community seit einem Vierteljahrhundert zur Verfügung stehen.
Die mögliche Bandbreite:
- Grafisches Remake auf existierendem Regelgerüst – neue Assets, moderne Beleuchtung, aber identische Spielmechanik. So ähnlich wie Oblivion Remastered, nur aufwändiger.
- Vollständige Neuentwicklung – neue Engine, überarbeitetes Kampfsystem (optional rundenbasiert), neu vertonte Dialoge, aber originalgetreue Story.
- Reimagining – die Handlung von BG1+2 als Grundgerüst, komplett neu interpretiert mit modernem RPG-Design à la BG3. Das wäre das riskanteste, aber potenziell lukrativste Modell.
Dass Hasbro den Bogen zum gleichzeitigen Baldur’s Gate 4 schlagen will, deutet PC Gamer an: Remakes von BG1+2 als Appetithappen für einen echten Nachfolger – eine Strategie, die angesichts von 20 Millionen verkauften Exemplaren von BG3 kaufmännisch nachvollziehbar wäre, zumal Hasbro fast das gesamte Team entlassen hat, das mit Larian an BG3 arbeitete.
Ob die Remakes tatsächlich existieren oder ob PC Gamers anonyme Quelle eher Wunschdenken als Realität abbildet, wird sich frühestens dann zeigen, wenn Hasbro kommentiert – oder ein Trailer auftaucht. Wie das Gothic-Remake zeigt, können zwischen Gerücht und spielbarem Produkt Jahre liegen. Bei Baldur’s Gate 2 dürfte es nicht anders sein.