The Witcher 3: Wild Hunt hat die nächste Verkaufsschallmauer durchbrochen: 65 Millionen Exemplare hat CD Projekt REDs Rollenspiel-Moloch inzwischen abgesetzt – fünf Millionen mehr als noch vor einem Jahr. Parallel dazu sickern aus der Investorenkonferenz und dem Blood-and-Wine-Jubiläumsstream neue Details zur dritten Erweiterung Songs of the Past durch, die 2027 erscheinen soll. CD Projekts Joint CEO Michał Nowakowski orakelt von einer „neuen Begegnung mit dem Hexer-Universum“ – doch hinter der geschliffenen PR-Rhetorik steckt vor allem eins: ein kühl kalkulierter Lückenfüller.
65 Millionen und kein Ende – Witcher 3 bleibt CD Projekts unverwüstliche Cash-Cow
Elf Jahre nach Release verkauft sich The Witcher 3 noch immer wie geschnitten Brot. Mit 65 Millionen verkauften Exemplaren hat sich das Spiel inzwischen auf Platz 8 der meistverkauften Titel aller Zeiten katapultiert – vor The Elder Scrolls V: Skyrim (60 Millionen) und hinter PUBG (75 Millionen). Die im ersten Quartal 2026 erzielten 191 Millionen polnische Złoty Umsatz (rund 42,5 Millionen Euro) und 106 Millionen Złoty Nettogewinn (etwa 23,6 Millionen Euro) untermauern, dass weder The Witcher 3 noch Cyberpunk 2077 auch nur ansatzweise an Zugkraft verlieren.
Finanzchef Piotr Nielubowicz unterstrich in der Bilanzpressekonferenz, das Studio sei mit einer Barreserve von 1,4 Milliarden Złoty (rund 311 Millionen Euro) „bestens gerüstet, um die parallele Entwicklung an mehreren Projekten weiter zu intensivieren“ – eine kaum verhüllte Referenz auf The Witcher 4, an dem inzwischen fast 500 Entwickler arbeiten, sowie den Cyberpunk-Nachfolger.
Doch so üppig die Kriegskasse auch gefüllt ist: Zwischen jetzt und dem realistischen Witcher-4-Release (frühestens Ende 2027, eher 2028) klafft ein Loch im Veröffentlichungskalender, das mit Merch und Netflix-Serien allein nicht zu stopfen ist. Genau hier setzt Songs of the Past an.
Was steckt wirklich in Songs of the Past? Die Faktenlage
CD Projekt RED hält sich mit konkreten Informationen erwartungsgemäß zurück – der große Info-Drop soll erst im Spätsommer 2026 folgen. Trotzdem hat der Blood-and-Wine-Jubiläumsstream am 28. Mai einige Puzzleteile geliefert. Die gesicherten Fakten:
- Geralt von Riva kehrt als Protagonist zurück – nicht Ciri, wie viele nach den ersten Gerüchten spekuliert hatten.
- Der Umfang soll sich an Blood and Wine orientieren. Community-Managerin Laura Beitzel stellte im Stream klar: „Songs of the Past wird dem entsprechen, was ihr von Blood and Wine kennt und von uns bei Erweiterungen erwartet.“ Blood and Wine bot rund 30 Stunden Spielzeit – eine Ansage für das relativ kleine Co-Entwicklerstudio Fool’s Theory.
- Plattformen: Nur PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC. Die Nintendo Switch (und auch die Switch 2) bleiben außen vor.
- Neue Gwint-Karten wurden bestätigt.
- Kein Preis, kein konkretes Release-Datum außer „2027“, kein Gameplay-Material.
Die spannendste Brotkrume streute Senior Community Managerin Laura Beitzel jedoch mit Verweis auf das Belleteyn-Fest: Ein vor Wochen veröffentlichtes Artwork zeigt Geralt mit einem ungewöhnlichen, reich verzierten Schwert mit gebogenem Parierstück – dasselbe Schwert, das auch im Key-Artwork von Songs of the Past auftaucht. CD Projekts Amelia Korzycka ergänzte: „Es ist ein sehr wichtiges Schwert für die Geschichte, und ihr werdet es kennenlernen, wenn das Spiel erscheint.“ Fans rätseln seit Januar, ob die Reise diesmal nach Zerrikania oder doch ins vertraute Velen führt – Gewissheit gibt es noch keine.
Nowakowskis wiederholte Betonung, Songs of the Past könne für viele Spieler die „erste Begegnung mit dem Hexer-Universum“ werden, deutet zudem auf eine erzählerisch eigenständige Geschichte hin – ohne zwingende Vorkenntnisse aus Hearts of Stone, Blood and Wine oder gar dem Hauptspiel. Ein weicher Reboot also, der parallel als Einstiegspunkt für Neulinge und als Brücke zu The Witcher 4 fungieren soll. Ob das gelingt, ohne Geralts perfekten Ruhestand in Corvo Bianco zu verwässern, steht auf einem anderen Blatt.
Brücke zu Witcher 4 – oder riskante Nostalgie-Nummer?
Die strategische Funktion von Songs of the Past ist glasklar: Es ist der emotionale und kommerzielle Klebstoff zwischen der alten Trilogie und der neuen Saga. Ursprünglich war die Erweiterung sogar für 2026 geplant, wurde aber laut Nowakowski verschoben, „um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen“. Übersetzt: Qualitätssicherung – ein Bereich, in dem CDPR nach dem Cyberpunk-2077-Desaster bekanntlich keine zweite Blamage riskieren darf.
Dennoch bleibt ein fahler Beigeschmack. Blood and Wine endete 2016 mit einem der befriedigendsten Abschlüsse der Rollenspielgeschichte: Geralt, mit einem Glas Wein in Corvo Bianco, blickte direkt in die Kamera – ein Meta-Moment, der endgültiger nicht hätte sein können. Ihn jetzt, zwölf Jahre später, für ein „frisches Abenteuer“ zurückzuholen, ist eine erzählerische Gratwanderung. Gelingt sie nicht, verwässert Songs of the Past einen der ikonischsten Schlussmomente des Mediums.
Auf der Habenseite steht, dass CD Projekt RED mit Fool’s Theory ein Studio ins Boot geholt hat, dessen Kern-Team aus Witcher-3-Veteranen besteht – diese Leute kennen die Materie und die Engine. Und dass die Erweiterung überhaupt kommt, ist angesichts der monatelangen Gerüchteküche und Analysten-Prognosen kaum noch eine Überraschung. Die eigentliche Überraschung wäre, wenn CDPR den Spagat zwischen eigenständigem Abenteuer, Einsteiger-freundlichem Soft-Reboot und sinnvoller Witcher-4-Brücke tatsächlich fehlerfrei hinbekommt.