Elf Jahre ist es her, dass Geralt von Riva zum ersten Mal über die blutgetränkten Felder Velens ritt. Ein Jahrzehnt, seit Blood and Wine ihm in Corvo Bianco einen der befriedigendsten Abschlüsse der Videospielgeschichte schenkte – weinumrankte Ranken, ein letzter Blick in die Kamera, Ende. Dass CD Projekt RED ausgerechnet jetzt, im Sommer 2026, die Bühne der gamescom Opening Night Live nutzt, um neue Informationen zu einer dritten Erweiterung zu versprechen, ist mehr als eine Nostalgie-Nummer. Es bestätigt die strategische Ausrichtung des Studios: Songs of the Past soll die Zeit bis The Witcher 4 überbrücken, 65 Millionen Spieler erneut in die Welt locken und nebenbei beweisen, dass CDPRs neue Mehrprojekt-Ära funktioniert – auch wenn das Addon nicht mehr aus dem eigenen Haus kommt.
Ein letztes Hurra für Geralt – oder das Sprungbrett zu Witcher 4?
Als Blood and Wine 2016 erschien, war die Botschaft klar: Geralt hat seinen Frieden gefunden. Corvo Bianco, ein Glas Wein, ein zufriedener Blick in die Kamera – einer der ikonischsten Schlussmomente der Rollenspielgeschichte. Zwölf Jahre und 65 Millionen verkaufte Exemplare später kratzt CD Projekt RED diesen Abschluss wieder an. Songs of the Past heißt die dritte Erweiterung, die Geralt 2027 zurück auf die Pfade schickt. Und die Pressemitteilung macht klar: Das ist kein nostalgischer Seitensprung, sondern ein strategisch kalkulierter Brückenschlag.
CDPR selbst spricht von einer Erweiterung, die „in gewisser Weise ein Prolog“ sei – allerdings nicht wortwörtlich ein Prolog für The Witcher 4, wie Joint CEO Michał Nowakowski gegenüber IGN präzisierte. Übersetzt heißt das: Songs of the Past soll die Zeit bis zum nächsten großen Hexer-Titel überbrücken, neue Spieler ins Universum holen und parallel die Diskussion um The Witcher 3 wieder anheizen. Eine doppelte Rolle, die die Erweiterung von klassischen Addons wie Hearts of Stone oder Phantom Liberty unterscheidet: Sie ist gleichzeitig Abschluss eines Kapitels und erste Seite des nächsten.
Die messbare Grundlage dafür ist beeindruckend. 65 Millionen verkaufte Exemplare, 250 Game of the Year Auszeichnungen, über 1.000 Branchen-Awards – The Witcher 3 ist nicht nur ein Spiel, es ist ein Ökosystem. Dass CDPR ausgerechnet jetzt, elf Jahre nach dem Hauptspiel, eine neue Erweiterung ankündigt, folgt einer klaren Logik: Der Veröffentlichungskalender bis zum Release von The Witcher 4 (frühestens Ende 2027) klafft auseinander, und Merchandise allein stopft kein Loch, das nach einem AAA-Blockbuster schreit.
ONL, Business-Bereich und Entertainment-Area: Was CDPR auf der gamescom zeigt
Der 25. August wird zum Schicksalstag für alle, die auf konkrete Bilder warten. CD Projekt RED hat bestätigt, dass die ersten neuen Informationen zu Songs of the Past im Rahmen der gamescom Opening Night Live gezeigt werden – Geoff Keighleys Eröffnungsshow, die in den vergangenen Jahren regelmäßig zur Bühne für CDPRs größte Ankündigungen wurde. Schon 2018 zeigte das Studio dort einen 48 minütigen Cyberpunk 2077 Walkthrough, 2023 folgte die Phantom Liberty Enthüllung mit Idris Elba auf der Bühne.
Was genau auf dem Programm steht, verrät die Pressemitteilung nicht. „New information“ ist der einzige konkrete Begriff – das kann ein Trailer sein, ein geführter Gameplay-Walkthrough oder eine Kombination aus beidem. Eine spielbare Demo für die ONL-Besucher wäre eine Überraschung, aber nach den Erfahrungen mit Fool’s Theorys Doppelbelastung (parallel zum Witcher-1-Remake) ist ein inszenierter Walkthrough das realistischere Szenario.
Wer nach Köln fährt, bekommt immerhin mehr als nur eine Bühnenshow. CDPR hat zwei Messestände angekündigt: Im Business-Bereich (Halle 4.2, Stand B065) können Fachbesucher vom 26. bis 28. August eine geführte Präsentation erleben. Für alle anderen öffnet der Entertainment-Bereich (Halle 8.1, Stände B030 und A031) vom 26. bis 30. August. Der Unterschied ist erwähnenswert: Während Fachbesucher eine exklusive, vermutlich ausführlichere Präsentation bekommen, müssen sich Normalsterbliche mit dem öffentlichen Showcase begnügen. Ob dieselben Inhalte gezeigt werden oder ob es Abstufungen gibt, ließ CDPR offen.
Die Plattformfrage ist dagegen eindeutig geklärt: Songs of the Past erscheint nur für PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC. Keine Switch, keine Switch 2 – eine bemerkenswerte Lücke, wenn man bedenkt, dass die Witcher 3 Portierung für die erste Nintendo-Hybride ein beachtlicher Erfolg war.
190 Entwickler, ein externes Studio und die 65-Millionen-Frage
Hinter der gamescom-Kulisse tut sich ein strategisches Puzzle auf, das für CDPRs Zukunft mindestens genauso wichtig ist wie die Erweiterung selbst. Songs of the Past wird von rund 190 Entwicklern gebaut – der Großteil davon nicht bei CD Projekt RED, sondern beim polnischen Partnerstudio Fool’s Theory. Ein Team von Branchenveteranen, die bereits am ursprünglichen Witcher 3 mitgearbeitet haben, trägt hier die Hauptlast.
CDPR selbst stellt die kreative Oberaufsicht, aber die Zahlen zeigen, wo die Prioritäten liegen: 513 Entwickler arbeiten an The Witcher 4, 163 an Cyberpunk 2 – für Songs of the Past bleibt intern schlicht kein Platz. Die Rechnung ist aufgegangen, solange Fool’s Theory liefert, was Blood and Wine versprochen hat. Community-Managerin Laura Beitzel stellte im Jubiläumsstream klar: Songs of the Past werde dem entsprechen, was man von Blood and Wine kenne. Das sind rund 30 Stunden Spielzeit – eine Ansage für ein extern entwickeltes Addon.
Das Risiko dieser Konstruktion ist offensichtlich: Fool’s Theory arbeitet parallel am Witcher-1-Remake in der Unreal Engine 5. Songs of the Past läuft dagegen auf der technisch abgekündigten REDengine – ein permanenter Kontextwechsel zwischen zwei grundverschiedenen Entwicklungsumgebungen. Dass CDPR die Erweiterung ursprünglich für 2026 geplant und dann auf 2027 verschoben hat, ist vor diesem Hintergrund kein Alarmzeichen, sondern ein vernünftiges Qualitätssignal. Nowakowski selbst sagte dazu, man habe sich gemeinsam mit dem Team für 2027 entschieden, um das bestmögliche Ergebnis aus Verbrauchersicht zu erzielen.
Ob Fool’s Theory den Spagat schafft, wird die gamescom-Präsentation zumindest andeuten müssen. Ein Trailer ist schnell geschnitten. Ein geführter Walkthrough, der Blood and Wine Niveau verspricht, ist eine andere Hausnummer. Und dann ist da noch die Frage, ob Geralts Rückkehr den perfekten Abschluss von Corvo Bianco verwässert – oder ob CDPR hier tatsächlich einen erzählerischen Coup landet, der die Brücke zur neuen Saga schlägt.