CD Projekt Red hat etwas angekündigt, das selbst hartgesottene Hexer-Fans nur noch als Fiebertraum abgetan hätten: Zwölf Jahre nach Release bekommt The Witcher 3: Wild Hunt eine dritte, vollwertige Erweiterung. „Songs of the Past“ soll Geralt von Riva 2027 auf ein neues Abenteuer schicken – für PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC. Die eigentliche Pointe: Das Studio wollte die Bombe erst heute beim großen Blood-and-Wine-Jubiläums-Stream platzen lassen, musste aber vorziehen, weil der RED Launcher die Katze aus dem Sack ließ.
Zwölf Jahre später – warum jetzt ein drittes Addon?
2015 erschien das Hauptspiel und wurde binnen eines Jahrzehnts über 60 Millionen Mal verkauft. Noch im selben Jahr lieferte „Hearts of Stone“ eine kompakte, erzählerisch brillante Erweiterung, 2016 folgte mit „Blood and Wine“ ein faktisch eigenständiges Spiel, das Geralts Geschichte in Toussaint zu einem würdevollen Abschluss brachte. Danach: Stille – abgesehen vom Next Gen Update 2022, das immerhin neue Rüstungen und eine von Netflix inspirierte Quest nachreichte.
Warum also jetzt, nachdem selbst Analysten schon im Januar einen massiven DLC als Brücke zu The Witcher 4 prophezeiten, tatsächlich ein dritter großer Brocken? Die Antwort liegt im Veröffentlichungskalender des Studios. The Witcher 4, das erste Kapitel der neuen Saga mit Ciri als Protagonistin, peilt frühestens Ende 2027 einen Release an – realistischer dürfte 2028 werden. Ein Jahr ohne Hexer-Nachschub wäre im eng getakteten Sechs-Jahres-Plan von CD Projekt Red, der auch The Witcher 5 und 6 vorsieht, eine gefährliche Durststrecke. Songs of the Past stopft dieses Loch – und serviert den Fans nebenbei das, was seit Monaten durch die Gerüchteküche geisterte: ein letztes Hurra mit Geralt.
Was wir über Songs of the Past wissen – und was nicht
Die Faktenlage ist erwartungsgemäß dünn. CD Projekt Red hat zum jetzigen Zeitpunkt nur das Nötigste preisgegeben. Die Kernpunkte:
- Geralt kehrt zurück: Anders als viele prophezeiten, die Ciri als Bindeglied zu Witcher 4 vermuteten, bestätigt die Ankündigung explizit den weißen Wolf als spielbaren Protagonisten.
- Plattformen: Nur PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC. Keine Switch, keine Switch 2 – und das, obwohl die Witcher-3-Portierung auf die erste Switch ein veritabler Achtungserfolg war.
- Entwicklungspartner Fool’s Theory: Das polnische Studio mit rund 60 Mitarbeitern, das ohnehin am Witcher 1 Remake arbeitet, entwickelt die Erweiterung gemeinsam mit CD Projekt Red.
- Kein Preis, kein Umfang, kein Schauplatz: All das soll erst im Spätsommer 2026 enthüllt werden.
- Neue Systemanforderungen: CD Projekt Red kündigte an, die Hardware-Voraussetzungen für Witcher 3 mit dem nächsten Update anzuheben – ein Indiz dafür, dass technisch mehr passiert als nur eine neue Questreihe.
Die spannendste Leerstelle betrifft Doug Cockle. Der inzwischen 60-jährige Synchronsprecher hat Geralt seit 2007 seine unverwechselbare Reibeisenstimme geliehen. Ob er für Songs of the Past zurückkehrt, wurde nicht kommuniziert – und fällt in eine Zeit, in der CD Projekt Red für den englischen Sprachraum mit neuen Sprechern experimentiert.
Fool’s Theory – das Studio hinter der Überraschung
Dass nicht CD Projekt Red selbst die Hauptlast trägt, sondern das Partnerstudio Fool’s Theory, ist der strategisch interessanteste Aspekt dieser Ankündigung. Das Team besteht nach eigenen Angaben aus Branchenveteranen, die bereits am ursprünglichen Witcher 3 mitgearbeitet haben – es kennt also die REDengine aus erster Hand. Fool’s Theory arbeitet allerdings zeitgleich am Witcher 1 Remake, das in der Unreal Engine 5 entsteht.
Hier tut sich ein bemerkenswerter Widerspruch auf: CD Projekt Red hat die hauseigene REDengine offiziell zugunsten der UE5 in Rente geschickt. Witcher 4 läuft darauf, das Remake ebenso – und parallel dazu entwickelt Fool’s Theory ein Addon auf der technisch abgekündigten Altsystem-Plattform. Entweder CD Projekt Red hält intern ein REDengine-Know-how vor, das größer ist als öffentlich kommuniziert, oder Songs of the Past wird der letzte offizielle REDengine-Titel des Studios. Für Technik-Nerds ein faszinierender nostalgischer Schwanengesang auf die Engine, die das Studio seit The Witcher 2 begleitet hat.
Die Doppelbelastung des Studios bleibt ein Risiko. 60 Mitarbeiter auf zwei ambitionierte Projekte zu verteilen, ist sportlich – gerade wenn eines davon (das Remake) ohnehin schon als „früh in der Entwicklung“ beschrieben wurde. Dass CD Projekt Red die Expansion mitentwickelt, federt das hoffentlich ab.
Geralts Abschiedstour oder Marketing-Brücke?
Die strategische Funktion von Songs of the Past ist glasklar: Es ist der emotionale und kommerzielle Klebstoff zwischen der alten Trilogie und der neuen Saga. Nach Blood and Wine saß Geralt mit einem Glas Wein in Corvo Bianco und blickte zufrieden in die Kamera – ein Abschluss, der endgültiger nicht hätte sein können. Ihn jetzt noch einmal zurückzuholen, birgt das Risiko, diesen perfekten Schlussmoment zu verwässern.
Gleichzeitig zeigt die nüchterne Geschäftslogik dahinter, wie sehr CD Projekt Red auf Fan-Nostalgie setzt, um die Wartezeit bis Witcher 4 zu überbrücken. Wer auf einen ähnlichen Move für Cyberpunk 2077 hofft, wird enttäuscht – CD Projekt hat weitere DLCs für Night City ausgeschlossen, Cyberpunk 2 soll nicht vor 2030 erscheinen.
Ob Songs of the Past den erzählerischen Spagat zwischen eigenständigem Abenteuer und Brückenfunktion meistert, hängt von Details ab, die wir erst im Spätsommer erfahren. Die Frage, wohin es Geralt diesmal verschlägt, hat die Community schon seit Januar elektrisiert – Zerrikania, Kovir oder doch das vertraute Velen? Fest steht nur: Die weiße Perücke wird noch einmal aus dem Schrank geholt.