CD Projekt Reds Story-Chef Marcin Blacha rüttelt kurz vor dem Start des Remastered-Updates am Thron von The Witcher 3 und erklärt das gefeierte Rollenspiel keineswegs für unantastbar. Statt das eigene Meisterwerk auf ein Podest zu heben, blickt der Chefautor mit überraschender Nüchternheit auf Geralts Hexer-Saga zurück. Ausgerechnet vor der Rückkehr ins Niemandsland offenbart der leitende Autor erstaunliche Selbstzweifel, die den Weg für die kommende dritte Erweiterung ebnen.
Kein Denkmal für die Ewigkeit
In einem Interview mit dem Spielemagazin PC Gamer räumte Marcin Blacha mit dem Gedanken auf, dass The Witcher 3 ein unantastbares Meisterwerk sei. Wenn er Geralts drittes Abenteuer heute privat anwirft, fallen ihm sofort Szenen und Dialoge auf, die er aus heutiger Sicht völlig anders anpacken würde.
Solche Worte wiegen schwer bei einem Titel, der von Kritikern und Fans seit elf Jahren als unangefochtener König des Genres gefeiert wird. Doch Blacha, dessen Handschrift sich bereits seit dem ersten Serienteil durch die offiziellen Autoren-Credits zieht, trennt Legendenbildung strikt von handwerklicher Realität. Das anstehende kostenlose Remastered-Update schärft zwar primär Technik und Spielbarkeit nach, doch im Kopf des Chefautors arbeitet längst der Rotstift.
Selbstzufriedenheit existiert in seinem Wortschatz schlichtweg nicht.
Rittersporn und verpasste Konsequenzen
Konkret knöpft sich Blacha eine der bekanntesten Figuren der gesamten Saga vor: den Barden Rittersporn. In der Rückschau ärgert sich der Chefautor darüber, Geralts treuen Gefährten über weite Strecken nur als alberne Witzfigur zur Auflockerung verheizt zu haben. Er würde die Figur heute deutlich nuancierter anlegen – klüger, loyaler und als echte Stütze für den Hexer, statt ihn von einer peinlichen Eskapade in die nächste stolpern zu lassen.
Ebenso hadert der leitende Autor mit der Härte der Konsequenzen in der Spielwelt. Zwar feierte die Community Meilensteine wie den berüchtigten Blutigen Baron für ihre kompromisslose Grauzone, doch Blacha sieht rückblickend noch ungenutztes Potenzial bei Geralts Handlungen. Mehr verzweigte Verläufe und spürbarere Folgen hätten den Schlägen des Schicksals noch mehr Gewicht verliehen.
Die schonungslose Reflexion entspringt jedoch keiner Verachtung für das eigene Werk, sondern schlichter Lebenserfahrung. „Vielleicht liegt das Problem gar nicht im Spiel, sondern an mir – weil ich das Ganze heute mit anderen Augen betrachte“, gesteht Blacha im Hinblick auf seinen eigenen Alterungsprozess. Zehn Jahre verändern den Blick auf Beziehungen und Figuren dramatisch, und genau diese Reife soll nun dem nächsten Kapitel zugutekommen.
Frischer Wind für die dritte Erweiterung
Der geschärfte Blick des Autors fließt direkt in die nächste kreative Etappe ein. Mit der Ankündigung, dass The Witcher 3 eine unerwartete dritte Erweiterung spendiert bekommt, schließt sich für das Studio ein gigantischer Kreis. Die neue Handlung soll sich nahtlos an das Hauptspiel sowie an Meisterstücke wie das Finale Blood and Wine andocken.
Dabei verlässt sich CD Projekt Red keineswegs auf eine müde Altherren-Runde, die nostalgisch in Erinnerungen schwelgt. Für die Entwicklung tut sich das Studio mit Fool’s Theory zusammen, wo altgediente Witcher-Veteranen auf frische Köpfe treffen. „Ich hoffe, es wird keine geriatrische Erweiterung“, scherzt Blacha über das Projekt, das vor allem von der Leidenschaft jüngerer Schreiberlinge getragen werden soll.
Vor dem Zocken vergeht allerdings noch reichlich Zeit. Das Addon Songs of the Past schlägt erst 2027 auf, während das überarbeitete Basisspiel bereits am 29. September erscheint. Geralts Denkmal mag zwar Risse bekommen haben, doch genau dieser Mut zur Selbstreflexion beweist, warum die Hexer-Reihe bis heute lebendig bleibt.