Clair Obscur: Expedition 33 ist eines jener seltenen Spiele, über die die gesamte Branche spricht – und das aus gutem Grund. Das preisgekrönte Rollenspiel von Sandfall Interactive hat nicht nur mit seiner erzählerischen Kühnheit und seinem Kampfsystem begeistert, sondern sticht auch in einer ganz anderen Hinsicht aus der Masse heraus. Dass der Preis dabei eine entscheidendere Rolle gespielt haben könnte, als viele vermuten, macht die jüngsten Aussagen von Kepler-Interaktiv-Chef Alexis Garavaryan so lesenswert.
Bewusst günstiger – und bewusst anders
Garavaryan erklärte in einem Interview, dass die Entscheidung, Clair Obscur: Expedition 33 für 50 Euro anzubieten, keineswegs dem Zufall geschuldet war. In einer Zeit, in der große Verlage ihre Preise regelmäßig nach oben schrauben und 70- bis 80-Euro-Titel zur Normalität werden, wollte Kepler Interactive ein bewusstes Zeichen setzen. „Wir versuchen zu überlegen, was der richtige Preis wäre – und setzen ihn dann noch etwas niedriger an. Damit Spieler das Gefühl haben, ein echtes Schnäppchen zu machen. Wir wollen, dass sie spüren: Dieses Unternehmen respektiert mein Geld und meine Zeit.“ Eine Haltung, die in der heutigen Industrie fast schon ungewöhnlich anmutet.
Tiefe, Neuartigkeit und der Wandel im Qualitätsbegriff
Garavaryan sprach auch darüber, was Spieler heute wirklich von einem Spiel erwarten – und seine Einschätzung ist bemerkenswert nüchtern. Die visuelle Perfektion, die jahrelang als Maßstab galt, verliert laut ihm zunehmend an Gewicht. Was stattdessen zählt, ist die Einzigartigkeit des Erlebnisses: wie außergewöhnlich, wie neuartig, wie packend ein Spiel ist. Clair Obscur: Expedition 33 bedient genau das – mit einem rundenbasierten Kampfsystem, das klassische Rollenspielwurzeln mit modernem Fantasy-Erzählen verwebt, einer sorgfältig komponierten Klangwelt und einer Geschichte, die den Spieler als vollwertigen Teilnehmer begreift. „Wir leben in einer Industrie, in der Spieler jede Woche Zugang zu außergewöhnlichen Spielen haben. Wer ihre Aufmerksamkeit und ihr Geld verdienen will, muss wirklich etwas Besonderes auf den Tisch legen“, so Garavaryan.
Ein Preismodell, das die Branche zum Nachdenken bringen sollte
Der Erfolg von Clair Obscur: Expedition 33 ist messbar – und er ist überzeugend. Mehr als vier Millionen verkaufte Exemplare, ein außergewöhnlicher Umsatzverlauf und Auszeichnungen, die das Spiel auf eine Stufe mit den renommiertesten Titeln der vergangenen Jahre heben. All das mit einem Budget, das weit unterhalb großer Verlagsproduktionen liegt. Garavaryans Fazit ist dabei kein Selbstlob, sondern eine Einladung zum Umdenken: Wer Spieler dauerhaft für sich gewinnen will, schafft das nicht durch inflationäre Preisgestaltung, sondern durch Wertschätzung. Dass ausgerechnet ein vergleichsweise kleines Rollenspiel mit französischen Wurzeln und einem bewusst moderaten Verkaufspreis diesen Beweis erbringt, dürfte manchen Schwergewichten der Branche zu denken geben.