Ein Monitor ist das passivste Bauteil eines PCs. Er zeigt an, was die Grafikkarte liefert. Er rechnet nichts, er sendet nichts, er installiert nichts. Dachten wir zumindest. Doch wer einen LG-Bildschirm anschließt, bekommt ungefragt Software installiert, die Werbung einspielt, Daten sammelt und sich nicht dauerhaft entfernen lässt. Die Recherche von Gamers Nexus hat den Skandal aufgedeckt, erste Beschwerden in Microsofts eigenem Forum stammen vom November 2024 – und bis heute hat kein LG-Manager ein Wort dazu gesagt. Für österreichische Nutzer kommt erschwerend hinzu: Die DSGVO verbietet genau das, was LG hier tut.
96,9 Prozent Trefferquote – nur leider für Werbung
Gamers Nexus hat das ganze Ausmaß des Skandals in einem Reproduktionstest dokumentiert. Das Team um Steve Burke schloss einen LG UltraGear 34GX900A-B an ein frisches Windows-System an und bootete es 32 Mal hintereinander neu. Das Ergebnis ist erschreckend eindeutig: 31 von 32 Boots zeigten eine McAfee-Werbung im Benachrichtigungsbereich – ein 30-Tage-Testabonnement, das ohne aktive Kündigung automatisch in ein kostenpflichtiges Abo übergeht. Nur ein einziger Boot zeigte stattdessen ein LG-eigenes Monitor-Dienstprogramm.
Das ist keine Panikmache. Das sind 96,9 Prozent Werbung bei einem Gerät, das per Definition gar keine Software ausführen kann. Ein Monitor ist ein Anzeigegerät. Dass er plötzlich als Einfallstor für Adware fungiert, ist ein systemisches Problem.
Und es betrifft nicht nur brandneue Modelle. Gamers Nexus reproduzierte die Installation auch auf einem LG UltraFine 32UN880-B – einem drei Jahre alten Business-Monitor ohne Gaming-Features, ohne RGB, ohne alles, was man mit Adware assoziieren würde. Es sind also nicht etwa nur die billigen Modelle betroffen, sondern die gesamte Produktpalette bis hin zu LGs eigenem Mini-LED-Flaggschiff. User im Microsoft Tech Community Forum berichten von ersten Vorfällen bereits im November 2024. Seither sind knapp zwei Jahre vergangen. Der Thread hat bis heute keine offizielle Antwort von Microsoft oder LG erhalten.
Reddit eskalierte den Fall Mitte Juli 2026: Ein Post des Nutzers Mags_Smash, der sich wunderte, warum auf seinem frisch aufgesetzten Rechner plötzlich McAfee-Werbung auftauchte, sammelte innerhalb von Tagen über 2.000 Upvotes. Der Schuldige: sein neuer LG UltraGear 27GP83B, angeschlossen per DisplayPort.
So funktioniert die heimliche Installation – und warum Deinstallieren nicht hilft
Der Mechanismus ist technisch raffiniert und nutzt gezielt eine Lücke in Windows‘ Gerätetreiber-Architektur.
Sobald Windows einen LG-Monitor an seiner Hardware-ID erkennt (etwa DISPLAY\GSM776F), lädt Windows Update zwei signierte Pakete herunter: lgmonitorappextension.inf und lgmonitorappsoftwarecomponent.inf. Das zweite Paket enthält nur eine einzige Zeile – einen Verweis auf eine Microsoft-Store-App. Windows legt daraufhin ein synthetisches Phantom-Gerät an (Hardware-ID: SWC\GSM9E8C), das physisch gar nicht existiert. Dieses Phantom löst die Installation der LG Monitor App aus.
Ohne Dialog. Ohne Store-Seite. Ohne Klick.
Weil die gesamte Kette über die signierte Treiber-Pipeline läuft, greift keine der üblichen Windows-Sicherheitsabfragen. Die App installiert sich mit Berechtigungen, die einem das Fürchten lehren: Internetzugriff, Zugriff auf alle Systemressourcen, Standortdaten, Online-Aktivität, Account-Logins, Kontaktinformationen – und installiert zusätzlich den McAfee Scam Detector. Das Microsoft-Store-Listing listet diese Berechtigungen zwar auf, aber da der Installationsprozess nie die Store-Seite öffnet, bekommt kein Nutzer sie je zu Gesicht.
Wer jetzt denkt, einmal deinstallieren reicht, wird enttäuscht. Die beiden Treiberpakete bleiben im DriverStore von Windows. Beim nächsten Windows-Update oder beim nächsten Anschließen des Monitors entsteht das Phantom-Gerät erneut – und die App ist wieder da. Das ist kein Bug. Das ist Architektur.
Das Problem ist nicht LG-spezifisch. VideoCardz hat diesen Mechanismus auch bei Dell/Alienware-Monitoren bestätigt: Das Alienware Command Center wird automatisch installiert, sobald Windows einen kompatiblen Monitor erkennt. Selbst bei High-End-Panels wie MSIs Triple-Mode-OLED gilt: Die Hardware selbst ist harmlos, die Software-Pipeline ist das Problem. Der Fehler liegt in der Device-Metadata-Pipeline von Windows selbst – einer Funktion, die eigentlich nützliche Herstellertools ausliefern soll, aber von LG für Werbung zweckentfremdet wird.
DSGVO-Alarm: Warum der Fall Österreich besonders betrifft
Aus österreichischer Perspektive ist der Fall ein massiver Datenschutzverstoß. Die DSGVO stellt klare Anforderungen, die hier gleich mehrfach verletzt werden: Informierte Einwilligung ist nach Artikel 7 DSGVO Pflicht – eine Installation ohne Zustimmung ist unzulässig. Transparenz nach Artikel 5 fordert, dass die Datensammlung klar kommuniziert werden muss. „Standort, Online-Aktivität, Logins, Kontakte“ ist das Gegenteil von Transparenz. Und das Recht auf Löschung aus Artikel 17 DSGVO wird ad absurdum geführt, wenn eine Deinstallation nicht dauerhaft möglich ist.
Und dann ist da noch die Sache mit den LG Smart TVs. Notebookcheck und die Reddit-Community r/privacy haben ausgegraben, dass LG in seinen aktuellen webOS-Nutzungsbedingungen festhält, dass Gespräche aufgezeichnet und analysiert werden dürfen – zur „Verbesserung der KI-Dienste“. Noch perfider: Der Nutzer ist verpflichtet, alle Gäste und Familienmitglieder zu informieren, dass sie aufgezeichnet werden. Verstöße gegen Abhör- oder Datenschutzgesetze gehen laut LG-AGB zu Lasten des Nutzers.
Bis heute schweigt LG zu den Vorwürfen. Keine Pressemitteilung, kein Statement, keine Stellungnahme. Weder auf die Anfragen von Gamers Nexus noch auf die von anderen Tech-Portalen kam eine Reaktion.