Wer in der Spielebranche die Nachrichten verfolgt, kennt Nacon als jenen Verlag, der regelmäßig zwischen ambitionierten Mittelbau-Projekten und überraschenden Geheimtipps lavierte. Nun hat das französische Unternehmen einen Schritt vollzogen, der die gesamte Branche aufhorchen lässt – und der für eine ganze Reihe von Studios und laufenden Projekten unmittelbare Konsequenzen haben könnte. Die Lage ist ernst, aber noch nicht hoffnungslos.
Wie es zur Insolvenz kam
Der Auslöser ist klar benannt: Nacons Mehrheitsaktionär Bigben Interactive war nicht in der Lage, eine Teilrückzahlung seines Anleihedarlehens an seine Gläubiger zu leisten. Laut der offiziellen Pressemitteilung handelte es sich dabei um eine „unerwartete und späte Weigerung“ des Bankenpools von Bigben – ein Faktor, der sich unmittelbar auf Nacons eigene Liquidität auswirkte. Der Handel mit Nacon-Aktien an der Euronext Paris wurde daraufhin ausgesetzt. Das Unternehmen gelangte zu dem Schluss, dass es nicht über ausreichende verfügbare Vermögenswerte verfüge, um seine Verbindlichkeiten fristgerecht zu begleichen, und beantragte deshalb die Einleitung eines gerichtlichen Sanierungsverfahrens. Die zuständige Anhörung ist für Anfang März angesetzt. Ziel ist es, Lösungen zu finden, die das Überleben des Unternehmens unter möglichst günstigen Bedingungen sichern – mit besonderem Augenmerk auf den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Neuverhandlung mit Gläubigern.
Ein Verlag mit langer Geschichte und gemischter Bilanz
Nacon mag als eigenständiges Unternehmen erst seit 2020 existieren – als Ergebnis der Verschmelzung von Bigben Group und Bigben Interactive –, doch seine Wurzeln reichen bis in die 1980er Jahre zurück. Unter seinem Dach befinden sich mehrere Studios: darunter Spiders, das Entwicklerstudio hinter GreedFall: The Dying World, sowie Daedalic Entertainment, das 2023 mit The Lord of the Rings: Gollum für reichlich Aufsehen sorgte – allerdings weniger wegen seiner Qualitäten. Hinzu kommen Neopica, Midgar Studio, Ishtar Games und Big Ant Studios, die allesamt Teil des Nacon-Verbunds sind. Die jüngste Veröffentlichung des Verlags war Styx: Blades of Greed von Cyanide, das kurz vor der Insolvenzanmeldung für PC, PS5 und Xbox Series X/S erschien. Der charakteristische Goblin-Meuchler begibt sich darin erneut auf Quarz-Jagd – ein solider Einstand, der in der Fachpresse mit gemischten, aber überwiegend wohlwollenden Kritiken bedacht wurde.
Was jetzt auf dem Spiel steht
Die Insolvenz trifft Nacon zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Der Verlag hatte zuletzt trotz einiger Misserfolge – Test Drive Unlimited Solar Crown, das erwähnte Gollum-Desaster – auch Achtungserfolge wie Ravenswatch vorzuweisen. Dass das Unternehmen nun mitten in laufenden Projekten und kurz vor angekündigten Veranstaltungen strauchelt, wirft Fragen über die Zukunft der angeschlossenen Studios auf. Das gerichtliche Sanierungsverfahren soll genau das klären: Welche Strukturen lassen sich erhalten, welche Schulden neu verhandeln und welche Projekte haben eine Perspektive? Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Nacon als Verlag in irgendeiner Form weiterbestehen kann – oder ob ein Kapitel der europäischen Mittelbau-Spieleentwicklung zu Ende geht.