Netflix startet seinen nächsten Angriff aufs Wohnzimmer – und diesmal ist es kein Film. Unhinged, der neue First-Person-Titel von den Oxenfree-Machern Night School Studio, nutzt euer Smartphone als Controller, Taschenlampe und Lebensader zugleich. Das Besondere: Das Spiel streamt direkt vom Handy auf den Fernseher, während Anrufe und Nachrichten aus dem Spiel auf eurem echten Gerät eingehen. Am 30. Juni ist es für alle Netflix-Abonnenten spielbar – und das ohne Aufpreis.
Unhinged setzt auf Star-Cast und clevere Smartphone-Steuerung
Was auf dem Papier nach interaktivem Film klingt, ist tatsächlich ein vollwertiges Horrorspiel – nur eben ohne klassischen Controller. Ihr schlüpft in die Rolle von Ava (gesprochen von Zoë Kravitz), die während eines Sturms in ihrem Apartment festsitzt und per Smartphone Kontakt zu ihrer Freundin Claire (Sadie Sink) und Hausmeister Ben (Troy Baker) hält. Das Problem: Jemand ist in dem Gebäude und hat nichts Gutes im Sinn.
Die Steuerung funktioniert laut dem Variety-Artikel völlig ohne Umwege: Ein QR-Code auf dem TV-Bildschirm startet die Begleit-App auf dem Smartphone, das eure Handbewegungen 1:1 auf Avas Bewegungen im Spiel überträgt. Wenn das Handy im Spiel klingelt, klingelt euer echtes Telefon. Wenn ihr die Taschenlampe braucht, richtet ihr das Handy auf den Bildschirm. Die Audio-Ausgabe springt dabei zwischen TV und Smartphone hin und her – Ambient-Sound aus der Anlage, Anrufe aus dem Telefonlautsprecher. Ein Feature, das die Grenze zwischen Spielwelt und Realität bewusst verschwimmen lässt.
Netflix setzt auf kurze, knackige Horror-Erlebnisse
Mit gerade einmal 20 bis 50 Minuten Spielzeit ist Unhinged kurz – aber das ist Absicht. Night-School-Gründer Sean Krankel erklärte im Rolling Stone Interview, dass das Team bewusst auf ein Format setzt, das wie eine Netflix-Folge funktioniert: reinziehen, durchspielen, weitermachen. Wer sterben kann, wählt den Standard-Modus mit Timer-Druck. Wer einfach die Geschichte erleben will, schaltet in den Story-Modus, in dem der Tod ausgeschaltet ist.
Game Director Sam Warner, der seine Inspiration unter anderem aus Nintendo Wii und DS zieht, beschreibt das Ziel als „innovatives, neuartiges Spielerlebnis„, bei dem die Mechanik die Geschichte antreibt – nicht umgekehrt. Die Idee zur Home-Invasion-Kulisse kam erst, nachdem das Team die Taschenlampen-Funktion auf dem Smartphone zum Laufen gebracht hatte.
Night School Studio liefert, aber Netflix‘ Gaming-Pläne wackeln
So vielversprechend Unhinged auch klingt – der Kontext, in dem es erscheint, ist alles andere als stabil. Netflix hat in den letzten Monaten mehrfach seine Gaming-Strategie radikal umgebaut. Erst im Februar 2025 wurden bei Night School Studio selbst Mitarbeiter entlassen, wie ein Game Developer Bericht dokumentiert. Kurz darauf schloss der Streaming-Riese das Squid Game Studio Boss Fight Entertainment und entfernte über 20 Spiele aus seinem Katalog, wie Whats on Netflix berichtet.
Die Guardian Analyse spricht von „lausigen Begleit-Titeln“ und Führungswechseln, die Netflix‘ Gaming-Sparte in eine Identitätskrise gestürzt haben. Unhinged ist vor diesem Hintergrund mehr als nur ein neues Spiel – es ist ein Testballon für die Frage, ob Netflix doch noch ernst machen kann mit Spielen, die sich nicht wie aufgeblasene Werbung für bestehende Serien anfühlen.
Ein Blick auf die Historie von Night School Studio zeigt aber auch: Dieses Team hat mit Oxenfree und Afterparty bereits bewiesen, dass es narrative Spiele mit Seele bauen kann. Die Frage ist, ob Netflix ihnen den Rücken freihält.
