Squadron 42 ist laut Chris Roberts jetzt „unmittelbar näher am Launch“, und seine Frau Sandi kündigt im Variety-Interview an, das Marketing werde „bald hochgefahren“. Die Schlagzeilen klingen nach einem greifbaren Release. Was im Jubel untergeht: Squadron 42 ist seit Oktober 2023 Feature Complete, wurde seit 2014 viermal mit konkretem Datum angekündigt – und Content Director Jared Huckaby zweifelte noch im September 2025 öffentlich daran, den 2026-Termin zu halten. Wer hier eine baldige Veröffentlichung erwartet, hat die letzten zwölf Jahre Cloud Imperium Games nicht bemerkt.
Feature Complete seit 32 Monaten – und immer noch kein Datum
Chris Roberts‘ Diktion im Variety-Interview ist bemerkenswert weichgespült: „Wir sind jetzt ganz am Ende, in der Abschlussphase, und es fügt sich wirklich gut zusammen.“ Sandi Roberts wird konkreter: Man sei „unmittelbar näher am Launch – und das sage ich in der Sprache der Spieleentwicklung“. Dieser Halbsatz ist die einzig ehrliche Aussage des gesamten Interviews. In der „Sprache der Spieleentwicklung“ heißt „imminently closer“ alles und nichts.
Ein kurzer Blick in die dokumentierte Release-Historie von Squadron 42 zeigt das ganze Ausmaß:
- 2014: Erster Release-Termin (auf der Kickstarter-Seite 2012 als „24 Monate Entwicklung“ beworben)
- 2015: Zweiter Release-Termin (BAFTA-LA-Event, Chris Roberts)
- 2016: Dritter Release-Termin („Answer the Call 2016″-Marketing-Kampagne) – dann auf der CitizenCon 2016 offiziell verschoben
- 2020: Beta-Release für Q3 2020 angekündigt (August 2019) – nie eingetreten, erst im Dezember 2020 offiziell abgesagt
- 2023: Feature Complete auf der CitizenCon 2023 verkündet (22. Oktober)
- 2026: Vierter Release-Termin, angekündigt auf der CitizenCon 2024
Seit dem Feature-Complete-Meilenstein sind 32 Monate vergangen. Roberts versprach in seinem Dezember-Update, das Spiel sei von Anfang bis Ende spielbar und umfasse über 40 Stunden. Der Fokus liege auf „Feinschliff, Optimierung und Bugfixing“. 32 Monate Feinschliff für ein Singleplayer-Spiel – da stimmt entweder die Definition von Feature Complete nicht, oder die hauseigene StarEngine produziert schneller neue Baustellen, als das Team sie schließen kann.
Die Marketing-Falle: Breites Publikum ohne Produktseite
Sandi Roberts‘ Aussagen zum Marketing sind das eigentliche Fundstück des Interviews. Sie beschreibt, dass die Kampagne „ein breiteres Publikum ansprechen“ werde als die von Star Citizen – und dass es „sehr schwer sei, es geheim zu halten“. Diese Argumentation kollabiert bei der kleinsten Prüfung.
Squadron 42 hat keinen Steam-Eintrag. Keine Produktseite auf der offiziellen Roberts-Space-Industries-Website mit Preis oder Vorbestelloption. Kein Konsolen-Announcement. Kein Rating-Board-Eintrag. Man kann einem breiteren Publikum nichts verkaufen, wenn es keine Plattform gibt, auf der das Produkt existiert.
Hinzu kommt Sandis kurioses Argument, die „Transparenz“ gegenüber der Community mache das Marketing „schwierig“. Content Director Jared Huckaby räumte bei PC Gamer ein: „Wir haben eine Linie in den Sand gezogen, als wir 2026 sagten. Ich weiß nicht, ob wir es schaffen – ich weiß nur, dass wir alles Menschenmögliche tun werden.“ Das ist die interne Realität, neun Monate vor dem Roberts-Interview. Dasselbe Studio, das 2016 eine vollwertige „Answer the Call“-Kampagne mit Schauspieler-Kino-Trailer fuhr und dann drei Monate später auf der CitizenCon verschob, will jetzt erklären, Marketing sei wegen zu großer Nähe zur Community „schwierig“.
Die Wahrheit ist simpler: CIG kann kein Marketing starten, weil kein finaler Release-Zeitpunkt existiert, den man bewerben könnte, ohne das Risiko der fünften Verschiebung einzugehen.
Das 1-Milliarden-Dollar-Projekt im Raum, den Variety nicht erwähnt
Der Kontext, den das Variety-Interview komplett ausblendet: Im Mai 2026, nur Wochen vor diesem Interview, sprengte Star Citizen die Milliarden-Marke im Crowdfunding. Auf der öffentlich einsehbaren Finanzierungsseite summierten sich über 6,5 Millionen registrierte Spieler und 14 Jahre Schiffsverkäufe zu einer Summe, die selbst Rockstars GTA-6-Budget in den Schatten stellt. Gleichzeitig bot CIG die Anvil Odin an – ein Schlachtkreuzer für 5.000 Dollar, der aktuell nicht einmal programmiert ist.
Dieser Meilenstein ist keine Randnotiz, er ist der zentrale Grund, warum Squadron 42 seit 32 Monaten im „Polishing“ steckt, ohne Release-Datum. Chris Roberts selbst sagt, Squadron 42 entstehe „durch die Konvertierung der Technologie, die ursprünglich für Star Citizen entwickelt wurde“. Das bedeutet: S42 kann erst dann fertig werden, wenn die Star-Citizen-Infrastruktur fertig ist – und Star Citizen hat keinen Fertigstellungstermin. Roberts stellte einen Star-Citizen-Release für 2027/2028 in Aussicht – eine Zeitspanne, die locker auf 2029/2030 gleiten kann, wie die 900-Millionen-Dollar-Marke bereits erahnen ließ.
Und hier liegt der wirtschaftliche Elefant im Raum: Solange die öffentlich einsehbare Finanzierungsseite jährlich dreistellige Millionenbeträge generiert, hat Cloud Imperium Games keinen wirtschaftlichen Anreiz, irgendeines seiner Spiele für „fertig“ zu erklären. Ein Release von Squadron 42 wäre der erste verbindliche Meilenstein in zwölf Jahren – er würde Erwartungen an Star Citizen 1.0 zementieren und die unendliche Crowdfunding-Spirale durchbrechen. Das Studio, das 2025 zum entscheidenden Wendepunkt erklärte, lebt bestens vom Dauerzustand.