Wer unterwegs auf dem Smartphone abseits simpler Touch-Titel zocken möchte, schleppt meist sperrige Halterungen mit, die jede Jackentasche ausbeulen. Genau an dieser Reibung setzt der Razer Prio an, indem er das klassische Gamepad-Layout auf die Grundfläche eines Kartenspiels zusammenfaltet und per Direktverbindung ankoppelt. Die Idee eines vollwertigen Controllers, der neben dem Portemonnaie verschwindet, klingt verlockend. Wie viel Spielkontrolle und Ausdauer auf dem Display tatsächlich übrig bleiben, wenn Ergonomie und Tastenhub der reinen Faltbarkeit weichen müssen, zeigt der Praxistest.
- Ein Faltmechanismus bringt das Gamepad in die Hosentasche
- Direktes USB-C sorgt für verzögerungsfreie Eingaben ohne Akkusorgen
- Flache Griffe und Vita-Maße fordern bei langen Runden ihren Tribut
- Native Mobilspiele offenbaren ein zerrissenes Bild bei der Erkennung
- In der Cloud glänzt die Reaktionszeit trotz ergonomischer Grenzen
Ein Faltmechanismus bringt das Gamepad in die Hosentasche
Auf den ersten Blick erinnert das Gehäuse an einen kompakten Game Boy Advance SP im schlichten mattschwarzen Kunststoffkleid. Zusammengeklappt beansprucht die Konstruktion kaum mehr Grundfläche als eine Kreditkarte und bringt lediglich 101 Gramm auf die Waage. Dadurch verschwindet das Eingabegerät tatsächlich mühelos neben dem Schlüsselbund oder Geldbeutel in derselben Hosentasche.

Zwei Hälften werden durch ein widerstandsfähiges elastisches Gummiband zusammengehalten, das sich per seitlichem Klickverschluss lösen lässt. Anschließend wird die USB-C-Seite um 180 Grad gedreht und an den Anschluss des Telefons gesteckt. Nach etwas Übung sitzt das Gespann in unter 30 Sekunden spielbereit an Ort und Stelle, auch wenn das beiliegende Handbuch diesen Kniff frustrierenderweise verschweigt.
Im Testbetrieb nahm die Halterung ein Google Pixel 11 Pro ohne Schutzhülle anstandslos auf. Obwohl der Hersteller ausdrücklich mit Hüllenkompatibilität wirbt und austauschbare Gummieinsätze beilegt, verhinderte der dickere Rahmenschutz um den USB-Port unserer Testhülle ein sauberes Einrasten. Wer ein massives Schutz-Case nutzt, muss sein Smartphone vor dem Zocken jedes Mal umständlich befreien.
Direktes USB-C sorgt für verzögerungsfreie Eingaben ohne Akkusorgen
Statt auf drahtloses Bluetooth setzt die Konstruktion auf eine feste USB-C-Schnittstelle. Diese Entscheidung zahlt sich spürbar aus: Tastendrücke und Lenkbewegungen landen praktisch verzögerungsfrei auf dem Display, was hektischen Spielsituationen zugutekommt. Gleichzeitig benötigt das Zubehör keinen eigenen Akku, sondern bezieht seine geringe Betriebsspannung direkt über die Buchse des Telefons.
Im Testbetrieb erzeugte die Stromversorgung über das Smartphone keinen messbar höheren Akkudurst, da aufwendiges Mobile-Gaming den Energiespeicher ohnehin dominiert. Beim Anstecken startet automatisch Razers Cortex-Mobile-App, die als zentraler Spiele-Launcher für installierte Titel und Streaming-Dienste dient. Die Software erlaubt individuelle Tastenbelegungen je nach Anwendung, lässt Einsteiger bei der genauen Einrichtung allerdings weitgehend im Regen stehen.
Flache Griffe und Vita-Maße fordern bei langen Runden ihren Tribut
Die radikale Schrumpfkur hinterlässt bei der Handhabung unmittelbare Spuren. Sämtliche Aktionstasten sowie die beiden symmetrisch angeordneten Analogsticks orientieren sich an den Dimensionen einer PlayStation Vita. Wer an vollwertige Konsolen-Controller gewöhnt ist, blickt zunächst ungläubig auf das winzige Layout. Für kurze Bahnfahrten mit kleineren Händen genügt das Gebotene, längere Spielzeiten fordern jedoch spürbar Tribut.
Weil das Gehäuse zugunsten des Packmaßes vollkommen flach ausfällt, fehlen ergonomische Griffflächen für die Handinnenflächen. Größere Hände verkrampfen rasch in einem unnatürlichen Klauengriff, der nach halbstündigen Sessions für schmerzende Finger sorgt. Zwar lässt sich die linke Hälfte dank des elastischen Bandes leicht nach oben verschieben, um das symmetrische Stick-Layout minimal aufzubrechen, echte Entlastung bringt das aber kaum.
Dafür stimmt die mechanische Rückmeldung der verbauten Komponenten. Das digitale Steuerkreuz überzeugt mit sanfter Mulde und präzisen Druckpunkten, während die Aktionstasten leise und reaktionsschnell auslösen. Die linearen analogen Trigger bieten zwar keinen geschwungenen Hebelweg, genügen aber für gelegentliche Gasstöße, neigen durch die enge Bauweise im hitzigen Gefecht allerdings zu versehentlichen Auslösern.
Native Mobilspiele offenbaren ein zerrissenes Bild bei der Erkennung
In der Praxis zeigt sich ein stark zweigeteiltes Bild nativer Android-Spiele. In Diablo Immortal funktioniert die Tastensteuerung absolut reibungslos und macht die Hatz durch dunkle Verliese zum angenehmsten Erlebnis des gesamten Tests. Auch der mobile Shooter Destiny Rising lässt sich überraschend präzise über die kleinen Ministicks steuern, während Arcade-Rennspiele wie Asphalt Legends durch automatische Beschleunigung den Daumen entlasten.
Abseits dieser Vorzeigetitel stolpert das mobile Zocken jedoch über massive Plattformhürden. Honkai Star Rail verlangt zwingend den Start über den Cortex-Launcher und muss nach jedem Spielstart manuell per Touchscreen auf Controller-Betrieb umgestellt werden. Noch frustrierender agiert Konamis NES-Portierung von Castlevania, die das Gamepad zwar erkennt, aber Eingaben der A-Taste schlichtweg ignoriert.

Völlig unbrauchbar blieb das Setup in Call of Duty Mobile, das trotz offizieller Controller-Unterstützung im Spielmenü keinerlei Reaktion zeigte. PUBG Mobile bietet von Haus aus gar keine Gamepad-Funktionalität, während Fortnite wiederum ohne Murren funktionierte. Diese lückenhafte Unterstützung ist nicht allein dem Hersteller anzulasten, entwertet das Versprechen des unkomplizierten Begleiters für unterwegs jedoch merklich.
In der Cloud glänzt die Reaktionszeit trotz ergonomischer Grenzen
Deutlich versöhnlicher fällt der Eindruck beim Spiele-Streaming aus. Über Xbox Cloud Gaming meisterte das Gespann rasante Ausfahrten in Forza Horizon 6 und Erkundungen in Minecraft Dungeons ohne jede Konfigurationshürde. Auch diverse Emulatoren für klassische Konsolen erkannten die Hardware sofort. Hier spielt die kabelgebundene Verbindung ihren Trumpf aus, da sie zusätzliche Eingabelatenzen beim ohnehin fehleranfälligen Cloud-Signal eliminiert.
Gleichzeitig offenbart das Streaming-Szenario ein grundlegendes Dilemma des Gerätekonzepts. Unterwegs bremst häufig die schwankende Mobilfunkverbindung das Spielvergnügen aus, während auf dem heimischen Sofa ergonomisch überlegene Alternativen bereitstehen. Niemand möchte zu Hause freiwillig mit verkrampften Fingern vor dem Bildschirm sitzen, wenn dort vollwertige Eingabegeräte mit ausgeformten Griffhörnern und haptischem Feedback greifbar sind.
Mit einem Preisschild von rund 110 Euro platziert sich das Klappmodell exakt auf dem Niveau ausgewachsener Mobile-Grips wie der hauseigenen Kishi-Serie. Für diesen Betrag opfern Käufer programmierbare Zusatztasten, Vibrationsmotoren und gesunden Handkomfort für einen einzigen Vorteil: maximale Faltbarkeit. Das macht die kompakte Hardware zu einem technisch faszinierenden Nischenprodukt für Puristen, das sich seinen hohen Preis durch spürbare funktionale Abstriche erkauft.
Razer Prio im Test: Maximale Mobilität trifft auf schmerzhaften Klauengriff - PixelCritics
Der Razer Prio passt zusammengefaltet in jede Hosentasche. Warum Ergonomie, Spiele-Support und Preis im Test dennoch bremsen, klärt unser Review.
Pruduktmarke: Razer
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