Die WARN-Dokumente sagen 136. Hugo Martin sagt „so groß wie zu DOOM (2016)“. Die Ex-Mitarbeiter sagen „realitätsfern“. Drei Wahrheiten über denselben Vorgang – und irgendwo dazwischen liegt die Antwort auf die Frage, die die Doom-Community seit zwei Wochen umtreibt: Ist id Software nach den Xbox-Entlassungen noch handlungsfähig? Der Co-Studio-Director hat sich jetzt im Slayer’s Club Live-Stream geäußert. Seine Botschaft klingt beruhigend. Aber die Fakten widersprechen.
Was Hugo Martin wirklich gesagt hat
Co-Studio-Director Hugo Martin hat sich im Slayer’s Club Live-Stream direkt an die Community gewandt. Die Botschaft war eindeutig: Die Gerüchte über ein ausgeblutetes Studio seien übertrieben. „Es gab Berichte, dass wir in der Substanz getroffen und zerlegt worden seien und nur noch 50 Leute hätten – das stimmt nicht“, sagte Martin. „Wir sind so groß wie zu DOOM (2016), und id Tech lebt und ist gesund.“
Martin verwies darauf, dass id Tech-Ingenieure nicht nur am Hauptsitz in Texas sitzen, sondern auch in Frankfurt und bei MachineGames arbeiten. Die Engine-Entwicklung sei auf mehrere Standorte verteilt, und die Zusammenarbeit funktioniere. „Id Tech ist da, das Doom-Team ist hier, und wir freuen uns darauf, euch mehr von dem zu zeigen, woran wir arbeiten – sobald es angemessen und freigegeben ist.“
Das ist der optimistische Teil der Botschaft: Ein neues Doom-Spiel ist in Entwicklung. Die Engine stirbt nicht. Aber die große Frage, die Martin nicht beantwortet hat, ist die nach der institutionellen Erfahrung.
Was die WARN-Dokumente zeigen – und was Ex-Mitarbeiter sagen
Die offiziellen Zahlen sehen anders aus als Martins Dementi. Ein WARN-Filing in Texas listet 136 Entlassungen bei id Software auf – bei 185 Beschäftigten Ende 2025 sind das mehr als zwei Drittel der Belegschaft. GamesRadar hat Martins Aussagen mit diesen Dokumenten abgeglichen und bestätigt: Die Entlassungen waren tiefgreifend. Und sie haben nicht irgendwen getroffen.
Ein ehemaliger id-Mitarbeiter sagte gegenüber GamesRadar, die Behauptung, das Studio könne weiter Spiele machen, sei „die Realität bis zum Zerreißen dehnen“. Ein anderer Ex-Angestellter ergänzte, man könne „sich keinen Weg vorstellen, auf dem sie jemals wieder ein Spiel in id Tech machen würden“. Vor allem die Revelations-Erweiterung – die erst vor wenigen Tagen erschien – sei von einem Team entwickelt worden, das heute nicht mehr existiert. Viele der Leute, die am Revelations-DLC gearbeitet haben, seien laut Berichten entlassen worden. Der Launch von Revelations war damit gleichzeitig der Abschied von den Leuten, die es möglich gemacht haben.
Der entscheidende Punkt: Martin sagt nicht, dass niemand gegangen ist. Er sagt, dass das Team heute so groß sei wie zu DOOM (2016). Damals arbeiteten schätzungsweise 70 bis 80 Leute im Kern. Nach den Entlassungen hat id Software noch etwa 49 bis 95 Mitarbeiter – je nachdem, welcher Quelle man folgt. Selbst bei der optimistischsten Schätzung ist das im Kernbereich nahe an DOOM (2016). Aber die Zusammensetzung ist eine völlig andere: Wo damals ein eingespieltes Engine-Team saß, sind heute Programmierer verteilt auf drei Standorte. Das ist ein Unterschied, den man nicht in einer Zahl ausdrücken kann.
Die Frage, die bleibt: Kann id Software noch id Software sein?
Die Situation ist komplizierter, als es irgendeine einzelne Aussage suggeriert. Martin hat nicht gelogen – die Teamgröße könnte tatsächlich im DOOM (2016)-Bereich liegen. Aber er hat auch nicht die ganze Wahrheit gesagt: Die Verteilung der Kompetenzen, der Verlust von Spezialwissen und die Abhängigkeit von entfernten Teams sind Faktoren, die keine Zahl abbildet.
Dazu kommt der Kontext. Microsoft hat im Zuge der jüngsten Restrukturierung 3.200 Mitarbeiter auf der Abschussliste, fünf Studios abgestoßen oder geschlossen. Wolfenstein 3 ist zwar laut Windows Central in Entwicklung, aber das ändert nichts daran, dass id Software als das Herz der Ego-Shooter-Entwicklung bei Xbox schwer getroffen wurde. Der Xbox-Reset, den Asha Sharma eingeleitet hat, macht keine Ausnahmen – auch nicht für das Studio, das DOOM erfunden hat.
Was am Ende bleibt, ist eine Frage, die sich erst in Jahren beantworten lässt: Kann das nächste Doom-Spiel noch so gut sein wie The Dark Ages? Martin sagt Ja. Die Ex-Mitarbeiter sagen Nein. Die Fakten – 136 entlassene von 185 – liegen irgendwo dazwischen. Und während Microsoft beteuert, dass Doom, Quake und Wolfenstein weiterleben werden, fragt sich die Community, wer sie eigentlich entwickeln soll.
