Dass id Tech auch nach den Massenentlassungen Teil von Xbox‘ Zukunft sein soll, klingt erstmal nach einer guten Nachricht. Bis man checkt, wer genau gefeuert wurde. Ein Bericht von This Week in Videogames behauptet unter Berufung auf eine mit den Plänen vertraute Quelle, Microsoft wolle weiter auf die hauseigene Engine setzen. Gleichzeitig belegen WARN-Dokumente aus Texas: id Software hat 136 von 185 Mitarbeitern verloren. Und wie auch Kotaku und Game Developer übereinstimmend berichten, waren darunter fast alle, die id Tech überhaupt am Laufen halten. Das ist keine Sparrunde mehr. Das ist ein Studio, dem man die Werkzeuge wegnimmt – und dann sagt, es soll weitermachen wie bisher.
id Tech soll bleiben – aber wer baut sie?
Die Liste der gestrichenen Positionen liest sich wie das Who-is-Who einer Engine-Entwicklung: Director of Engine Technology, zwei Principal Engine Programmer, drei Senior Engine Programmer, Principal Tools Programmer, Engine Programmer, Tools Programmer. Keine Randfiguren. Keine Positionen, die man einfach umverteilen kann. Das sind die Leute, die id Tech 8 gebaut haben – die Engine, die letztes Jahr in DOOM: The Dark Ages debütierte.
Scott Miller, Mitgründer von Apogee und eng mit der id-Historie vertraut, brachte es auf X auf den Punkt: „most (if not all) coders“ seien betroffen. George Broussard ergänzte: „Tools, programming (except a couple), Quake Champions team, testing team. All gone.“ Ein ehemaliger VFX-Artist von id spekulierte auf LinkedIn sogar, dass die Zeichen auf eine Verkleinerung auf Support-Studio-Größe und einen Wechsel zu Unreal Engine deuten. Dass Xbox trotzdem behauptet, id Tech bleibe Teil der Strategie, wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie ein Plan – und mehr wie ein Mantra, das man sich selbst einredet.
136 Stellen gestrichen – fast das gesamte Engine-Team weg
Die Zahl ist inzwischen durch mehrere unabhängige Quellen bestätigt. Die ersten Berichte, dass id Software und Zenimax Online betroffen sind, kamen bereits am 7. Juli. Das WARN-Filing in Texas listet 96 Entlassungen am Standort Richardson sowie 40 Remote-Mitarbeiter. Bei 185 Beschäftigten Ende 2025 bedeutet das: id Software hat mehr als zwei Drittel seiner Belegschaft verloren. Zum Vergleich: Die Revelations-Erweiterung wurde noch von einem intakten Team entwickelt. Was danach kommt, ist offen.
Kotaku zitiert eine Quelle mit dem Satz: „The institutional knowledge is just not there. id Tech as a technology is probably dead forever.“ Selbst Patches zu liefern, würde bedeuten, entlassene Mitarbeiter anzurufen und zu fragen, wie der Code funktioniert. Dass genau eine Person aus dem id-Tech-Team am Texas-Standort übrig sein soll, klingt nicht nach einer Notlösung. Es klingt nach dem Ende einer Ära.
MachineGames, Bethesda und der Widerspruch, der nicht aufgeht
Die Ironie bekommt eine zweite Schicht, wenn man sich ansieht, wer id Tech noch nutzt. MachineGames hat die Engine für Wolfenstein und Indiana Jones verwendet, zuletzt mit einer eigenen Fork namens Motor. Ausgerechnet MachineGames gilt nach dem Erfolg von Indiana Jones und der Große Kreis als neues Zugpferd von Xbox. Zudem befindet sich Wolfenstein 3 in Entwicklung, wie Windows Central im Zuge des Xbox-Umbaus berichtete.
Parallel dazu erklärte Bethesda-Präsidentin Jill Braff in einem internen Memo, man fokussiere sich auf die „strongest franchises“ – Doom, Quake, Wolfenstein eingeschlossen. Das Problem: Franchise-Namen lassen sich auf ein Blatt Papier drucken. Eine Engine, die nur eine handvoll Leute wirklich versteht. Wenn id Tech keine Entwickler mehr hat, die sie weiterentwickeln können, sitzt MachineGames auf einer Engine, deren Zukunft fremdbestimmt ist – oder die am Ende doch durch Unreal Engine 5 ersetzt wird, genau wie Halo Studios es mit der Slipspace Engine vorgemacht hat.
Was von id Software übrig bleibt
Der vielleicht bitterste Satz in dieser ganzen Geschichte kommt von einem ehemaligen id-Mitarbeiter, den GamesBeat zitiert: „I have no regrets in the technology that we made, and the games that we released. We kicked ass for a small studio of people pumping out a triple-A title.“ Stolz auf das, was war. Keine Antwort auf die Frage, was kommt.
Denn die Projekte, die id Software noch auf dem Tisch hatte, liegen jetzt auf Eis. Ein neuer Perfect-Dark-Teil. Ein John Wick inspirierter Shooter namens Fury. Ein Western-Survival-Spiel mit dem Codenamen Ironwood. Ein kooperativer DOOM-Ableger. Einige dieser Vorschläge wurden laut GamesBeat schon vor den Entlassungen beerdigt. Der Rest ist in der Schwebe. Und der größte Xbox-Reset seit Jahren macht klar: Selbst wenn Microsoft id Tech nicht offiziell begräbt – ohne Leute, die sie warten, patchen und weiterentwickeln, wird aus „Teil der Zukunft“ ziemlich schnell eine Leiche, die noch atmet.