Es ist der Tag, den wir seit dem 1. Juli kommen sahen, der Tag, den George Broussard angekündigt hat, der Tag, vor dem Jason Schreier warnte – und trotzdem trifft die offizielle Bestätigung härter, als die Gerüchteküche es je konnte. Asha Sharma, seit gut einem Jahr CEO von Xbox, hat gestern das Memo verschickt, das niemand lesen wollte: 3.200 Mitarbeiter verlieren ihren Job bis Ende des Geschäftsjahres 2027, 1.600 davon mit sofortiger Wirkung. Vier Studios werden abgestoßen oder in die Unabhängigkeit entlassen. Arkane Studios steht vor der Konsultation mit dem Betriebsrat. Und die Begründung liest sich wie das Eingeständnis eines jahrelangen Fehlers, den jetzt die bezahlen, die nie eine Entscheidung getroffen haben. „Wir beginnen die bedeutendste Umstrukturierung in der Xbox-Geschichte“, schreibt Sharma. Und sie hat recht – aber nicht im Guten.
64 Cent Verlust, 14 Ebenen, eine Krise – was Sharmas Zahlen wirklich sagen
Das interne Memo, das IGN veröffentlicht hat, ist ein Dokument der Selbstabrechnung. Sharma beziffert die Verluste präzise: „Wir arbeiten mit Margen, die 3- bis 10-mal niedriger sind als vergleichbare Plattform- und Publishing-Unternehmen.“ In einem typischen Jahr habe Xbox „64 Cent pro investiertem Euro verloren“. Fünf Jahre lang habe man Studios gekauft, Teams aufgebaut, auf Game Pass gesetzt – und sei nicht gewachsen.
Unsere Redaktion hatte bereits am 1. Juli über Broussards Vorwarnung von 435 Stellen allein bei den Studios berichtet. Die tatsächliche Zahl liegt jetzt um ein Vielfaches höher. Sharma räumt selbst ein, dass die Organisation aufgebläht sei: In Teilen des Unternehmens durchlaufe Arbeit bis zu 14 Führungsebenen. Künftig sollen es maximal fünf sein. Und Moon Studios CEO Thomas Mahler, der Microsofts First-Party-Output vor Wochen in einer Brandrede zerlegt hatte, bekommt mit jeder Zeile dieses Memos posthum recht.
Vier Studios verlassen Xbox – und das sagt alles über die Strategie
Die Studio-Entscheidungen sind der eigentliche Paukenschlag des Tages. Compulsion Games und Double Fine Productions werden unabhängig – sie behalten ihre IPs, ihren Katalog und erhalten eine „Startbahn“ (runway) für ihre nächsten Spiele. Ninja Theory und Undead Labs kommen unter neue Besitzer, mit der Auflage, Senua und State of Decay 3 fertigzustellen.
Das klingt nach einem geordneten Exit, aber wie wir in unserer Analyse dokumentiert haben, ist es das Gegenteil. Diese Studios wurden von Microsoft gekauft, in Releases getrieben und jetzt abgestoßen, weil der Konzern erkannt hat: „Es ist weder möglich noch wünschenswert, jedes großartige unabhängige Studio zu besitzen.“ Ein Satz, der fünf Jahre Übernahmewut in einer einzigen PR-Phrase zusammenfasst. Was mit den 1.600 weiteren Stellen passiert, die bis Ende FY27 folgen, bleibt vorerst offen.
Arkane, Blizzard, Bethesda – niemand ist sicher vor Sharmas Reset
Besonders bitter trifft es Arkane Lyon. Das Studio hinter Marvel’s Blade – das laut Todd Howard „wirklich, wirklich großartig“ sein soll – tritt in die Konsultation mit seinem französischen Betriebsrat ein. In der Sprache der heutigen Xbox bedeutet das: Arkane steht zum Verkauf. Wir hatten bereits am 3. Juli detailliert dokumentiert, wie weit Marvel’s Blade tatsächlich ist und warum Microsoft trotzdem die Reißleine zieht. Die Antwort ist dieselbe wie beim Rest des Portfolios: Budget vor Kreativität.
Sharma betont, dass kein öffentlich angekündigtes First-Party-Spiel gecancelt wird. Fable, Gears of War: E-Day, Clockwork Revolution, Call of Duty, The Elder Scrolls 6 – alles sicher. Aber die Reduzierungen treffen Activision, Bethesda, Blizzard, King, Mojang und Xbox Game Studios gleichermaßen. Niemand ist raus. Sogar id Software und ZeniMax Online Studios, die wir heute Morgen in einem separaten Bericht eingeordnet haben, werden „signifikante Einschnitte“ hinnehmen müssen.
Der Tag, an dem Xbox aufhörte, Studios zu horten
Asha Sharma hat mit diesem Memo nicht nur 3.200 Kündigungen angekündigt. Sie hat die Ära der Xbox-Übernahmen für beendet erklärt. „Die Anzahl der Spiele, die jeden Monat in der Branche produziert werden, übertrifft die der letzten zehn Jahre zusammen“, schreibt sie. Übersetzt: Xbox braucht keine Studios mehr zu kaufen, weil es ohnehin zu viele Spiele gibt. Eine bemerkenswerte Kehrtwende für einen Konzern, der 2023 noch 70 Milliarden Dollar für Activision Blizzard ausgegeben hat.
Dass Mojang und King ab sofort direkt an Sharma berichten, Helen Chiang zur COO befördert wird und Dave McCarthy in den Ruhestand geht, sind Nebenschauplätze – aber sie zeigen, wohin die Reise geht. Sharma will Minecraft und Candy Crush als Plattformen ausbauen, nicht als Studios. Und der Game Pass? Unser Bericht vom 30. Juni dokumentiert, dass die Drittanbieter-Deals bereits eingefroren sind. Das Abo, das Xbox fünf Jahre lang als Heilsbringer bewarb, ist heute das größte Fragezeichen im ganzen Memo.