Erst hieß es: Macht interessante Spiele, füllt den Game Pass. Jetzt heißt es: Ihr kostet zu viel, ihr seid nicht profitabel genug. Die Rechnung für diesen Strategiewechsel könnten Dutzende Xbox Studios mit ihrer Existenz bezahlen. Das berichtet Bloomberg-Journalist Jason Schreier in einem neuen Video, das die Vorgeschichte der geplanten Massenentlassungen bei Xbox rekonstruiert. Und die ist vernichtend.
Das Paradoxon: Game Pass Strategie als Fallstrick
Schreier zeichnet den Weg von Microsofts Gaming Sparte über die letzten 15 Jahre nach – und identifiziert einen entscheidenden Bruch: Nach dem Desaster der Xbox One Ankündigung habe man alles auf eine Karte gesetzt. Das Abo, der Game Pass, wurde zum alleinigen Kompass. Studios wie Double Fine und Compulsion Games bekamen die Order, interessante Spiele zu entwickeln, die den Katalog füllen – nicht Spiele, die sich millionenfach verkaufen müssen. Kiln und South of Midnight entstanden genau unter dieser Prämisse.
Dass diese Titel kommerziell hinter den Erwartungen zurückblieben, war absehbar. Dass Microsoft jetzt genau das zum Vorwurf macht, bezeichnet Schreier als perfides Spiel. „Viele dieser Studios haben selbst genug Fehler gemacht, aber in vielerlei Hinsicht werden sie heute dafür bestraft, dass sie Anweisungen befolgt haben“, sagt er. „Dafür, dass sie auf das gehört haben, was man ihnen vor einigen Jahren gesagt hat.“
Dass wir hier nicht von einer Krise auf dem Papier sprechen, zeigt der Track Record der letzten zwei Jahre. Unser Xbox Insider Bericht zu möglichen Studioschließungen hatte bereits vor Wochen angedeutet, dass Microsoft bis Ende 2026 mindestens zwei Studios dichtmachen will. Seither hat sich die Lage dramatisch zugespitzt.
Vier Entlassungswellen und ein Blutbad im Juli
Die Bilanz, die Schreier zieht, liest sich wie ein Protokoll des Scheiterns. Vier Massenentlassungen in zwei Jahren. Geschlossene Studios wie Arkane Austin und Tango Gameworks – letzteres nur durch den Verkauf an Krafton gerettet. Eingestellte Projekte wie Everwild, Perfect Dark und Project Blackbird.
Und jetzt die nächste Eskalationsstufe. „Das Wort Blutbad ist unter den Leuten, mit denen ich spreche und die über die Vorgänge Bescheid wissen, gefallen“, so Schreier. „Es wird schlimm.“ Mehrere Quellen bestätigen, dass Microsoft das Ende des Geschäftsjahres am 30. Juni abwartet, um dann mit voller Härte zuzuschlagen. Selbst Bethesda gilt nicht mehr als sicher: Wer nicht an The Elder Scrolls oder Fallout arbeitet, könnte zum Streichkandidat werden.
Die Zahlen hinter der Radikalkur hatten wir bereits im Detail analysiert: In unseren Artikel haben wir Sharmas internes Memo auseinandergenommen, das eine Marge von drei Prozent und einen Umsatzrückgang von einer halben Milliarde Dollar offenlegte. Die neue CEO bezeichnet das Geschäft selbst als „nicht gesund“.
Studios verhandeln um ihre Unabhängigkeit
Die vielleicht brisanteste Information des Berichts: An mehreren Fronten laufen offenbar Verhandlungen über Loslösungen von Microsoft. Compulsion Games, Double Fine und Ninja Theory – das Team hinter Hellblade – sollen Gespräche mit Xbox führen, um ihre Eigenständigkeit zu erreichen. Ein Befreiungsschlag, bevor die Klinge fällt.
Schreier zieht einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Unsicherheit und der kreativen Schwäche der letzten Jahre. „Und einer der Gründe, warum Xbox Studios im letzten Jahrzehnt kaum großartige Spiele hervorgebracht haben, ist diese Unsicherheit. Es ist unglaublich schwer, großartige Kunst zu schaffen, wenn man unter der ständigen Angst vor Entlassungen, Turbulenzen, Absagen und Schließungen arbeiten muss.“
Dass Xbox Studios schließt und Geld in die Kernmarken pumpt – auch das ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Der Bloomberg Bericht zeichnet das Bild einer Führung, die unter Zeitdruck radikal umsteuert. Und der heise Bericht zur Entlassungswelle bestätigt: Die Kürzungen betreffen nicht nur Studios, sondern auch Marketingbudgets und andere Bereiche.