100 Millionen Menschen täglich, 500 Millionen monatlich, fast eine Milliarde pro Jahr – und trotzdem sinkt der Umsatz im zweiten Quartal in Folge. Asha Sharmas erstes großes Strategie-Memo als Xbox-CEO beginnt mit einer Zahl, die alles rechtfertigen soll, und endet mit einem Zeitplan, der alles verrät. The Verge liegt nach eigenen Angaben das interne, von Microsoft nicht bestätigte Schreiben vor – und was Sharma ihren Mitarbeitern nach 1.600 Entlassungen und weiteren 1.600 angekündigten Stellenstreichungen mit auf den Weg gibt, ist kein Durchhalte-Appell. Es ist eine Frist.
Core zuerst – das Bekenntnis, das für sich selbst spricht
Dass Sharma die Konsole als „Flaggschiff-Erlebnis“ an die erste Stelle der vier Cs setzt – Core, Content, Creation, Connection –, sagt mehr über Xbox‘ Lage als alle Reichweiten-Zahlen zusammen. Als sie vor Monaten den Chefposten übernahm, klang das Konsolen-Bekenntnis noch wie ein Pflichtsatz. Jetzt, nach zwei Quartalen mit zweistelligem Umsatzrückgang, liest es sich anders.
Core bedeutet: Die Hardware-Plattform bleibt der Anker. Kein reiner Publisher werden. Kein vollständiger Cloud-Schwenk. Kein Game Pass ohne Box. Für einen Konzern, der mit jeder Series X 150 Dollar Verlust macht und gerade die Preise erhöht hat, ist das ein bemerkenswertes Signal – und ein riskantes.
Nicht Content an erster Stelle, obwohl das Activision-Blizzard-Portfolio der größte Hebel ist. Nicht Connection, obwohl die Transmedia-Pläne ehrgeizig klingen. Core – die Konsole. Sharma weiß: Ohne Hardware gibt es keine Plattform, und ohne Plattform ist Xbox nur ein weiterer Publisher, der um Regalplatz bei Sony bettelt.
Content, Creation und die Milliarden-Frage
Drei Franchises machen laut Memo bereits mehr als eine Milliarde Dollar jährlich. Sharma nennt keine Namen, aber mit Call of Duty, Candy Crush und – je nach Rechnung – Minecraft oder Elder Scrolls braucht es nicht viel Fantasie. Ob diese Spiele exklusiv bleiben oder auf anderen Plattformen landen, entscheidet sich datenbasiert und ohne Dogma – im Klartext: Wo das Geld liegt, liegt auch das Spiel. Die Ansage ist trotzdem klar: Das Geld fließt dorthin, wo es sich vermehrt.
Content und Creation – die zweite und dritte Säule – sind im Memo eng verzahnt. „Growing games into global franchises“ auf der einen Seite, Minecraft als „Creator-Plattform“ auf der anderen. Das Muster: Stärken bündeln, statt sich zu verzetteln. Sharmas vorheriges Memo hatte bereits „harte Entscheidungen“ angekündigt – die strategische Übersetzung davon lautet jetzt: Studios, die keine Milliarden-Franchises liefern, werden entweder auf diese Franchises angesetzt oder sind Teil des Problems.
Film, Fernsehen, Merchandise, Live-Events, China-Partnerschaften – Sharmas vierte Säule Connection liest sich wie eine Wunschliste, die jedes Studio seit Jahren vor sich herschiebt. Der Unterschied: Diesmal steht ein Zeitplan daneben.
Drei Stufen bis 2030 – der ehrlichste Teil des Memos
Sharma unterteilt die Strategie in drei Phasen. FY27: zurück zu Wachstum. FY28/29: „meaningful player value and revenue acceleration“ – echtes Momentum bei Spielerzahlen und Umsatz. FY30: auf halbem Weg zum langfristigen Tages-Nutzer-Ziel, mit „sustained double-digit growth in players and engagement and industry-leading margins.“
Das ist kein Strategiepapier. Das ist ein Countdown.
„Industry-leading margins“ im selben Satz wie „double-digit growth“ – Sharma formuliert hier nicht, was Xbox werden will, sondern was Satya Nadella hören muss. Microsofts Gaming-Sparte hängt am Tropf eines Konzerns, der mit Azure über 100 Milliarden Dollar umsetzt und für den eine 10-Prozent-Delle im Gaming-Umsatz eine Fußnote ist. Sharmas Memo ist die Antwort auf eine unausgesprochene Frage aus dem letzten Earnings Call: Warum genau halten wir diese Sparte eigentlich noch?
Die Antwort in drei Buchstaben: FY30. Bis dahin muss Xbox bewiesen haben, dass es als Plattform mit branchenführenden Margen existieren kann. Die größte Restrukturierung der Xbox-Geschichte – 3.200 Stellen, vier geschlossene Studios – war der Preis für diesen Zeitplan. Und der Zeitplan sagt: Ihr habt drei Jahre.
100 Millionen täglich, 1.600 weniger monatlich
Sharmas Reichweiten-Zahlen sind beeindruckend – und sie sind das Einzige, was sie zwischen die Entlassungen und den Wachstumsplan schieben kann. 100 Millionen Menschen täglich. Ein „Stadion“, wie sie es nennt.
Aber dieses Stadion hat in den letzten Wochen Sitzreihen verloren. 1.600 Stellen wurden bereits gestrichen, 1.600 weitere sind angekündigt. id Software und ZeniMax Online mussten Personal abgeben, und unter den verbliebenen Studios kursiert die Angst vor der nächsten Welle.
Der Widerspruch zwischen Sharmas Wachstumsrhetorik und den Stellenstreichungen ist nicht auflösbar. Er ist das Produkt einer Sparte, die gleichzeitig investieren und sparen muss – und deren CEO jetzt in einem internen Memo erklären muss, warum beides zusammen Sinn ergibt. Dass sie es mit einem Drei-Stufen-Plan und nicht mit Durchhalteparolen versucht, macht das Dokument nicht sympathischer. Aber ehrlicher.