Im März war Gaming noch „Microsofts DNS„. Im Juli spricht Satya Nadella von „necessary decisions“. Dazwischen: 3.200 Entlassungen, vier abgestoßene Studios und zwei Quartale mit zweistelligen Umsatzrückgängen. Der Microsoft-CEO hat nach dem Earnings Call zum vierten Quartal des Fiskaljahres 2026 Analysten erklärt, Xbox werde auf „langfristiges Wachstum“ zurückgesetzt – und nannte als Zielmarke fiscal 2027. Dass Nadella das Wort „Reset“ benutzt, ist kein Zufall. Es ist das Eingeständnis, dass alles, was Xbox in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat, nicht genug war.
- -10%, -11%, -2% – die Zahlen, die Nadellas Worte erklären
- 3.200 Jobs, vier Studios – der Reset hat schon angefangen
- Von „DNS“ zu „necessary decisions“ – wie Nadella seine Sprache geändert hat
- Game Pass, Hardware-Verluste, Activision-Rendite – wo das Geld versickert
- Fiscal 2027: Ein Jahr, um zu beweisen, dass Xbox eine Plattform bleiben darf
-10%, -11%, -2% – die Zahlen, die Nadellas Worte erklären
Die nackten Zahlen aus dem Earnings Call: Xbox-Umsatz fiel im vierten Quartal um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im dritten Quartal waren es 11 Prozent. Das ist kein Ausreißer – das ist ein Trend. Die Bruttomarge in Dollar sank um 2 Prozent. Zur Einordnung: Microsofts Gesamtkonzern legte im selben Zeitraum um 18 Prozent zu, auf rund 90 Milliarden Dollar Umsatz. Azure durchbrach erstmals die 100-Milliarden-Marke. Microsoft 365 Copilot zählt 30 Millionen bezahlte Nutzer.
Die Xbox-Division hingegen schrumpft, während der Rest des Konzerns Rekorde bricht. Die Amortisierung der Activision-Blizzard-Übernahme – Buchhaltungseffekte aus dem 70 Milliarden Dollar Deal – hat die Bruttomarge prozentual zwar verbessert, aber das verdeckt nur, dass das operative Geschäft rückläufig ist. Die R&D-Ausgaben stiegen um 8 und 7 Prozent in den beiden letzten Quartalen – Microsoft investiert also weiter, aber das Geld kommt nicht zurück.
Und dann der Blick in die 10K-Einreichung: Microsoft will Xbox „über verschiedene Endpunkte“ wachsen lassen, durch Diversifikation in Abos, Werbung und digitale Stores. Dritthersteller-Hardware, PC, Mobile – die Sprache ist die eines Plattformbetreibers, der nicht mehr an seine eigene Hardware glaubt.
3.200 Jobs, vier Studios – der Reset hat schon angefangen
Nadellas „necessary decisions“ sind keine Ankündigung für die Zukunft. Sie laufen bereits. Anfang Juli 2026 strich Xbox rund 1.600 Stellen. Divisions-CEO Asha Sharma bestätigte, dass im Laufe des Fiskaljahres 1.600 weitere folgen werden. Macht 3.200 Jobs – die größte Entlassungswelle in Xbox‘ Geschichte.
Gleichzeitig trennt sich Microsoft von vier Studios: Compulsion Games, Double Fine Productions, Ninja Theory und Undead Labs werden abgestoßen. Das sind nicht irgendwelche Studios. Double Fine hat Psychonauts 2 gemacht – eines der am höchsten bewerteten Xbox-Spiele der letzten Jahre. Ninja Theory sollte mit Hellblade 2 und Project Mara die künstlerische Speerspitze der Plattform sein. Compulsion Games und Undead Labs galten als kreative Nischenstudios, die Xbox‘ Portfolio verbreitern sollten.
Dass Microsoft sie jetzt verkauft oder schließt, nachdem das Unternehmen zuvor bereits Mittel in Richtung Fallout, Halo und The Elder Scrolls 6 umgeleitet hat, zeigt die neue Priorität: Nur noch IPs mit garantiertem Return. Der Rest ist Ballast.
Von „DNS“ zu „necessary decisions“ – wie Nadella seine Sprache geändert hat
Am 10. März 2026 stand Satya Nadella in einer internen Fragerunde und erklärte, Gaming sei „Teil der DNS von Microsoft“. Er holte Asha Sharma persönlich in die Diskussion, um die „übergeordnete Vision für Gaming“ zu besprechen. Die „This is an Xbox“-Kampagne wurde still beerdigt, weil sie nicht mehr zur Strategie passte – aber das Bekenntnis zur Plattform schien ungebrochen.
Vier Monate später sagt derselbe CEO: „We are making the necessary decisions required across our content portfolio, platform, and operations to reset the business for long-term growth.“ Das ist keine Ermutigung. Das ist Business-Sprech für: Was wir bisher gemacht haben, funktioniert nicht.
Der Unterschied zwischen März und Juli liegt nicht in Nadellas Überzeugung, sondern in der Dringlichkeit. Im März konnte man -11% noch als schwieriges Quartal abtun. Zwei Quartale später ist das Muster etabliert. Die Wall Street fragt nicht mehr, ob Xbox ein Problem hat, sondern wie teuer die Lösung wird. Nadella gibt ihnen als Antwort fiscal 2027: „We expect to return the business to growth in fiscal 2027.“ Übersetzt: Gebt mir ein Jahr, dann läuft das wieder.
Dass er dieses Versprechen öffentlich macht, ist riskant. Ein CEO vom Format Nadellas setzt keine Jahresziele, die er nicht für erreichbar hält. Dass er es trotzdem tut, zeigt: Der Druck von oben – oder vom Board – muss enorm sein.
Game Pass, Hardware-Verluste, Activision-Rendite – wo das Geld versickert
Warum schrumpft Xbox, während der Rest von Microsoft explodiert? Drei strukturelle Probleme überlagern sich.
Erstens: Game Pass hat nicht genug zahlende Abonnenten. Der Dienst war als Netflix für Spiele gedacht, aber die Wachstumskurve flachte ab, sobald der Day-One-Blockbuster-Effekt nachließ. Ex-Forza-Direktor Dan Greenawalt sprach im Sommer 2026 offen aus, was intern längst klar war: Zu viele Nutzer zahlen nicht genug, zu wenige zahlen dauerhaft.
Zweitens: Jede verkaufte Xbox Series X kostet Microsoft 150 Dollar. Die Hardware wird unter Herstellungskosten verkauft, subventioniert mit der Erwartung, dass Software-Verkäufe und Abos den Verlust ausgleichen. Wenn aber die Software-Seite schwächelt, wird jede verkaufte Konsole zum vergrößerten Verlust.
Drittens: Die Activision-Blizzard-Übernahme für 70 Milliarden Dollar sollte Xbox‘ Content-Maschine für immer füllen. Call of Duty, World of Warcraft, Candy Crush – ein Lizenz-Imperium, das Geld druckt. Aber die Rendite lässt auf sich warten. Die Amortisierungskosten drücken auf die Bilanz, während die Synergieeffekte – mehr Game-Pass-Abonnenten durch CoD, mehr Cloud-Nutzer durch Mobile-Gaming – langsamer eintreten als kalkuliert.
Nadellas Antwort auf alle drei Probleme steht in der 10K-Einreichung: Diversifikation. Werbung im Cloud-Gaming, Dritthersteller-Hardware, digitale Stores auf PC und Mobile, stärkere Partnerschaften mit First- und Third-Party-Content-Machern. Der Subtext: Das alte Modell – Microsoft-Hardware plus Microsoft-Abo plus Microsoft-Spiele – trägt sich nicht mehr allein.
Fiscal 2027: Ein Jahr, um zu beweisen, dass Xbox eine Plattform bleiben darf
Was passiert, wenn fiscal 2027 kein Wachstum bringt? Nadella hat diese Frage nicht beantwortet. Aber die Logik des Konzerns gibt eine klare Antwort.
Microsoft ist mit seinen 90 Milliarden Dollar Quartalsumsatz und Azure als 100-Milliarden-Maschine nicht auf Xbox angewiesen. Die Gaming-Sparte ist strategisch relevant – Nadella hat immer betont, dass Gaming ein Einstiegstor für junge Nutzer in das Microsoft-Ökosystem ist –, aber sie ist nicht systemrelevant. Wenn fiscal 2027 keinen Turnaround bringt, wird aus dem „Reset“ ein Rückbau.
Asha Sharma hat die Premium-Hardware-Strategie ihrer Vorgängerin Sarah Bond bereits für gescheitert erklärt. Project Helix, die nächste Xbox-Konsolengeneration, wurde nie als traditionelle Konsole konzipiert – sondern als eine Art Referenzplattform für ein Ökosystem, das auf Dritthersteller-Hardware, PC und Mobile setzt.
Gears of War: E-Day und Perfect Dark sind die beiden Spiele, die diesen Plan tragen sollen. Wenn sie funktionieren – große Verkaufszahlen, Game-Pass-Zuwächse, Cloud-Nutzung –, hat Nadella seinen fiscal-2027-Beleg. Wenn nicht, wird Xbox wahrscheinlich das, was viele schon heute befürchten: ein Publisher mit einem Cloud-Dienst als Bonus. Keine Konsole. Keine Plattform. Nur noch Spiele.
Das wäre kein Untergang. Activision Blizzard, Bethesda, Mojang, Halo, Gears, Forza – Microsoft besitzt die stärkste IP-Bibliothek der Branche. Ein Publisher-Microsoft könnte profitabler sein als ein Plattform-Microsoft. Aber es wäre das Ende einer Idee: dass Xbox mehr ist als ein Label auf einer Spieleverpackung.