Microsofts Geschäftsjahr ist seit wenigen Tagen zu Ende, und was in den letzten Stunden aus Redmond durchsickert, klingt weniger nach strategischer Neuausrichtung als nach einem Trümmerfeld mit Ansage. Windows Central hat ein Video veröffentlicht, in dem Senior Editor Zac Brown und Jez Corden Klartext über die Zukunft der Xbox-Studios reden – und die ist so düster, wie man sie sich nur ausmalen kann. Die Stichworte: Entlassungen quer durch alle Teams, Studios vor dem Verkauf, einige vor der Schließung. Und das alles ab dieser Woche.
Wer die letzten zwei Jahre verfolgt hat, für den ist diese Nachricht leider kein Schock. Xbox hat 2024 Arkane Austin und Tango Gameworks dichtgemacht, 2025 folgten The Initiative und konzernweit 9.000 Stellen. Wie wir berichtet haben, sprach Insider George Broussard von 435 neuen Kürzungen allein bei den direkt betroffenen Studios – und das war erst der Anfang. Jetzt verdichtet sich das Bild, und es sieht nicht so aus, als hätte irgendjemand in der Führungsetage auf die Bremse getreten.
Jedes einzelne Studio, mindestens einige Entlassungen
Jez Corden hat im Windows Central Video einen Satz gesagt, der die Dimension dieser Welle auf den Punkt bringt: „Ich denke, jedes Studio wird Entlassungen haben – mindestens einige.“ Kein „einige Studios“, kein „vor allem die kleineren Teams“. Jedes Studio. Das ist eine Ansage, die selbst den abgebrühtesten Branchenbeobachter kurz schlucken lässt.
Dass Rare auf der Abschussliste steht, hatte EDGE-Chefredakteur Patrick Garratt bereits vor wenigen Tagen mit einem knappen „Rare’s on the block“ öffentlich gemacht. Das 40 Jahre alte Studio, seit 2002 bei Microsoft, hat Everwild verloren, seine Führungsriege verabschiedet und betreibt Sea of Thieves im Schongang – die perfekte Vorlage für den Rotstift.
Und Rare ist kein Einzelfall. Compulsion Games, Double Fine, Ninja Theory und Undead Labs – alles Studios, die teils noch vor Wochen Gameplay-Material gezeigt oder an prestigeträchtigen Marken arbeiten – stehen auf einer Liste, die uns seit Tagen beschäftigt. Broussards 435 Stellen Zahl, die wir letzter Woche aufgegriffen haben, war offenbar nicht einmal das vollständige Bild. EDGE spricht von über 1.000 Jobs, die zur Disposition stehen.
Zwischen Verkauf, Unabhängigkeit und Schließung
Was Windows Central beschreibt, ist ein Dreiklang des Sparens – und jeder Ton tut auf seine Weise weh. Zac Brown formuliert das so: „Im besten Fall findet sich für einige dieser Studios ein Käufer – andere könnten unabhängig werden oder von den Leuten zurückgekauft werden, die das Unternehmen ursprünglich verkauft haben.“ Dazu kommen, in Browns Worten, „potenziell einige kleinere Studios, die geschlossen werden.“
Dieses Hin und Her zwischen Rettung und Abwicklung ist kein abstraktes Planspiel. Jeff Grubb hatte erst vor wenigen Tagen enthüllt, dass Obsidian Entertainment an einem Punkt „geschlossen oder verkauft werden sollte“ – bevor die Führung innerhalb von 24 Stunden ihre Meinung änderte. Marvel’s Blade von Arkane Lyon ist laut Grubb „ziemlich weit fortgeschritten„, Todd Howard hat das Spiel im Mai gesehen und war begeistert – und trotzdem steht Arkane auf der Kippe.
Die Logik dahinter ist so einfach wie brutal. Xbox-CEO Asha Sharma hat es schwarz auf weiß in einem internen Memo festgehalten: Drei Prozent Gewinnmarge, über 20 Milliarden Dollar Investitionen in fünf Jahren, fast eine halbe Milliarde Umsatzrückgang. „So kann es nicht weitergehen“, schrieb sie. Wenn eine Excel-Tabelle entscheidet und nicht der kreative Output, dann nützt dir auch Todd Howards Lob nichts.
Der eine Lichtblick: Spiele könnten trotzdem erscheinen
Bei all dem Trümmerhagel gibt es einen Satz im Windows Central Bericht, der zumindest einen Funken Hoffnung trägt: Betroffene Studios könnten die Chance bekommen, ihre angekündigten Spiele noch fertigzustellen. Kein kompletter Reset also – kein Szenario, in dem jahrelange Arbeit einfach im digitalen Papierkorb verschwindet.
Was das konkret bedeutet, hängt vom Einzelfall ab. State of Decay 3 von Undead Labs oder Marvel’s Blade von Arkane Lyon – das sind Titel, an denen nicht nur Millionenbudgets, sondern auch die Reputation der Studios hängen. Dass Microsoft sie nicht einfach killt, sondern einen geordneten Abschluss ermöglichen will, ist das absolute Minimum an Anstand. Aber es ist immerhin mehr als das, was Arkane Austin und Tango Gameworks 2024 bekommen haben.
Der Preis dafür bleibt trotzdem hoch. Wenn Studios verkauft oder unabhängig werden, verlieren sie den finanziellen Schutzschirm eines der reichsten Konzerne der Welt. Was wie eine zweite Chance klingt, ist für viele Teams schlicht der Sprung ins kalte Wasser – in einer Branche, die seit drei Jahren von Entlassungswelle zu Entlassungswelle taumelt. Glenn Israel, ehemaliger Art Director bei Halo Studios, warnt aktuelle Mitarbeiter seit Wochen davor, irgendetwas zu unterschreiben, bevor sie einen Anwalt konsultiert haben.
