Manche Spiele erschrecken mit Blut, Gedärmen und billiger Schocktaktik. Andere lassen dich zittern, bevor überhaupt etwas passiert – und das ist die ungleich schwierigere, raffiniertere Kunst. Mit der vierten Folge seiner Dev Diary-Reihe gibt das Hamburger Studio DALOAR einen bemerkenswert offenen Einblick in einen der wirkungsvollsten und gleichzeitig am häufigsten unterschätzten Aspekte von The Occultist: den Klang. Was dabei zum Vorschein kommt, lässt erahnen, dass hier deutlich mehr als ein gewöhnliches Horrorspiel im Entstehen ist.
Echtes Orchester statt digitaler Beliebigkeit
Wenn Indie-Horrorspiele an ihre Grenzen stoßen, ist es meistens beim Soundtrack. Volldigitale Produktionen klingen oft klinisch, austauschbar, zu glatt für eine Welt, die rau und bedrohlich wirken soll. DALOAR hat sich bewusst dagegen entschieden. Für The Occultist holte das Team das Bratislava Symphony Orchestra ins Studio – ein vollständig live eingespieltes Ensemble, dessen organischer Klang der Komposition eine filmische Wucht verleiht, die im Indie-Bereich ausgesprochen selten ist. Wer schon einmal gehört hat, wie sich ein ganzer Streicherapparat langsam und unausweichlich aufbaut, weiß: Das ist eine andere Qualität, die kein Synthesizer der Welt replizieren kann. Ergänzt durch Chorpassagen, die dem Ganzen eine zusätzliche, nahezu spirituelle Beunruhigung verleihen, entsteht ein Gesamtklang, der von Anfang an signalisiert: Godstone ist kein Ort, an dem man freiwillig bleiben will.
Leitmotive als emotionaler Kompass durch Godstone
Musik in Spielen kann bloße Hintergrundkulisse sein – oder echter Bedeutungsträger, der Erzählung und Emotion gleichermaßen trägt. In The Occultist soll sie eindeutig Letzteres sein. Komponist Pepe Herrero arbeitet mit wiederkehrenden Leitmotiven, die bestimmte Figuren und emotionale Zustände fest im Gedächtnis verankern. Besonders prägnant ist dabei das „Whitney’s Theme“, ein Motiv, das den Fluch der Insel Godstone aufgreift und die Vergangenheit des Ortes mit den Ereignissen der Gegenwart verknüpft – auf eine Art, die mehr andeutet, als die Geschichte bislang preisgibt. Während Alan Rebels seinen Weg über die verfluchte Insel antritt, begleiten ihn in dramatischen Momenten epische Orchesterpassagen; in ruhigeren, intimeren Sequenzen jedoch ziehen sich die Kompositionen zurück und hinterlassen etwas Unheimlicheres als jeden Klang der Welt: das Nichts.
Die wirksamste Waffe ist manchmal die Stille
Das Entwicklerteam macht in dieser Folge unmissverständlich klar, dass die eigentliche Kunst des Horrors nicht immer im Lauten liegt. Stille ist in The Occultist kein Versehen, sondern bewusstes Kalkül. Gezielt eingesetzte Momente ohne Musik geben der Spannung Raum zum Atmen – und dir als Spieler Zeit, dir das Schlimmste auszumalen, bevor es eintrifft. Der Titel der Folge, „Fear Is Something You Hear First“, fasst diese Philosophie treffend zusammen: Angst beginnt mit dem, was du hörst, lange bevor du begreifst, was dich erwartet. Wer das Zusammenspiel aus orchestraler Wucht, präzisem Sounddesign und kalkulierter Lautlosigkeit auf sich wirken lässt, ahnt, dass The Occultist atmosphärisch weit über dem Genredurchschnitt operieren könnte. Herrero und DALOAR-Gründer David Lorenzo präsentieren hier eine Klangphilosophie, die nicht auf billige Schockmomente setzt, sondern auf etwas Nachhaltigeres: das leise, kriechende Unbehagen, das dich noch lange nach dem Spielen begleitet.




