Deadstick: Bush Pilot Simulator hat eine Entwicklungshistorie, die spannender ist als mancher Spieleplot: Erstmals vor über sechs Jahren angekündigt, galt das Bushflieger-Projekt in der Flugsim-Community bereits mehrfach als begraben. Ein verärgerter „Fan“ bastelte 2022 sogar eine gefälschte Todesmeldung des Spiels. Jetzt, im Juni 2026, meldet sich Deadstick mit einem neuen Publisher, einem neuen Studio und einem öffentlichen Playtest zurück – und der Herbst-Release auf Steam rückt näher. Wir checken, ob der Überlebenskampf sich gelohnt hat.
Vom Tod wiederauferstanden – die bewegte Geschichte eines Bushflieger-Traums
Die Vita von Deadstick liest sich wie das Drehbuch für eine Survival-Doku. Das ursprünglich von REMEX Software (Lead-Entwickler Chris) gestartete Projekt sollte schon vor dem Microsoft Flight Simulator 2020 auf den Markt kommen. Daraus wurde nichts. 2022 kursierte dann eine täuschend echt aussehende Website, die das Ende des Projekts verkündete – ein Fake, den sich ein frustrierter Fan ausgedacht hatte. Das Team selbst stellte die Arbeit tatsächlich vorübergehend ein, weil Auftragsarbeiten Vorrang hatten.
2024 dann die Kehrtwende: Spiral House übernahm die Entwicklung, Mythwright stieg als Publisher ein, und Chris – der ursprüngliche Schöpfer – blieb an Bord. Der ausführliche Ersteindruck von Stormbirds aus dem Playtest vom Mai 2026 bestätigt: Das Spiel existiert nicht nur, es funktioniert. Nach einem halben Jahrzehnt Entwicklungsachterbahn ist das an sich schon eine Nachricht.
Pilot statt Passagier – was Deadstick vom MSFS 2024 abhebt
Der Boss im Hangar ist natürlich der Karrieremodus des MSFS 2024. Microsofts Flaggschiff bietet seit letztem November einen Bush-Flying-Karrierepfad mit globaler Satellitenkarte, fotorealistischen Landschaften und Dutzenden Flugzeugen. Warum sollte irgendjemand Deadstick kaufen?
Die Antwort liegt im Fokus auf den Piloten, nicht das Flugzeug. Wo MSFS 2024 dich in die Kanzel setzt und fliegen lässt, beginnt Deadstick mit deinem Alter Ego zu Fuß: Du stehst in deiner Hütte, checkst Aufträge am Schwarzen Brett, läufst zum Hangar, führst eine Außenkontrolle durch, ziehst deine Maschine per Hand aufs Rollfeld. Das Studio bewirbt das mit der griffigen Formel: „Du bist der Pilot – nicht das Flugzeug.“
Was Deadstick anders macht als der MSFS 2024:
- Nur ein Flugzeug: Eine fiktive Maschine, angelehnt an klassische Piper-Cub-Bauweise. Keine Flottenvielfalt, sondern Tiefe durch das eine Arbeitsgerät
- Kein GPS, keine Navigationshilfen: Karte und Sichtnavigation, Punkt. Wer im MSFS 2024 das Garmin-G1000-Glascockpit gewohnt ist, muss umdenken
- Fiktive Welt statt Satellitenkarte: Die handgefertigten Regionen sind stilisiert und atmosphärisch, jagen aber nicht der Fotorealismus-Konkurrenz hinterher
- Ressourcen-Management: Reparaturen, Wartung, Hangarmiete – jeder Flug kostet Geld und kann bei schlechter Ausführung teuer werden
- Wetter als Gegner: Das dynamische Wettersystem mit Gewittern, Seitenwind und Turbulenzen ist Kernmechanik, nicht nur Kulisse
Im direkten Vergleich mit unserem ausführlichen Test des MSFS 2024 fehlt Deadstick die schiere technische Wucht und der Umfang – aber genau diese Reduktion könnte die Stärke sein, die Microsofts universellem Überflieger fehlt: ein fokussiertes, fast meditatives Bushflieger-Erlebnis mit Charakter.
Der Playtest spricht Klartext – solides Fluggefühl mit Schönheitsfehlern
Ende Mai öffnete das Team einen öffentlichen Playtest auf der Steam-Seite von Deadstick mit Zugang zur ersten Region. Die Ersteindrücke zeichnen ein gemischtes, aber insgesamt ermutigendes Bild.
Bei der Flugphysik punktet Deadstick überraschend solide: P-Faktor, Drehmoment, Bodeneffekt und asymmetrische Gierneigung sind spürbar implementiert. Wer beim Start zu viel Leistung ohne Seitenruder-Korrektur gibt, wird hart bestraft – genau das, was man von einer Bushflieger-Simulation erwartet. Das Flugzeug fühlt sich träge, aber reaktionsfreudig an, fliegt sich auch mit Gamepad zugänglich, entfaltet aber mit einem HOTAS-Setup deutlich mehr Charakter.
Die Baustellen des Playtests:
- Periodische Ruckler und Freezes: Regelmäßige Stotterer, oft begleitet von einem Himmels-Blitz – vermutlich ein wetterbezogener Rendering-Bug. Einmalig sogar ein kompletter Absturz mit Task-Manager-Neustart
- Zu schmales Sichtfeld im Cockpit: Selbst auf einem 32-Zoll-Monitor fehlt Übersicht – eine Weitwinkel-Option steht auf der Wunschliste
- Flugmodell nicht ganz rund: In Bodeneffekt-Nähe wirkt die Maschine seltsam schwerelos, als würde sie einfach schweben. Turbulenzeffekte fühlen sich eher nach Wackeln als nach echtem Durchfliegen von Luftmassen an
- Leere Spielwelt: Die Regionen sind optisch ansprechend, aber menschenleer. Keine Tiere, kein Flugverkehr, keine NPCs
- Kein Autopilot: Auch auf langen Überführungsflügen muss dauerhaft Hand angelegt werden – charmant, aber auf Dauer ermüdend
Die visuelle Präsentation setzt klug auf einen stilisierten Look statt Fotorealismus. Bäume, Bodenvegetation und die animierten Wettereffekte (raschelndes Laub bei aufkommendem Wind!) sehen gelungen aus. Die Wolken sind Mittelmaß, die Schattenwürfe niedrig aufgelöst und nervös. Für ein Indie-Projekt mit kleiner Mannschaft ist das trotzdem beachtlich – Deadstick sieht nicht aus wie 2018, sondern wie 2024 mit Budgetbremse.
Das unbekannte Studio hinter dem Comeback – Spiral House und Mythwright unter der Lupe
Wer steckt eigentlich hinter dieser Wiederbelebung? Spiral House existiert seit 1998, hat aber die meiste Zeit im Verborgenen gearbeitet. Das Liverpooler Studio fungierte jahrzehntelang als Co-Developer und Portierungsdienstleister – unter anderem für PS2-Portierungen von World Racing 1 und 2, Ghost Master auf Xbox, und zuletzt PC Building Simulator 2 als Lead-Entwickler. Zusätzlich produzierte das Team UEFN-Inhalte für Fortnite, darunter das offizielle TMNT-Dimensions-Erlebnis und die Game-Awards-2024-Insel.
Deadstick ist damit nach PC Building Simulator 2 erst das zweite große Eigenprojekt – und das erste im hart umkämpften Flugsimulations-Genre. Dass viele Entwickler von Spiral House bereits an früheren Deadstick-Phasen beteiligt waren, spricht für institutionelles Wissen, aber die lange Unterbrechung bleibt ein Risikofaktor.
Auf Publisher-Seite agiert Mythwright, die sich mit Titeln wie Thronefall und Going Medieval einen Namen gemacht haben. Allerdings zeigt ein Blick, dass Mythwrights Portfolio zuletzt nicht nur geglänzt hat: TerraTech Legion und Bladesong blieben weitgehend unter dem Branchenradar. Ein Bushflieger-Simulator ist für den Verlag Neuland – ob die Marketing-Maschinerie dafür bereit ist, bleibt offen.
