Martin Klíma der Gründer von Warhorse und Executive Producer von Kingdom Come: Deliverance 2 hat kein Interesse an Grand Theft Auto 6. Er wird es nicht spielen, versteht den Hype nicht, findet die Reihe schlicht abstoßend. Und trotzdem wünscht er sich nichts sehnlicher, als dass Rockstars nächster Blockbuster ein triumphaler Erfolg wird – weil er dann den Weg für höhere Preise ebnen könnte. Die Branche schaut auf einen Präzedenzfall, den sie selbst nicht zu setzen wagt.
Der 80 Dollar Deal ist ein Präzedenzfall – kein Standard
Take-Two hat den Preis für die Standard-Edition von Grand Theft Auto 6 auf 79,99 US-Dollar festgelegt. Die Ultimate Edition kostet 99,99 Dollar. Damit liegt Rockstar zehn Dollar über dem, was seit 2020 als AAA-Standard gilt – ein Preisniveau, das Take-Two selbst mit der NBA-2K-Reihe etabliert hat.
Für Klíma ist das die entscheidende Marke. „Der letzte Hebel, den du ziehen kannst, ist der Stückpreis“, sagte er im Interview mit PC Gamer. „Das würde eine Menge helfen, aber jeder hat Todesangst davor.“ Rockstar und Take-Two seien die Einzigen, „die es sich leisten können oder die es wagen, die Preise zu erhöhen“ – ein Schritt, den Klíma als „längst überfällig und notwendig für das Überleben dieses Geschäfts“ bezeichnet.
Die Rechnung ist einfach: Wenn der größte Release des Jahrzehnts 80 Dollar kostet und trotzdem gekauft wird, fällt die Hemmschwelle für alle anderen. The Outer Worlds 2 hat vorgemacht, was passiert, wenn der Versuch scheitert: Xbox ruderte von 80 auf 70 Dollar zurück, nachdem der Widerstand zu groß wurde. Der Präzedenzfall ist also kein Selbstläufer.
Analysten widersprechen der Kollektiv-Hoffnung
Die Vorstellung, GTA 6 würde den 80 Dollar Preis flächendeckend normalisieren, wird von Marktbeobachtern scharf bestritten. Dr. Serkan Toto von Kantan Games sieht zwar eine erleichterte Durchsetzung für andere AAA-Publisher, weil Rockstar als Zugpferd fungiert. Doch Joost van Dreunen von der NYU Stern School of Business warnt: Der Premiumpreis bleibe „nur einer ausgewählten Handvoll Titel und Franchises vorbehalten“. Publisher, die sich für 80 Dollar entscheiden, ohne die entsprechende Qualität zu liefern, „werden es wahrscheinlich bereuen“.
David Cole von DFC Intelligence argumentiert ähnlich: Die Branche bewege sich zwar auf den höheren Preis zu, aber „es gibt nur eine Handvoll Premiumspiele, die diesen Preis rechtfertigen“. Der entscheidende Punkt ist die Asymmetrie des Marktes. GTA 6 kann 80 Dollar verlangen, weil die Marke seit über zwei Jahrzehnten aufgebaut wurde und ein Erwartungswert existiert, der jede Preiserhöhung überstrahlt. Sechs Millionen Verkäufe von Kingdom Come: Deliverance 2 sind ein respektabler Erfolg – aber weit entfernt von der Strahlkraft eines Rockstar-Release. Ein 80 Dollar KCD2 wäre für viele Käufer schwer zu rechtfertigen.
Klímas Widerspruch offenbart die Angst der Branche
Klímas Aussagen sind bemerkenswert, weil sie einen offenen Widerspruch enthalten. Er sagt, die GTA-Reihe „spricht mich überhaupt nicht an“ und „der Grund, warum sie so beliebt ist – es ist mir ein Rätsel“. Er werde GTA 6 nicht spielen, „es sei denn, ich werde irgendwie dazu gezwungen“. Gleichzeitig wünscht er dem Spiel „alles Glück“ – nicht aus Wertschätzung, sondern aus strategischem Kalkül.
Dieser Widerspruch ist kein Zufall. Er ist die ehrlichste Formulierung dessen, was viele in der Branche denken, aber nicht sagen: Das Geschäftsmodell ist unter Druck, die Kosten steigen, die Käuferschicht stagniert. Warhorse Studios hat mit Kingdom Come: Deliverance 2 über sechs Millionen Einheiten abgesetzt und arbeitet parallel an zwei AAA-Projekten. Das Studio hat also Erfolg – und trotzdem reicht er offenbar nicht, um die Kalkulation aufgehen zu lassen. Die Hoffnung auf Rockstar ist die Hoffnung auf einen Sündenbock, der die unpopuläre Entscheidung vorlebt. Die Branche will den Preis erhöhen, traut sich aber nicht, das selbst zu tun.




