Es gibt Tage, da ist die Nachricht größer als das Spiel. Compulsion Games, das kleine Studio aus Montreal, das mit South of Midnight eines der visuell eigenwilligsten Spiele abgeliefert hat, ist nicht mehr Teil von Xbox. Das bestätigte das Team nun auf Twitter – und zwar mit einer Klarheit, die nach Wochen voller Gerüchte, Abgänge und düsterer Prognosen fast schon überraschend kommt. Man behalte die Rechte an South of Midnight, We Happy Few und Contrast, heißt es. Man sei dankbar für die Jahre bei Xbox. Und vor allem: Man sei wieder unabhängig.
Acht Jahre Xbox – und dann die Rechnung
2018 kaufte Microsoft Compulsion Games. Das Studio hatte mit We Happy Few einen schrägen, unkonventionellen Survival-Titel abgeliefert – kein Blockbuster, aber ein Spiel mit Haltung. Genau das, was der Game Pass brauchte: Vielfalt, Farbe, Risiko. Also bekam Compulsion den Auftrag, weiterzumachen. South of Midnight entstand über Jahre, hatte eine Entwicklung, die Insidern zufolge bis 2021 zurückreicht – und wurde schließlich ein Kritikererfolg.
Eine Million Spieler knackte der Titel innerhalb des ersten Monats. Ein Erfolg für ein Studio dieser Größe. Nur: Für Xbox zählt nicht mehr, wie viele Leute ein Spiel runterladen, sondern ob es neue Abos generiert oder den Katalog langfristig stärkt. Und da scheint South of Midnight die Erwartungen verfehlt zu haben. Wie Jason Schreier in seinem aktuellen Bericht analysiert, wurden Studios wie Compulsion von Xbox selbst angewiesen, interessante, kleine Spiele für den Game Pass zu machen – und werden jetzt dafür bestraft, dass sie genau das getan haben.
Die Ironie an dieser Situation ist so perfide, dass man sie kaum erfinden könnte. Als Broussards erste Leaks vor Wochen die Runde machten, war Compulsion einer der Namen, die immer wieder fielen. Ehemalige Mitarbeiter hatten bereits auf LinkedIn bestätigt, dass im Studio Entlassungen laufen. Wochenlang sah es so aus, als würde South of Midnight das letzte Spiel des Studios sein.
Rettung auf den letzten Metern – wer noch geht, wer bleibt
Compulsion hat überlebt. Aber die Liste derer, die heute gegangen sind oder gehen müssen, ist lang. Double Fine Productions kehrt ebenfalls ins Independent-Dasein zurück – mit allen Rechten an Psychonauts, Brutal Legend und Broken Age. Ninja Theory und Undead Labs wurden an neue Eigentümer verkauft, Details sollen später folgen. Arkane Lyon befindet sich in einem Konsultationsverfahren nach französischem Arbeitsrecht.
Insgesamt verliert Xbox 3.200 Mitarbeiter, rund 20 Prozent der gesamten Gaming-Sparte. 1.600 davon wurden gestern entlassen, weitere 1.600 folgen in den nächsten zwölf Monaten. Fünf Studios werden abgestoßen oder geschlossen. Wir haben in den letzten Wochen mehrfach über die Dimension dieser Welle berichtet – und sie übertrifft selbst die düsteren Prognosen. Studios wie Arkane Lyon, die an fast fertigen Spielen wie Marvel’s Blade arbeiten, stehen plötzlich auf der Kippe – nicht wegen mangelnder Qualität, sondern wegen eines Spreadsheets, das nicht aufgeht.
South of Midnight, Game Pass und der Preis der Unabhängigkeit
Die gute Nachricht für Spieler: Nichts ändert sich an der Verfügbarkeit von South of Midnight. Das Spiel bleibt auf Xbox, PC und über den Game Pass spielbar – und erscheint weiterhin wie geplant für PS5 und Switch 2. Compulsion behält die vollen Rechte an allen drei Titeln.
Die weniger gute: Das Studio ist jetzt auf sich gestellt. Ohne den finanziellen Schutzschirm eines Milliardenkonzerns muss Compulsion beweisen, dass es sich allein tragen kann. CEO Guillaume Provost beschreibt eine Zukunft mit „einzigartigen Spielen, die wichtige Geschichten erzählen“ – das klingt nach Kontinuität. Wie GamesIndustry unter Berufung auf das interne Xbox-Memo berichtet, haben die abgestoßenen Studios „finanziellen Spielraum für ihre nächsten Spiele“ bekommen. Wie weit der reicht, ist die Frage, die sich in den nächsten Monaten beantworten wird.
Immerhin: South of Midnight hat gezeigt, dass ein Interesse da ist. Eine Million Spieler in einem Monat, Kritikerliebe, ein Peabody-Award – Compulsion hat bewiesen, dass es Spiele machen kann, die ankommen. Die Frage ist nur: Reicht das, um ohne Xbox im Rücken zu überleben?