Manche Spiele wollen erobert werden. Of Peaks and Tides will verstanden werden. Das chinesische Studio CyancookGames hat nach einem Jahr stiller Entwicklung die Hüllen fallen lassen – und zeigt eine Survival-Sandbox, in der die Welt selbst zur Waffe wird. Sandstürme verschlingen Gegner, Riesenkreaturen tragen ganze Basen auf ihren Rücken. Was nach einer Tech-Demo klingt, haben in Shanghai bereits über 500 Spieler getestet. Das Ergebnis: kein weiteres Crafting-Spiel. Sondern ein Physik-Sandkasten, der Spieler zu Architekten des Chaos macht.
Der Sturm als Waffe
Of Peaks and Tides ist kein Spiel, das dem Spieler sagt, was richtig ist. Es ist ein Spiel, das fragt: Was hast du vor? Die Antwort liegt in der Welt selbst. Ein Sandsturm ist hier kein Hindernis, sondern eine taktische Ressource. Ein Blizzard kein Ärgernis, sondern ein Werkzeug. Wer versteht, wie der Wind weht, kann Feinde in die Enge treiben, ohne einen einzigen Pfeil zu verschwenden.
Die Grundlage dafür liefert die Unreal Engine 5. CyancookGames hat das Physik-System nicht als Beiwerk behandelt, sondern als Kern der Erfahrung. Kreaturen jagen, verstecken sich, reagieren auf ihre Umgebung. Pflanzen können als Fallen dienen, um Riesenmonster zu fesseln. Zähmbare Bestien tragen mobile Basen, fliegende Kolosse bringen Spieler an Orte, die zu Fuß unerreichbar wären.
Die neue Gegner-Riege zeigt, wohin die Reise geht: Qiongqi, ein mehrphasiger Boss, der das Schlachtfeld mit Windströmungen umgestaltet und Spieler in die Luft schleudert. Zhuyan, ein weißer Affe, dessen Wurfgeschosse – Früchte, Steine, alles – von Spielern abgefangen und zurückgeschleudert werden können. Kämpfe sind hier keine Stat-Checks, sondern Prüfungen der Kreativität.
Ein Team, das weiß, wie man spielt
Hinter Of Peaks and Tides steht keine anonyme Indie-Truppe. CyancookGames wurde 2023 in Shanghai gegründet, aber die Köpfe dahinter haben bereits an Titeln gearbeitet, die Millionen von Spielern kennen: Naraka: Bladepoint, Diablo Immortal. Das Team rekrutiert Veteranen von Tencent, NetEase und 24 Entertainment. Gründer Ted Cao war zuvor Producer bei Tencent Games, CTO Chenchao Lin bringt Erfahrung aus der AAA-Entwicklung mit.
Diese Vita erklärt, warum Of Peaks and Tides auf den ersten Blick weniger nach einem Debüt aussieht und mehr nach einem Statement. Die Entwickler wissen, wie man Systeme baut, die interagieren. Wie man Physik nicht als Gimmick einsetzt, sondern als Fundament. Ein Jahr nach der ersten Ankündigung auf der gamescom 2025 haben sie nicht nur poliert, sondern erweitert: mehr Umgebungen, größere Bosse, komplexere Verzahnung von Naturkatastrophen und Spielerentscheidungen.
Das Shanghai-Hands-on im September 2026 war kein PR-Stunt. Zwei Tage, über 500 lokale Spieler, konkrete Systeme zum Testen: Crafting, Naturkatastrophen, ein Straßen- und Brückensystem. Viele der Teilnehmer haben eigenes Gameplay-Material veröffentlicht. Wer sein Spiel so nah an die Community bringt, hat Vertrauen in das, was er gebaut hat.
Die Welt als Antwort
Of Peaks and Tides ist kein weiteres Survival-Spiel, das auf der Welle von Valheim und Palworld mitschwimmen will. Es ist der Versuch, das Genre von innen heraus zu verändern. Nicht durch mehr Inhalte, sondern durch eine andere Grundhaltung: Die Welt ist nicht Kulisse. Sie ist Gesprächspartner. Sie antwortet auf jede Handlung, jede Entscheidung, jede falsch platzierte Wand.
Die kulturelle DNA des Spiels kommt nicht aus dem Nichts. Everland ist inspiriert vom Shan Hai Jing, dem klassischen chinesischen Text über mythische Kreaturen und Länder. Fuzhu, Little Taotie, Mischievous Monkeys – diese Namen sind keine Fantasiegebilde, sondern Echos einer jahrtausendealten Erzähltradition. CyancookGames übersetzt diese Tradition in Systeme: Kreaturen verhalten sich wie lebendige Wesen einer überlieferten Welt, nicht wie Gegner in einem Videospiel.
Noch ist kein konkretes Releasedatum gefallen. 2026, PC via Steam – das ist die offizielle Sprachregelung. Konsolen? Interesse bekundet, nichts bestätigt. Wer den Trailer gesehen hat, weiß: Das Warten könnte sich lohnen. Wer in Shanghai dabei war, weiß es wahrscheinlich schon.
