Seit dem Ryzen 7 5800X3D im Jahr 2022 guckt Intel in Gaming-Benchmarks regelmäßig in die Röhre. AMDs gestapelter 3D-V-Cache hat aus soliden Mittelklasse-CPUs plötzlich Gaming-Monster gemacht, während Intel mit immer höheren Taktraten und immer absurderen Power-Limits dagegenhielt – und trotzdem verlor. Vier Jahre später sieht es nicht besser aus: Arrow Lake blieb im Gaming hinter Raptor Lake zurück und verlor gegen Ryzen 9000X3D auf ganzer Linie. Jetzt taucht ein Leak auf, der zeigt: Intel hat verstanden, dass Takt allein nicht reicht. Die Antwort heißt bLLC – Big Last Level Cache. Und sie kommt mit 108 Megabyte.
Vier Jahre X3D-Dominanz und kein Plan B
Am Anfang war es nur ein Experiment. AMD hatte 3D-V-Cache für Server-CPUs entwickelt und testete die Technologie auf einem Ryzen 7 5800X – das Ergebnis deklassierte Intels gesamtes damaliges Lineup in Spielen. Seitdem ist das Muster eingespielt: Jede Ryzen-Generation bekommt ihre X3D-Varianten, und jede davon setzt sich im Gaming an die Spitze.
Intel reagierte auf die einzig mögliche Weise: mehr Takt, mehr Power-Limit, mehr Kerne. Der Core i9-14900KS boostete auf 6,2 GHz, zog über 300 Watt und war in Spielen trotzdem langsamer als ein Ryzen 7 7800X3D mit 5,0 GHz. Arrow Lake sollte es richten – stattdessen fiel die Gaming-Leistung sogar hinter die eigene Vorgängergeneration zurück.
3D-V-Cache ist kein Feature, das man mal eben nachbaut. Es ist eine strukturelle Überlegenheit in latenzabhängigen Workloads – und genau das hätte in Intels Ingenieursetagen spätestens 2024 klingeln müssen. Der Leak zu Nova Lake-S ist das erste handfeste Indiz, dass diese Erkenntnis jetzt in Silizium gegossen wird.
108 MB Cache, 22 Kerne – was der Leak wirklich verrät
Wie KitGuru berichtet, plant Intel zwei Mittelklasse Nova-Lake-S-CPUs mit je 108 Megabyte Cache. Der sogenannte bLLC – Big Last Level Cache – soll genau das tun, was AMDs 3D-V-Cache tut: Latenzen senken, Speicherzugriffe reduzieren, Spiele beschleunigen.
Die Architektur dahinter ist ein Mix aus Alt und Neu: 6 Performance-Kerne (Coyote Cove), 12 Effizienz-Kerne (Arctic Wolf) und 4 Low-Power-Kerne ergeben 22 Kerne auf einem einzigen Compute-Die. Beide Varianten gehören zur Core Ultra 5 400S-Serie – also zur gehobenen Mittelklasse, nicht zu den i9- oder i7-Nachfolgern.
VideoCardz hat die komplette SKU-Tabelle des Leaks zusammengetragen und bestätigt: Das 108-MB-Modell sitzt unterhalb der Single-Tile-Varianten mit 144 MB und den Dual-Tile-Monstern mit bis zu 288 MB. Von den beiden 22-Kernern ist eine Variante als freie K-Serie mit 125 Watt TDP eingeplant, die andere als gesperrte 65-Watt-Version.
Single-Die, 125 Watt, kein High-End – Intels seltsame Prioritäten
Was an diesem Leak irritiert, ist nicht die Technik. Es ist die Platzierung. Die 108-MB-Cache-CPUs kommen als Core Ultra 5 – nicht als Ultra 7 oder Ultra 9.
Das sind Prozessoren, die gegen Ryzen 5 und Ryzen 7 antreten sollen, nicht gegen AMDs absolute Gaming-Flaggschiffe wie den 9800X3D oder einen kommenden Ryzen 9 9950X3D.
Gleichzeitig lässt der Leak durchblicken, dass die dicken Dual-Tile-Nova-Lake-Chips mit bis zu 474 Watt PL2 zwar existieren, aber erst später kommen – und selbst dann ist unklar, ob sie überhaupt bLLC mitbringen. Intels Botschaft ist widersprüchlich: Der große Cache kommt zuerst in die Mittelklasse. Oben gibt’s Kerne ohne Cache, unten Cache ohne Kerne.
Das ist keine Strategie, das ist ein Kompromiss. Und Kompromisse schmecken im CPU-Markt selten süß – vor allem nicht gegen einen Gegner, der vom Ryzen 5 7600X3D bis zum 9950X3D jede Preisklasse mit 3D-V-Cache abdeckt. Dass AMD X3D längst zur Serienausstattung gemacht hat, während Intel noch experimentiert, zeigt AMDs strukturellen Vorteil jenseits von Kernen und Takt.
2027 ist weit weg – und AMDs Zen 6 schläft nicht
Die unangenehmste Zahl im ganzen Leak ist nicht die Cache-Größe oder die TDP. Es ist das Jahr: Nova Lake-S wird frühestens 2027 erwartet.
Das bedeutet, dass Intel noch mindestens ein volles Jahr mit Arrow Lake und einem möglichen Refresh gegen AMDs Zen 5 X3D durchhalten muss – und dann gegen Zen 6.
Zen 6 wurde von AMD offiziell für 2026 bestätigt. Der Wechsel auf TSMCs N2-Node ist wahrscheinlich, Taktgerüchte gehen von über 6,5 GHz aus, und 24 vollwertige Kerne ohne Effizienz-Kompromiss stehen ebenfalls im Raum. Sollte Zen 6 auch nur annähernd halten, was die Gerüchte versprechen, tritt Nova Lake nicht gegen den aktuellen X3D-König an, sondern gegen einen Prozessor, der Intels Taktvorteil pulverisiert und den Cache-Vorteil behält.
Intel steht vor einem Wettlauf, den es so in der CPU-Geschichte selten gab: Die eigene Architektur muss nicht nur aufholen, was man seit 2022 versäumt hat – sie muss gleichzeitig einen Sprung antizipieren, den der Gegner schon in den Startlöchern hat. Dass Nova Lake im Mittelklasse-Segment ein interessantes Produkt wird, steht außer Frage. Ob es reicht, ist eine andere.