007 First Light ist kaum zwei Wochen auf dem Markt und schon zeichnet sich ab, dass der Erfolg des Bond-Spiels ungeahnte Nebenwirkungen hat. Während die dänischen Entwickler von IO Interactive ihren größten Launch der Firmengeschichte feiern, meldet sich Amazon mit einer klaren Botschaft zu Wort: Zukünftige James-Bond-Spiele werden nicht mehr von IO Interactive in Eigenregie vermarktet, sondern von Amazon Game Studios und MGM gesteuert. Ein Satz aus einem Interview, der für das Studio einem Déjà-vu gleichkommen muss – schließlich hat IO Interactive vor knapp einem Jahrzehnt schon einmal gegen einen übermächtigen Publisher um seine Unabhängigkeit gekämpft.
Ein Blitzstart, der Amazon elektrisiert
Die Zahlen lassen keinen Zweifel: 1,5 Millionen verkaufte Exemplare in den ersten 24 Stunden machen First Light zum mit Abstand schnellstverkauften Titel in der Geschichte von IO Interactive. Sämtliche Hitman-Ableger, selbst der von Kritikern gefeierte dritte Teil der World of Assassination Trilogie, blieben hinter diesem Start zurück. Auch in unserem Test überzeugte das Spiel mit 8.5 von 10 Punkten – lediglich die teils träge gegnerische KI und die gelegentlich nervigen Quick Time Events trübten den ansonsten hervorragenden Eindruck.
Auf Metacritic steht der Titel aktuell bei soliden 88 Punkten, und die geschätzten Gesamtverkäufe sollen laut Analysediensten bereits jenseits der 2,2 Millionen Exemplare liegen. Das Spiel, das am 27. Mai für PC, PlayStation 5 und Xbox Series X/S erschien, kostet auf dem PC knapp 60 Euro, während die Konsolenfassung mit rund 70 Euro zu Buche schlägt. Eine Version für die Nintendo Switch 2 folgt im Laufe des Sommers.
Die Publishing-Frage: IO Interactive verliert die Hoheit über Bonds Zukunft
Im Interview mit Polygon ließ Jeff Gattis, Amazons Chef der Gaming-Sparte, nun eine Bombe platzen, die in den Verkaufsschlagzeilen fast untergegangen wäre. Auf die Frage nach möglichen Fortsetzungen erklärte Gattis unmissverständlich, dass zukünftige Bond-Spiele „von MGM und, theoretisch, von Amazon Game Studios gemacht werden“. Die Formulierung „theoretisch“ ist dabei das entscheidende Detail – sie lässt Raum für Interpretationen, macht aber gleichzeitig klar, dass IO Interactive beim Publishing außen vor wäre.
Der Grund für diesen Kontrollwechsel liegt in der komplexen Rechtelage: IO Interactive hatte den Lizenzdeal für First Light noch direkt mit MGM abgeschlossen, bevor Amazon das Filmstudio übernahm. Gattis brachte es im Interview auf den Punkt: „Wir haben First Light nicht gemacht. Wir haben zwar eine Beteiligung daran, weil uns die Marke jetzt gehört, aber der Markenkauf erfolgte erst, nachdem der IO-Deal für First Light bereits unter Dach und Fach war.“ Für die Zukunft gelten andere Spielregeln – und die schreibt jetzt Amazon.
IO Interactive selbst stellte ein Sequel bereits in Aussicht und knüpfte dessen Realisierung an den kommerziellen Erfolg des ersten Teils. Angesichts der vorliegenden Zahlen dürfte diese Hürde genommen sein. Ob das Studio die Fortsetzung aber unter denselben kreativen Freiheiten entwickeln darf wie den Erstling, steht auf einem völlig anderen Blatt.
Eine bittere historische Parallele für IO Interactive
Die Situation muss für IO Interactive wie ein ungewolltes Wiedersehen mit alten Dämonen wirken. IO Interactive erkämpfte sich 2017 die Unabhängigkeit von Square Enix – ein existenzieller Schritt, der das Studio beinahe zerrieben hätte. Der japanische Publisher hatte das dänische Team nach dem kommerziell durchwachsenen Hitman Absolution faktisch abgestoßen. In einer bemerkenswerten Kehrtwende kaufte sich das Management um CEO Hakan Abrak selbst frei, sicherte sich die Hitman-Marke und baute aus eigener Kraft eine der angesehensten Spielereihen des letzten Jahrzehnts auf. Die Selbstbestimmung war hart erkämpft.
Dass nun ausgerechnet Amazon – ein Konzern mit nahezu unbegrenzten finanziellen Mitteln, aber einer desaströsen Bilanz im Gaming-Bereich – die Zügel übernehmen will, ist eine Ironie, die schwerer kaum wiegen könnte. Amazon Game Studios hat zuletzt reihenweise Projekte beerdigt: Der Multiplayer-Shooter Crucible wurde 2020 nach nur sechs Monaten vom Markt genommen, das ambitionierte MMO New World wird im Januar 2027 endgültig abgeschaltet, und Breakway erblickte nie das Licht der Welt. Der Konzern hat in zehn Jahren bewiesen, dass Geld allein keine guten Spiele macht.
Mehr als ein Spiel: Amazons Transmedia-Blueprint
Gattis‘ Aussagen gehen über die reine Publishing-Frage hinaus und offenbaren die eigentliche Strategie hinter dem Manöver. „Wir sehen eine zunehmende Verschmelzung von Video, Filmen und Videospielen, bei der die Grenzen immer mehr verwischen“, erklärte er gegenüber Polygon. „Das ist eine echte Chance für uns, Marken zu schaffen, die Fernsehserien und Filme erweitern.“ Als konkretes Beispiel nannte er Tomb Raider – eine Serie zu Lara Croft auf Prime Video, die parallel zu den Spielen laufen soll.
Genau hier liegt der Haken für Bond-Fans: Amazon betrachtet 007 First Light nicht als künstlerisches Produkt eines unabhängigen Studios, sondern als Baustein eines größeren IP-Konglomerats. Die James-Bond-Marke soll – ähnlich wie Amazon es mit Der Herr der Ringe oder Fallout vorgemacht hat – ein vernetztes Universum aus Filmen, Serien und Spielen speisen. IO Interactive ist in dieser Rechnung ein austauschbarer Zulieferer, nicht der kreative Eigentümer.
Diese Entwicklung ist für Spieler doppelt riskant: Einerseits könnte Amazon mit seiner Finanzkraft tatsächlich hochwertige Bond-Spiele ermöglichen, die IO Interactive allein niemals stemmen könnte. Andererseits zeigt die Firmengeschichte des Konzerns, dass zwischen ambitionierten Ankündigungen und der finalen Umsetzung häufig Welten liegen – und dass Spiele, die nicht sofort die gewünschten Metriken liefern, gnadenlos eingestellt werden.


