Sechs Wochen nach dem Release von Directive 8020 verabschiedet sich der Mann, der das Studio durch die wohl turbulenteste Phase seiner Geschichte führen sollte. Robert Henrysson, seit Januar 2024 CEO von Supermassive Games, gibt seinen Posten auf – und hinterlässt ein gemischtes Bild. Auf LinkedIn spricht er von einer „fantastischen Zeit“, von verdreifachten Umsätzen und Gewinnen. Was er nicht sagt: In seine Amtszeit fielen Massenentlassungen, die Streichung eines Blade Runner Projekts und der Weggang der Studio-Gründer. Das ist weniger ein Rücktritt als das Ende eines Experiments – und die Frage, wer ein Studio führt, das niemand so richtig haben will.
Vom Gründer-Aus zur Entlassungswelle – die ersten Monate
Henrysson übernahm im Januar 2024, direkt nachdem Pete und Joe Samuels, die Gründer von Supermassive, das Studio nach 15 Jahren verlassen hatten. Ein denkbar ungünstiger Start: Die beiden waren das Gesicht der Firma, hatten Until Dawn, The Quarry und die Dark Pictures Anthologie geprägt. Dass das Originalstudio bei der Fortsetzung nicht mehr an Bord war, zeigte sich bereits früh.
Statt einer ruhigen Übergabe folgte der nächste Schlag. Nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt meldeten Berichte, dass Supermassive rund 90 Mitarbeiter entlassen würde. Ein Schock für ein Studio, das noch kurz zuvor als einer der produktivsten Horror-Entwickler Europas galt. Henrysson verlor damit nicht nur Personal, sondern auch den Goodwill der Branche – noch bevor er sein erstes eigenes Projekt auf den Weg gebracht hatte.
„Revenue and profit tripled“ – die Zahl, die keiner prüfen kann
Auf LinkedIn zieht Henrysson eine positive Bilanz: Unter seiner Führung habe sich „Umsatz und Gewinn verdreifacht“. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte – und ist gleichzeitig die einzige Zahl, die er selbst nennt. Einen externen Beleg gibt es nicht, und wer sich die öffentliche Chronologie der Amtszeit ansieht, stutzt. Denn parallel zu diesen Behauptungen steht eine Reihe von Hiobsbotschaften.
Das unangekündigte Blade Runner Spiel Time to Live wurde gestrichen – ein Projekt, auf das viele Fans gehofft hatten. Directive 8020, der Auftakt zur zweiten Staffel der Dark Pictures Anthology, musste um Monate verschoben werden. Die Entlassungen gingen weiter: 2025 traf es weitere 36 Mitarbeiter. Und als Directive 8020 im Mai endlich erschien, fielen die Reviews gemischt aus. Die versteckte Teaser-Tradition des Studios setzte sich zwar fort, aber der Gesamteindruck blieb hinter den Erwartungen zurück. Eine „Kultur gleichbleibender Qualität“ – Henryssons eigene Worte – sieht anders aus.
Was vom CEO bleibt – und wer jetzt das Ruder übernimmt
Henrysson selbst scheint den Schritt gut vorbereitet zu haben. Er spricht von einer Auszeit und der Verwaltung seines „eigenen kleinen Investment-Portfolios“. Dass er gleichzeitig seine Partner-Rolle bei der Muttergesellschaft Nordisk Games aufgibt, deutet auf einen sauberen Schnitt hin. Ein Nachfolger ist nicht genannt.
Das Problem für Supermassive: Der CEO-Posten ist der zweite Führungswechsel innerhalb von drei Jahren. Nach den Gründern geht jetzt auch der externe Manager. Until Dawn 2 wurde längst an Firesprite vergeben – die lange Vorlaufzeit für das Sequel zeigt, wie früh Sony die Reißleine gezogen hat. Der Druck auf das Studio, mit den eigenen Marken zu liefern, war Henryssons Bürde.
Das Studio arbeitet bereits am nächsten Dark-Pictures-Titel – ein Teaser in Directive 8020 deutet auf ein übernatürliches Projekt hin, entweder The Craven Man oder Intercession. Nur: Wer diese Entwicklung führt, weiß niemand.
