Die Engine hinter EVE Online wird Open Source. Carbon heißt das Framework, das seit über 20 Jahren die persistenten Welten des Sci-Fi-MMOs antreibt. Ab sofort liegen über zwei Dutzend Module auf dem Carbon-Repository auf GitHub – von der Physiksimulation Destiny bis zur Grafik-Engine Trinity. Die Lizenz ist MIT, also frei für kommerzielle und private Projekte. Fenris Creations macht damit ernst, was es 2024 angekündigt hat.
Carbon? Das ist die Engine, die New Eden am Laufen hält
Carbon ist kein Unreal-Klon. Das Framework wurde von Grund auf für eine einzige Aufgabe gebaut: persistente Online-Welten mit Zehntausenden Spielern gleichzeitig zu stemmen. Single-Shard-Architektur heißt das Zauberwort – alle Spieler teilen sich eine einzige Instanz der Spielwelt, es gibt keine Lobbys und keine Instanztrennung.
Genau das ermöglicht die Schlachten, die EVE Online berühmt gemacht haben. Der Guinness-Weltrekord liegt bei 8.825 Spielern in einem einzigen PvP-Gefecht. Fenris Creations plant die Capsuleer Edda als poetisches Vermächtnis dieser Momente – das zeigt, wie ernst das Studio seine eigene Geschichte nimmt.
Die Engine musste von Anfang an horizontal skalieren. Das unterscheidet sie fundamental von kommerziellen Engines, die für feste Spielerzahlen pro Instanz optimiert sind. Carbon wurde für eine offene, wachsende Welt gebaut – und das seit 23 Jahren.
Destiny, Trinity und über zwanzig weitere Module
Die Open-Source Veröffentlichung umfasst mehr als zwei Dutzend Module. Destiny ist das Herzstück der Physiksimulation und Wegfindung – die Komponente, die tausende Schiffe gleichzeitig kollisionsfrei berechnen kann. Trinity übernimmt die Grafik und prägt den unverwechselbaren Sci-Fi-Look von EVE Online und EVE Frontier.
Dazu kommen Module für Netzwerkfunktionen, UI, Audio, Ressourcenmanagement, Skripting und Zeitplanung. Jedes Modul lässt sich separat nutzen oder durch eigene Implementierungen ersetzen. Die meisten Komponenten stehen unter der großzügigen MIT-Lizenz, die keinerlei kommerzielle Einschränkungen vorsieht.
Zwei Module weichen ab: das Spatial-Audio Clustering unter Apache 2.0 und das IO-Modul unter der Python Software Foundation Lizenz. Auch diese Lizenzen sind frei – wer will, kann also ein komplettes MMO auf Carbon aufsetzen, ohne einen Cent Lizenzgebühren zu zahlen. Das Cradle of War-Update brachte erst kürzlich acht neue Schiffe und eine komplette Starterregion ins Spiel – wie aktiv die Engine weiterentwickelt wird, zeigt sich daran.
Vom API-Release zur Open Source Kultur
Fenris Creations hat mit der Offenlegung von Carbon eine Strategie fortgesetzt, die vor Jahren mit der EVE-API begann. Schon früh stellte das Studio Programmierschnittstellen zur Verfügung, was zu Drittanbieter-Tools, Wirtschaftsanalysen und Logistik-Plattformen führte. Diese Kultur der Transparenz treibt das Studio nun auf die nächste Ebene.
Ben Hunter, Senior Development Director für Kerntechnologie, erklärte im Interview bei GamesIndustry.biz die Motivation hinter dem Schritt. Es gehe nicht ums Geld, sondern darum, „echtes Interesse bei Leuten zu wecken, damit sie Zeit, Energie und Geld in einen Beitrag investieren wollen“. Man sei überzeugt, „dass eine steigende Flut alle Schiffe hebt“.
Fenris Creations hat sich erst kürzlich aus dem Pearl Abyss Konzern herausgekauft – und arbeitet mit Google DeepMind zusammen. Das passt in dieses Bild eines Studios, das langfristig denkt. Vor der Veröffentlichung beriet sich Fenris Creations mit den Machern der Open Source Engine Godot, besonders zu Governance-Modellen.
Die Erkenntnis: Die Architektur selbst muss die Beitragsfläche definieren. Dafür arbeitet das Studio an einer Plug-in-Architektur, die in den kommenden Monaten ebenfalls Open Source gestellt wird.
Was Carbon in der Engine-Landschaft 2026 bedeutet
Mit der MIT-Lizenz positioniert sich Carbon bewusst als Gegenentwurf zu den kommerziellen Giganten. Unreal Engine 6 setzt verstärkt auf KI-Integration, Unity kämpft noch mit den Nachwirkungen seines Pricing-Desasters. Carbon bietet eine spezialisierte, aber extrem ausgereifte Alternative für Entwickler, die persistente Online-Welten bauen wollen.
Die Engine bleibt dabei kein Museumsstück. Fenris Creations entwickelt Carbon im offenen Prozess weiter – alle zukünftigen Änderungen sind öffentlich einsehbar. Hunter kündigte bereits ein Test-Example-Project und ein LLM-Tools-Gateway an, die ebenfalls Open Source kommen sollen.
Als erster Proof of Concept für die offene Architektur dient EVE Frontier, das Survival-MMO von Fenris Creations.


