Fenris Creations macht ernst mit dem EVE-Forever-Versprechen: Die Macher des Sci-Fi-MMO EVE Online haben auf dem Fanfest 2026 The Capsuleer Edda enthüllt – ein handgeschriebenes Pergament-Manuskript, das zwei Jahrzehnte Spielergeschichte in altisländischer Versform festhält. Geschrieben wird mit Tinte, die mit echtem Blut der Kapselpiloten versetzt ist. CEO Hilmar Pétursson hat bereits klargestellt, wo das gute Stück landen soll: mindestens in den Pyramiden, besser noch auf dem Mond.
Vom Server-Log auf Kalbsleder – was die Capsuleer Edda wirklich ist
Fenris Creations – der neue Name des EVE-Studios CCP Games nach dem Management-Buyout von Pearl Abyss samt Google-DeepMind-Deal – hat auf dem Fanfest 2026 in Reykjavík ein Projekt vorgestellt, das selbst für EVE-Verhältnisse ungewöhnlich ist. Die Capsuleer Edda ist ein handgefertigtes Manuskript auf Pergament aus Kalbsleder – dem gleichen Material, auf dem die mittelalterlichen isländischen Sagas überliefert wurden. Das ist kein Zufall: Island ist nicht nur die Heimat von EVE Online, sondern auch der Ort, an dem im 13. Jahrhundert der Codex Regius entstand – die wichtigste Quelle der nordischen Mythologie.
Die beiden isländischen Autoren Andri Snær Magnason (preisgekrönter Schriftsteller und Filmemacher) und Jónas Reynir Gunnarsson (Dichter und Romanautor) übertragen die Spielergeschichte in altnordische Versform. Auf dem Programm stehen legendäre Schlachten wie B-R5RB und M2-XFE, berüchtigte Betrugsfälle und Spionageaktionen, politische Umbrüche zwischen Allianzen sowie ausgewählte persönliche Geschichten aus der Community. Ziel ist keine trockene Chronologie, sondern eine epische Mythologie – eine digitale Gesellschaft, umgegossen in die Form ihrer geografischen und kulturellen Wurzeln.
Spannend ist der Vergleich mit dem bisher einzigen ernsthaften Versuch, die EVE-Geschichte zu dokumentieren: Andrew Groens „Empires of EVE“ von 2016 deckte die Jahre 2003 bis 2009 ab – als journalistisches Sachbuch mit Interviews. Die Capsuleer Edda geht den entgegengesetzten Weg: kein Sachbuch, sondern ein poetisches Artefakt, das sich bewusst in die Tradition der Lieder-Edda und Snorra-Edda stellt.
Blut, Pergament und der Mond – die Inszenierung eines MMO-Vermächtnisses
Jetzt zum Highlight: die Blut-Tinte. Fenris Creations hat Besuchern des EVE Fanfest 2026 die Möglichkeit gegeben, einen Tropfen Blut zu spenden, der in die Tinte eingearbeitet wird. Das klingt nach PR-Gag – und ist es auch. Aber: Das Ganze lief unter professioneller medizinischer Aufsicht mit lizenziertem klinischen Personal, die Sterilisation und Aufbereitung übernahm das isländische Biotech-Unternehmen deCODE Genetics. Gesammelt wurde auf sterilem Filterpapier, gepoolt und behandelt, um Infektionserreger zu neutralisieren. Anonymität garantiert, DNA-Fragmente unwiederbringlich vermischt.
Ob am Ende mehr als ein homöopathischer Blutanteil in der Tinte steckt, darf bezweifelt werden. Symbolisch funktioniert die Aktion trotzdem: In der nordischen Mythologie stehen Blut und Tinte für Eide, Opfer und unumkehrbare Konsequenzen. Für eine Community, die virtuellen Verrat und gebrochene Allianzen so ernst nimmt wie kaum eine andere, passt diese Symbolik erschreckend gut.
Zurück zum Manuskript selbst: Zwei Archiv-Masterexemplare auf Pergament sind geplant – eines für die dauerhafte institutionelle Aufbewahrung, das zweite für kontrollierte Ausstellungen und Museumsreisen. Ein konkretes Fertigstellungsdatum gibt es nicht, die Blutspenden wurden gerade erst eingesammelt.
Und dann ist da noch CEO Hilmar Pétursson, der im Shacknews-Interview folgende Ansage machte: „Ich will verrücktere Orte finden, um die Capsuleer Edda zu platzieren. Ich will ein Exemplar in die Pyramiden bringen und eins ins All, idealerweise auf den Mond. Wir bauen ein Buch, das 5.000 Jahre halten soll.“ Das ist entweder der ambitionierteste Archivierungsplan der Gaming-Geschichte – oder das Sahnehäubchen einer brillant inszenierten Marketingkampagne. Vermutlich beides.
Warum ausgerechnet EVE diesen Aufwand verdient
Man kann über das Blut-Theater die Nase rümpfen. Aber dass ausgerechnet EVE Online ein solches Projekt bekommt, ist Programm. Kein anderes Onlinespiel hat eine derartige Dichte an spielergeschriebener Geschichte ohne Skript-Event-Netz. Während World of Warcraft seine Lore per Addon-Questreihe serviert und Final Fantasy XIV den Spieler durch eine strikt vorgegebene Handlung führt, entstehen EVEs Geschichten bottom-up aus den Entscheidungen Zehntausender Kapselpiloten.
Das jüngste Beispiel lieferte erst im April 2026 eine Schlacht mit über 10.000 Spielern, die den bisherigen Rekord pulverisierte. Imperium und WinterCo schrieben das nächste Kapitel in einem Krieg, der auf Entscheidungen basiert, die teilweise Jahre zurückliegen. Die Capsuleer Edda soll genau solche Momente bewahren – nicht als Datenbankeintrag, sondern als Verserzählung in der Tradition der Isländer-Sagas.
Ob das Projekt diesen Anspruch einlöst, hängt letztlich an der Qualität der Dichtung von Magnason und Gunnarsson. Die Zutaten stimmen: ein traditionsreiches Medium, Autoren mit literarischem Gewicht, eine Community mit zwei Jahrzehnten Stoff und ein CEO, der fest daran glaubt, dass EVE die erste virtuelle Zivilisation mit einem physischen Vermächtnis auf dem Mond sein sollte. Wenn das kein Stoff für eine Saga ist – was dann?



