Halo: Campaign Evolved ist ein Remake, das niemand gebraucht hat – und trotzdem spielt es sich verdammt gut. Das ist der Fluch dieses Tests: Das Original von 2001 ist ein Meisterwerk, und daran ändert auch die Unreal Engine 5 nichts. Für Halo Studios ist dieser Release vor allem eins: eine Machbarkeitsstudie. Für euch stellt sich die knallharte Frage, ob 60 Euro für eine reine Kampagne ohne Multiplayer noch zeitgemäß sind – wenn die neun Jahre alte Master Chief Collection für einen Bruchteil des Preises mehr liefert.
25 Jahre alter Kern, drei neue Missionen – und sonst?
Die Geschichte ist bekannt: Master Chief erwacht, die Pillar of Autumn wird von der Covenant geentert, und die Bruchlandung auf Halo katapultiert euch in eine der einflussreichsten Shooter-Kampagnen der Konsolengeschichte. Daran rüttelt Campaign Evolved nicht – und das ist klug. Die zehn Original-Missionen sind komplett erhalten, die neuen Cutscenes bewegen sich zwischen „ganz nett“ und „stört den Flow“. Gerade die Eröffnungsszene auf der Brücke der Pillar of Autumn nimmt dem Auftakt etwas von der Dringlichkeit des Originals von 2001.

Die drei neuen Prequel-Missionen setzen ein Jahr vor der Hauptkampagne an und schicken Chief und Sergeant Johnson auf eine Rettungsaktion in einem Covenant-Schiff. In knapp zwei Stunden ballert ihr euch durch vergoldete Korridore – ein Retro-Futurismus, der an Destinys Leviathan-Raid erinnert – und kämpft im offenen Gelände gegen die gewohnten Feinde. Neue Brutes mit leuchtendem Brustchip bringen eine taktische Wendung: Schießt ihr den Chip heraus, drehen sie durch und attackieren alles in Sichtweite. Das ist clever, ändert aber nichts daran, dass die Bonus-Missionen solide Halo-Hausmannskost bleiben und kein einziges Level neu erfinden.
Die Waffe macht den Unterschied – und das seit 25 Jahren
Halo: Combat Evolved hat 2001 das Konsolen-FPS-Genre revolutioniert, weil es den Spieler nicht an der Hand führte. Dieses Gefühl transportiert Campaign Evolved vollständig ins Jahr 2026. Gegnerwellen aus Grunts, Elites und Jackals, begleitet von Huntern und getarnten Elites mit Energieschwertern – das ist immer noch spannender als jede geskriptete Shooter-Galerie. Dass ein Grunt mit zwei Plasma-Granaten auf euch zurennt und ihr einfach Pech habt, gehört zum Legendary-Charme.
Was neu ist: Ihr könnt sprinten, Medkits wurden durch regenerierende Gesundheit ersetzt, der Raketenwerfer lockt auf Fahrzeuge, und Ausrüstung wie der Overshield lässt sich jetzt taktisch aktivieren. Diese Änderungen stammen größtenteils aus Halo: Reach und glätten die Kanten des Originals, ohne es zu verbiegen. Puristen mögen murren, aber wer je zwei Hunter gleichzeitig mit getimtem Overshield ausgeschaltet hat, wird nicht meckern.

Auch Waffen aus späteren Serienteilen – Fuel Rod Gun, Energieschwert, Sentinel Beam – wurden ins Arsenal integriert. Sie fügen sich überraschend organisch ein und sorgen für mehr Abwechslung in den Feuergefechten. Die Needle Rifle aus den Prequel-Levels wiederum ist viel zu stark – mit ihr wird jeder Brute zum Grunt.
Nach 10 Stunden merkt ihr: Nicht jede Mission ist „The Silent Cartographer“
Wer Halo kennt, weiß um die Durchhänger. The Library mit Guilty Spark, die sich wiederholenden Covenant-Schiffskorridore, das Backtracking in Two Betrayals – diese Abschnitte ziehen sich, und daran ändert auch die UE5 nichts. Der Unterschied zu 2001: Damals war das State of the Art. Heute trägt nur noch das famose Gunplay über die Längen hinweg.
Glücklicherweise bleiben die offenen Abschnitte grandios. Mit einem gestohlenen Banshee über verschneite Täler fliegen oder im Scorpion-Panzer durch Strandlevel pflügen – diese Freiheit sucht in modernen Kampagnen ihresgleichen. Und die kurzen Rücksetzer nach einem unglücklichen Tod? Sie halten das Tempo hoch, statt mit Ladebildschirmen zu nerven.
UE5-Fotorealismus – aber zu welchem Preis?
Technisch ist der Sprung auf die Unreal Engine 5 beeindruckend, wo er glänzt: Die untergehende Sonne, die durch die Risse der Pillar of Autumn in The Maw bricht, oder Plasma-Blitze, die Höhlenwände in Gefechten zwischen Covenant und Flood erhellen – das verleiht den späteren Missionen eine beklemmende Atmosphäre, die den latenten Horror-Ton des Originals unterstreicht.
Allerdings: Der allgegenwärtige UE5-Glanz wirkt, als hätte jemand den gesamten Ring mit Brasso poliert. Die atmosphärische Veränderung ist auch eine Veränderung der Persönlichkeit. Hinzu kommt ein seltsames Filmkorn, das sich nicht abschalten lässt, und eine leichte Verzerrung an Waffenmodellen in Bewegung – ein Problem, das in mehreren UE5-Titeln auftritt. DLSS, FSR und XeSS helfen auf dem PC, aber auf Konsole bleibt nur der Performance-Modus – und der kostet sichtbare Details.
Skulls, Remix-Chaos und fehlende Modi
Skulls sind zurück: neue und alte Modifier, die ihr in jeder Mission aufstöbern und für Durchläufe aktivieren könnt. Die neuen Remix-Skulls randomisieren Gegnertypen oder Waffen – im Koop sorgt das für herrliches Chaos. Ich habe selten so gelacht wie bei einem Warthog-Run, in dem plötzlich nur noch Flood mit Raketenwerfern spawnen.
Doch genau hier schmerzt die Abwesenheit von PvP-Multiplayer und Firefight am meisten. Halo definiert sich seit 2001 über den Mix aus Kampagne und Mehrspieler. Der Verzicht auf Multiplayer ist kein Zufall, sondern Strategie – Halo Studios nennt es Fokus. Ich nenne es ein unvollständiges Paket.

Noch ärgerlicher: Im Gegensatz zur MCC, die einen blühenden Steam Workshop hat, fehlt Campaign Evolved jeglicher Mod-Support. Keine Community-Maps, keine Custom-Kampagnen. Nichts.
Die Pannen zum Launch
Wie wir bereits zum Early-Access-Start berichteten, verlief der Launch holprig. Die Steam-Reviews pendeln sich bei „Mixed“ ein – rund 32 Prozent negative Bewertungen. Hauptkritikpunkte: Performance-Probleme, Abstürze und der Microsoft-Account-Zwang. Besonders bitter: Das Spiel wurde vor Release gecrackt, während Early-Access-Zahler mit Login-Problemen kämpften.
Und dann ist da die Splitscreen-Farce auf PS5: Wer lokal zu zweit spielen will, braucht zwei aktive PlayStation-Plus-Abos und zwei verknüpfte Microsoft-Accounts. Für ein Feature, das seit 2001 zum Halo-Standard gehört, ist das absurd.
Halo: Campaign Evolved im Test – Mehr Remaster als Remake - PixelCritics
Halo: Campaign Evolved im Test: UE5-Optik trifft auf zeitloses Gunplay, aber das kampagnen-exklusive Remake liefert weniger als die MCC. Lohnt sich der Kauf 2026?
Preis: 60
Preis Währung: Euro
Betriebssystem: Windows
Anwendungskategorie: Game
7.4