Halo Studios hat nicht gekleckert. Statt eines weiteren kuratierten Zwei Minuten Trailers knallt das Studio eine halbe Stunde Gameplay aus Halo: Campaign Evolved ins Netz – inklusive spielbarem Wraith-Panzer, Marines auf den Kufen des Scorpions und vierer-Coop. Aber im Schlepptau der Euphorie trudeln die ersten kritischen Preview-Stimmen ein. Und die stellen eine Frage, die bei einem 25 Jahre alten Klassiker eigentlich nicht zur Debatte stehen sollte: Fühlt sich das noch wie Combat Evolved an?
Was die 28 Minuten Assault on the Control Room wirklich zeigen
Die Liste der Neuerungen liest sich erstmal wie die Wunschliste eines Halo-Fans, der seit 2001 von einem zeitgemäßen Remake träumt: Der Wraith-Panzer ist endlich spielbar – im Original war er ein reiner Gegner-Panzer, erst Halo 2 erlaubte das Kapern. Master Chief kann jetzt in der Third-Person-Perspektive spielen. Marines lassen sich mit Raketenwerfern und Scharfschützengewehren ausrüsten und reiten auf den Kufen des Scorpions mit.
Creative Director Max Szlagor erklärt im Hands-On bei Xbox Wire, dass die Innenräume – im Original endlos verschachtelte, copy-paste Korridore – überarbeitet wurden: „Wir haben gezielte Verbesserungen an Frustrationsstellen, langsamen Passagen und Navigationsproblemen vorgenommen.“ Jeder Raum ist jetzt einzigartig gestaltet, der Level-Flow wurde gestrafft, der Zickzack-Pyramiden-Aufstieg am Ende ist eine echte Ressourcenschlacht.
Das klingt nach einem präzise ausgeführten Remake, das zusammen mit drei neuen Prequel-Missionen und einem Skin System ohne Ingame-Shop erscheint. Das Unreal Engine 5 Remake erscheint am 28. Juli 2026 für Xbox Series X/S, PS5 und PC – Game Pass inklusive, Premium Edition mit fünf Tagen Early Access ab 23. Juli.
Das Uncanny-Valley-Problem und warum Shacknews Alarm schlägt
Dann kam das kritische Preview von Shacknews. Redakteur Sam Chandler, selbsternannter „Halo-Apologet“, beschreibt ein Erlebnis, das man so nicht erwartet hätte: „Halo: Campaign Evolved zerfleddert die DNA des Originals, hackt moderne Gameplay-Elemente drauf und dreht sie wieder zusammen. Es fühlt sich an wie eine Uncanny-Valley-Version von Halo: Combat Evolved.“
Konkret bemängelt er:
- HUD-Zumüllung: Jede Waffe pingt mit eigenem Icon auf dem HUD, Wegweiser zeigen permanent die nächste Zielrichtung, und selbst Cortana erklärt offensichtliche Navigationselemente mit neuen Voice-Lines („Diese Lichter scheinen auf unsere Nähe zu reagieren und führen uns zum Ausgang“).
- Geschrumpfte Räume: Die ikonische erste Brücken-Schlacht und das große Schlachtfeld mit dem Wraith wirken kleiner als im Original. Die Zickzack-Korridore wurden zu geraden Hallen begradigt – kein Ecken-Peeken mehr möglich.
- Backtracking unmöglich: Türen verriegeln hinter dem Spieler. Selbst wenn man zurücklaufen kann, sind Leichen und Waffen despawnt.
- Systemkonflikte: Der Sprint lässt einen schneller durch die geschrumpften Räume hetzen, der zerstörbare Warthog und der EMP-Effekt der Plasma-Pistole werfen Fragen für ikonische Momente wie den Warthog-Run auf „The Maw“ auf.
Das sind keine Kleinigkeiten. Das sind fundamentale Design-Entscheidungen, die das Spielgefühl des Originals verändern – nicht unbedingt verbessern.
Halo Studios geht hier eine riskante Wette ein: Microsoft zieht bei Halo die Notbremse und setzt voll auf Nostalgie – aber ein Remake, das sich zu weit vom Original entfernt, trifft die Nostalgie-Erwartungen der Fans nicht. Zu wenig Veränderung, und es ist „nur“ ein Grafik-Upgrade. Zu viel, und es ist nicht mehr Combat Evolved. Die Shacknews-Kritik deutet auf Letzteres hin.
Drei Studios, ein Remake und die ALTEN Fragezeichen
Dass das Spiel parallel von gleich drei Studios entwickelt wird – Halo Studios, Abstraction und Virtuos –, macht die Sache nicht einfacher. Mehrere Studios bedeuten mehr Ressourcen, aber auch mehr Schnittstellen, an denen die künstlerische Vision verwässern kann. Virtuos‘ Track-Record ist durchwachsen, und Halo Studios selbst steht unter Dauerbeobachtung seit den MCC- und Halo-Infinite-Launches.
Positiv: Der Campaign Remix – ein Feature, das Skulls, gegnerische Fraktionen und visuelle Modifier über bestehende Missionen legt – klingt nach dem kreativsten Teil des Pakets. Flood-Formen auf The Silent Cartographer, Brutes in den engen Korridoren von Assault on the Control Room, Sentinel Beams und Needle Rifles im Waffensandbox der ersten Stunde. Shacknews lobt genau diesen Teil ausdrücklich als „ziemlich cool.“
Das Kerndilemma bleibt: Ein Remake, das bei Hardcore-Fans den Reflex auslöst, „vielleicht doch lieber zum Original zurückzukehren“ (Chandlers eigenes Fazit), hat sein Ziel verfehlt. Der Juli wird zeigen, ob die Kritik berechtigt war oder ob das fertige Spiel die Zweifel doch noch ausräumt. Die Messlatte liegt höher als bei jedem anderen Remake der letzten Jahre – weil Halo: Combat Evolved nicht einfach nur ein Spiel ist, sondern der Urvater aller Konsolen-Shooter.
