Kaum ist Palworld aus dem Early Access, kommt schon das nächste Produkt – und es trägt nicht mehr Pocketpairs Handschrift. Garena hat offiziell Palworld Online angekündigt, ein Mobile-MMORPG für Android und iOS, das noch 2026 erscheinen soll. Entwickelt wird es nicht von Pocketpair selbst, sondern von Garena unter Lizenz. Aus dem Studio, das sich weigert, generative KI einzusetzen, weil „Spieler das nicht wollen“, wird plötzlich ein Lizenzgeber für einen der größten Free-to-Play-Publisher Südostasiens. Das ist ein fundamentaler Strategiewechsel – und er kam ohne Vorwarnung.
Palworld in fremden Händen: Der Lizenz-Deal, den niemand kommen sah
Die Ankündigung trifft die Community unvorbereitet. Palworld hat gerade erst die 40 Millionen Spieler Marke durchbrochen, die Version 1.0 läuft seit weniger als einem Monat, und Pocketpair-CEO Takuro Mizobe hatte sich als Anti-KI-Gewissen der Branche positioniert. Dass jetzt Garena die mobile Zukunft der Marke verantwortet, ist ein Pivot, der Fragen aufwirft.
Garena-Präsident Terry Zhao formuliert es diplomatisch: Das Team arbeite „eng mit Pocketpair zusammen“, mit Fokus darauf, „die Tiefe, Immersion und Freiheit zu bewahren, die Palworld definieren, während das Erlebnis durchdacht für mobiles Spielen optimiert wird.“ Aus Pocketpairs Mund klingt es knapper. „Wir freuen uns, mit Garena an der lizenzierten Entwicklung von Palworld Online zu arbeiten“, sagte Mizobe. „Lizenziert“ ist hier das Schlüsselwort – nicht entwickelt, nicht co-produziert.
Der Unterschied ist fundamental. Pocketpair vergibt seine wertvollste IP an ein externes Studio. Das ist nicht die übliche Portierungs- oder Publishing-Partnerschaft. Es ist ein Lizenzmodell, wie man es von japanischen IP-Häusern kennt – nur dass Pocketpair weder Nintendo noch Bandai Namco ist. Ein Indie-Studio mit genau einem Hit vergibt die Kontrolle über sein Kronjuwel.
Free Fire trifft auf Pengullet: Was Garena mitbringt
Garena ist kein Unbekannter. Free Fire, das hauseigene Battle Royale, war 2019, 2020 und 2021 das weltweit meistgeladene Mobile-Spiel. Über eine Milliarde Dollar Lifetime-Revenue. Cristiano Ronaldo als Markenbotschafter. Das Unternehmen versteht Mobile-Gaming auf einem Niveau, das Pocketpair nie erreichen müsste – und nie erreichen wollte.
Die Mechaniken, die Palworld Online verspricht, klingen vertraut: Tiere fangen, Siedlungen bauen, Automatisierung durch Pals, kooperative Erkundung einer offenen Welt. Auch PvP soll es geben – „Spieler können sich gegenseitig im Kampf herausfordern, um zu beweisen, wer das am besten abgestimmte Pal-Team hat“, heißt es in der Ankündigung. Klingt nach Palworld.
Was fehlt, ist jede Aussage zum Monetarisierungsmodell. Kein Wort zu Free-to-Play, kein Wort zu Gacha-Mechaniken, kein Wort zu Battle Passes. Bei einem Mobile-MMORPG von Garena ist das kein Zufall – es ist Strategie. Free Fire finanziert sich über kosmetische Items und Season-Pässe. Ob Palworld Online denselben Weg geht oder ein Premium-Modell wie das 30 Euro Original wählt, ließ Garena offen. Die Stille zu diesem Punkt ist lauter als jedes Feature-Versprechen.
Der KI-Brocken im Raum: Pocketpairs Prinzipien gegen Garenas Praxis
Pocketpair hat sich in den letzten Monaten mehrfach und unmissverständlich gegen generative KI positioniert. „Spieler wollen das nicht“, erklärte der Palworld-Lead-Entwickler. Das Studio kündigte an, keine Spiele zu publishen, die generative KI einsetzen. Eine Haltung, die in der Branche für Aufsehen sorgte.
Garena hat sich zu dieser Frage nie positioniert. Das Unternehmen gehört Sea Limited, einem Singapurer Tech-Konzern, der in E-Commerce, Fintech und Gaming investiert – nicht gerade ein Hort der KI-Skepsis. Die Wahrscheinlichkeit, dass Garena bei Palworld Online dieselben Prinzipien anwendet, die Pocketpair für sich selbst aufgestellt hat, ist gering. Und ein Lizenzvertrag gibt dem Lizenzgeber zwar Mitspracherecht – aber keine kreative Kontrolle auf Studioebene.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Pocketpair wird für eine KI-freie Entwicklung gefeiert, während sein wertvollstes Asset jetzt in den Händen eines Publishers liegt, der kein einziges Wort über KI-Prinzipien verloren hat. Das ist kein Widerspruch – es ist eine Lücke, die Garena bisher weder geschlossen noch adressiert hat.
700 Millionen Dollar, 40 Millionen Spieler – und ein völlig offenes Risiko
Palworld hat seit 2024 geschätzt 700 Millionen Dollar Umsatz generiert und über 30 Millionen Exemplare verkauft. Die Version 1.0 lief mit 27 Seiten Patch Notes und einem World-Tree-Endgame auf, das selbst die Entwickler an ihre Grenzen brachte. Die Marke steht stärker da als je zuvor. Warum also dieser Schritt – und warum jetzt?
Die Antwort liegt vermutlich in der schieren Größe des Mobile-Marktes. Garena erreicht Spieler in Südostasien, Lateinamerika und Indien – Regionen, in denen PC und Konsole Nischenplattformen sind, aber Mobiltelefone allgegenwärtig. Ein Palworld-MMO auf dem Handy öffnet Türen, die Pocketpair aus eigener Kraft nie öffnen könnte.
Das Risiko liegt im Produkt selbst. Ein Mobile-MMORPG, das von Grund auf für Smartphones entwickelt wird, ist kein Palworld mit Touch-Steuerung. Es ist ein anderes Spiel mit demselben Namen. Die Automatisierungsmechaniken, die auf dem PC charmant sind, könnten auf dem Handy zur Pflicht werden – oder schlimmer: zur Monetarisierungsschraube. Wer Pals automatisch farmen lässt, während er offline ist, bezahlt dafür vielleicht mit Wartezeiten, die sich mit Echtgeld verkürzen lassen.
Nichts davon ist bestätigt. Aber in der Stille zwischen den Zeilen der Ankündigung liegt genau dieses Risiko.