Phil Spencer hat Xbox über mehr als ein Jahrzehnt geprägt wie kaum jemand sonst – er kämpfte für Game Pass, trieb die Übernahme von Activision Blizzard voran und positionierte Microsoft Gaming als ernstzunehmende Kraft in einer Branche, die ihn anfangs belächelte. Und nun ist er weg. Abrupt, ohne große Bühne, ohne Abschiedszeremonie auf der E3. Was hinter dem plötzlichen Rückzug steckt, beginnt langsam ans Licht zu kommen – und die Andeutungen lassen aufhorchen.
„Das war nicht geplant“ – was hinter Spencers Abgang steckt
Laut Greg Miller von Kinda Funny Games, dem kürzlich Informationen zugespielt wurden, soll Spencers Abgang alles andere als ein wohlgeplanter Ruhestand gewesen sein. „Wenn ihr uns vertraut, sage ich euch: Das war nicht geplant“, erklärte Miller in unmissverständlichen Worten. Nach 38 Jahren bei Microsoft verlässt Spencer das Unternehmen, gleichzeitig legt Xbox-Präsidentin Sarah Bond ihr Amt nieder – ein Doppelschlag, der die Branche überrumpelt hat. Wäre es ein regulärer Übergang gewesen, hätte man wohl einen passenderen Rahmen gewählt: das 25-jährige Xbox-Jubiläum, das Summer Game Fest oder zumindest eine geordnete Übergabe nach Abschluss des laufenden Geschäftsjahres. Stattdessen kam die Bekanntmachung wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Asha Sharma übernimmt – und die KI-Frage schwebt über allem
Die neue Chefin von Microsoft Gaming heißt Asha Sharma – bis zuletzt Präsidentin des Bereichs CoreAI bei Microsoft, zuvor bei Instacart tätig. Diese Wahl ist kaum als Zufall zu werten. Microsoft investiert seit Jahren massiv in künstliche Intelligenz, und die Ernennung einer KI-Führungskraft an die Spitze des Spielebereichs sendet ein klares Signal darüber, wohin die Reise gehen soll. Matt Booty, langjähriger Leiter der Xbox Game Studios, wurde unterdessen zum Chief Content Officer befördert und hat bereits versichert, dass die organisatorischen Veränderungen die hauseigenen Studios nicht beeinträchtigen werden. Ob das langfristig stimmt, werden die kommenden Monate zeigen.
Ausgerechnet jetzt – wo Xbox so stark aufgestellt ist wie selten zuvor
Das Bittere an Spencers Abgang ist sein Timing. Microsoft Gaming steht kurz davor, mit Fable, Forza Horizon 6, Halo: Campaign Evolved und Gears of War: E-Day möglicherweise das stärkste Spielejahr seiner Geschichte hinzulegen – Titel, die den Beweis antreten sollen, dass Xbox auch abseits des Abo-Modells hochwertige Exklusiverfahrungen liefern kann. Es ist Spencer, der diesen Kurs gesetzt, diese Studios aufgebaut und diese Versprechen gemacht hat. Dass er nun fehlen wird, wenn sich zeigt, ob die Rechnung aufgeht, ist eine Ironie, die selbst wohlgesonnene Beobachter nicht leugnen können. Was Sharma mit dieser Erbschaft anfängt und in welche Richtung sie Microsoft Gaming lenkt, ist die drängendste Frage, die die Branche gerade beschäftigt.