Entwickler Vertpaint Studios meldet sich mit seinem ersten eigenen Projekt zu Wort und bricht dabei bewusst mit modernen Action-Gewohnheiten. Während das Team jahrelang als Co-Entwickler im Hintergrund an Schwergewichten für Branchengrößen wie Rockstar Games oder TT Games geschraubt hat, bündeln die über 50 Industrie-Veteranen ihre Erfahrung nun im First-Person Survival-Horror Ritual Tides. Statt euch als durchtrainierten Superagenten durch Monsterhorden ballern zu lassen, wirft euch das Studio auf einer vergessenen viktorianischen Insel vor der britischen Küste ins eiskalte Wasser.
Physischer Terror statt lockerer Finger am Abzug
Das Spielkonzept zieht seine Stärke aus der spürbaren Verwundbarkeit der Hauptfigur. Nach dem Schiffbruch wacht ihr ohne Erinnerungen an der Küste der Insel Hortus auf – einer Landmasse, die auf keiner Seekarte existiert. Wer nun ein klassisches Run-and-Gun-Arsenal wie in modernen Action-Ablegern erwartet, prallt an einer harten Wand ab. Vertpaint orientiert sich spürbar an der beklemmenden Hilflosigkeit von Genre-Schwergewichten wie Amnesia: The Dark Descent und koppelt das Geschehen an zermürbenden Ressourcenmangel.
Die Steuerung verlangt echte Handarbeit auf dem Controller. Um Felsvorsprünge oder verrottete Kletterpassagen zu überwinden, müsst ihr jede Hand eures Charakters einzeln ansetzen und koordinieren. Wer über schmale Holzplanken balanciert, während im Hintergrund bizarre Kultisten der Gruppierung „Fallow Parish“ die Verfolgung aufnehmen, muss die Balance aktiv halten. Ein falscher Schritt oder eine hastige Drehung bedeuten den sofortigen Absturz.
Dass Vertpaint die physische Fortbewegung so gnadenlos ins Zentrum rückt, sorgt für echte Reibung im Gameplay. Jedes Hindernis kostet wertvolle Ausdauer und zwingt dazu, die Umgebung vor dem nächsten Schritt genau abzusuchen, anstatt blind durch dunkle Korridore zu hetzen.
Wenn das Schießeisen zur Nervenprobe wird
Waffengewalt existiert auf Hortus zwar, verleiht euch aber zu keinem Zeitpunkt die Oberhand. Schusswaffen sind alt, unzuverlässig und blockieren gerne genau dann, wenn eine entstellte Kreatur aus dem Unterholz bricht. Jeder gefundene Schrotpatronen-Karton fühlt sich wie ein Hauptgewinn an, muss aber mit Argusaugen verwaltet werden.
Die offizielle Präsentation verdeutlicht diesen Drahtseilakt: Wie die Szenen des aktuellen Gameplay-Trailers demonstrieren, lockt jeder abgegebene Schuss durch den ohrenbetäubenden Hall nur noch mehr Anhänger des okkulten Mutter-Hortus-Kults an. Kämpfen bleibt das allerletzte Notfallmittel, wenn ein Versteck auffliegt oder kein Fluchtweg mehr offensteht.
Dieses System zwingt zu ständigen taktischen Abwägungen. Wer seine wenigen Kugeln an einfache Patrouillen verschwendet, steht kurz darauf mit leerem Patronenlager vor Wesen, die menschliche Körper am Stück verschlingen. Schleichen, Vorräte plündern und das geschickte Umgehen von Sichtkegeln bilden das eigentliche Rückgrat des Spiels.
Fotogrammetrie-Dreck und Lovecraft-Grauen an der Küste
Atmosphärisch setzt Vertpaint auf ungefilterten Realismus. Das Studio hat für die Spielwelt echte Moorlandschaften, Felsformationen und verfallene Mauern in England und Schottland per Fotogrammetrie eingescannt. Gepaart mit dichten Nebelschwaden und schlammigem Boden entsteht eine greifbare Kulisse, deren feuchter Schimmer stark an die Raytracing- und Beleuchtungs-Möglichkeiten neuester Unreal-Versionen erinnert.
Hinter den irdischen Ruinen schlummert jedoch handfester kosmischer Horror im Stile von H.P. Lovecraft. Die Einheimischen haben sich einem uralten Wesen verschrieben, und je weiter ihr ins Landesinnere vordringt, desto mehr zerfällt die Grenze zwischen realem Wahnsinn und übernatürlichem Albtraum. Dass hier ein vergleichsweise kompaktes Team am Werk ist, unterstreicht nur, wie viel Atmosphäre in kleineren Indie-Produktionen mittlerweile möglich ist: Die Detailverliebtheit der Entwickler wird direkt in drückende Beklemmung umgemünzt.
Ritual Tides hat das Potenzial, die Lücke zwischen zügellosem Action-Horror und reinen Stealth-Spielen zu schließen. Wenn die Steuerung der zweihändigen Klettereien auf dem Controller flüssig von der Hand geht und das Treffer-Feedback der unzuverlässigen Waffen sitzt, liefern die AAA-Veteranen einen erfreulich unbarmherzigen Trip für Genre-Puristen ab. Das Spiel erscheint für PC und Konsolen, ein finales Veröffentlichungsdatum steht noch aus.
