South of Midnight galt bei Xbox lange als Paradebeispiel für kreativen Freiraum, doch der frühere Creative Director des Studios rechnet nun schonungslos mit der damaligen Konzernpolitik ab. David Sears erklärt öffentlich, dass die jahrelange Finanzierung durch Microsoft wirtschaftlich nicht haltbar war und er an Stelle der Führungsetage den Geldhahn deutlich früher geschlossen hätte. Die schonungslose Offenheit des Entwicklers entlarvt das bittere Erwachen einer jahrelangen Illusion.
Der eigene Macher entzaubert den Geldsegen
David Sears redet im MinnMax-Interview nicht lange um den heißen Brei herum und nennt die Finanzierung seines eigenen Spiels rückblickend unhaltbar. Als Creative Director begleitete er die Entwicklung von South of Midnight bei Compulsion Games über Jahre hinweg unter dem Konzerndach von Microsoft. Viele Beobachter schwärmten damals von paradiesischen Zuständen. Sears hingegen sah die finanzielle Großzügigkeit von Beginn an mit wachsender Skepsis.
„Ich habe den Leuten damals buchstäblich gesagt: Das könnte fürchterlich enden“, erinnert sich Sears an die interne Stimmung. Niemand im Team habe die Augen davor verschließen können, dass dieser unbegrenzte Geldstrom eine tickende Zeitbombe war. „Weil eines Tages jemand sagen wird: ‚Ihr kennt doch den Geldhahn? Wir drehen diese Schleusen jetzt zu.‘ Und das wird flussabwärts verheerende Folgen haben.“
Auf die konkrete Frage, ob er anstelle von Xbox die Zahlungen früher gestoppt hätte, antwortet Sears verblüffend ehrlich: „Ja, wahrscheinlich.“ Er wollte das Projekt zwar unbedingt vollenden, erkannte die kaufmännische Schieflage aber klar an. In der Rückschau sei das gesamte Modell schlicht nicht tragfähig gewesen und musste unweigerlich in einem Schock enden. Diese schonungslose Selbsterkenntnis wirft ein grelles Licht auf die kollektive Realitätsverweigerung ganzer Führungsetagen.
Die trügerische Illusion eines goldenen Zeitalters
In den Jahren nach der Übernahme herrschte unter den Xbox-Studios eine fast schon unheimliche Goldgräberstimmung. Sears berichtet von Gesprächen mit befreundeten Creative Directors, die ihr eigenes Glück kaum fassen konnten. Man klopfte sich gegenseitig auf die Schultern und rätselte, wie man in eine derart luxuriöse Position geraten war. Viele glaubten ernsthaft an den Anbruch einer neuen Ära, in der wirtschaftliche Kennzahlen hinter kreativen Visionen zurücktreten durften.
Niemand stellte unbequeme Fragen, solange die Budgets pünktlich überwiesen wurden.
Sears teilte diese Euphorie jedoch zu keinem Zeitpunkt und trat intern regelmäßig als Mahner auf. „Ich habe immer gesagt: Nur für den Moment. Es gibt immer eine Nacht, in der Rom brennt“, erklärt der Director seine damalige Vorahnung. Er wusste zwar nicht, wann die Katastrophe eintreffen würde, rechnete aber fest mit dem unausweichlichen Knall. Trotz der Kritik lobt er Microsofts Führungskultur im Vergleich zu früheren Jahrzehnten als deutlich menschlicher.
Der spätere Bruch mit Microsoft zeichnete sich also lange vor den offiziellen Pressemitteilungen ab. Wer jahrelang ohne echten Marktdruck produziert, verliert das Gefühl für die raue Realität an den Kassen. Als die Konzernmutter schließlich die Zahlen prüfte, folgte die Quittung auf dem Fuß.
Microsofts radikaler Sparkurs fordert seinen Tribut
Die Einschläge ließen nicht lange auf sich warten und trafen das Xbox-Portfolio mit voller Wucht. Im Juli zog der Konzern einen drastischen Schlussstrich und kündigte an, sich gleich von vier Studios auf einen Schlag zu trennen. Neben Compulsion Games standen plötzlich auch Double Fine Productions, Undead Labs und Ninja Theory vor der Tür. Gleichzeitig setzte man Arkane Lyon eine knallharte Frist bis zum 13. Dezember, um eigenständig einen Käufer zu finden.
Hinter der Bereinigung steckte eine bittere Kassenrealität, die Xbox-Chefin Asha Sharma mit dem Abbau von rund 1.600 Arbeitsplätzen besiegelte. Viele Teams waren einst über spektakuläre Zukäufe an Bord geholt worden, um den Game Pass mit Prestige-Titeln zu füttern. Doch nach der milliardenschweren Übernahme von Activision Blizzard verlangte die Microsoft-Konzernspitze Rentabilität statt teurer Experimente.
Der Ausstieg von Compulsion Games war somit kein isolierter Einzelfall, sondern das Ergebnis einer gescheiterten Expansionsstrategie. Studios wurden jahrelang mit Geld überschüttet, ohne dass ein tragfähiger Vertriebsplan dahinterstand. Als die Rendite ausblieb, zog Redmond die Konsequenzen und stieß die teuren Prestige-Teams kurzerhand wieder ab.
Ein gerettetes Erbe auf eigenen Beinen
Im Gegensatz zu vielen anderen Opfern der Branchenkrise gelang Compulsion Games jedoch ein seltenes Kunststück. Das Team aus Montreal sicherte sich beim Abschied die vollständigen Rechte an South of Midnight sowie an den früheren Werken We Happy Few und Contrast. Damit hält das Studio die Fäden für künftige Fortsetzungen oder Spinoffs wieder vollständig in den eigenen Händen.
Die Grundlage für dieses Überleben schuf das Spiel letztlich selbst an den digitalen Ladenkassen. Nach dem ursprünglichen Erscheinen auf PC und Xbox Series X/S im April 2025 folgte Anfang des Jahres der Schritt auf weitere Plattformen. Durch den späteren Port für PS5 und die Nintendo Switch 2 bewies das Action-Adventure, dass ein eigenwilliges Konzept auch abseits von Abo-Modellen ein zahlendes Publikum findet.
David Sears liefert mit seinen Aussagen eine heilsame Lektion für die gesamte Spieleindustrie. Geld ohne wirtschaftliche Basis ist kein kreativer Segen, sondern eine gefährliche Falle. Wer Studios mit Millionen überschüttet, ohne ein tragfähiges Geschäftsmodell aufzubauen, züchtet Abhängigkeiten heran, die am Ende Karrieren kosten. Compulsion Games hat diesen Rausch überlebt – doch die Warnung ihres Ex-Directors sollte jedem Publisher in den Ohren hallen.
