Die Server von Tempest Rising haben schon bessere Tage gesehen. Nach einem Launch-Peak von 9.376 gleichzeitigen Spielern im April 2025 dümpelt der Steam-Chart des RTS-Hoffnungsträgers aktuell bei einem 30-Tage-Durchschnitt von 239,44 Spielern – ein Rückgang von 12,42 Prozent gegenüber dem Vormonat. Doch nun könnte sich das Blatt wenden: Mit The Veti’s Wrath erscheint nicht nur der letzte Story-DLC, sondern auch eine Gold Edition, die drei vollständige Kampagnen und die lang erwartete Alien-Fraktion für Neueinsteiger bündelt. Ob der Zorn der Veti reicht, um die Menschheit – und den Multiplayer – zurückzuerobern?
Eine Fraktion, die alles anders macht
Die Veti sind nicht die GDF, und sie sind nicht die Tempest Dynasty. Sie sind die Ersten Mieter der Erde, eine Zivilisation, die existierte, lange bevor menschliche Geschichtsschreibung begann. Ihre Städte waren biomechanisch, ihre Technologie kontrollierte den Tempest, und ihre Herrschaft endete, als frühe Menschen ihnen ihre eigene Waffe stahlen und gegen sie wandten. Wer die Kampagne spielt, führt kein siegreiches Volk, sondern die Überreste einer gebrochenen Spezies, die aus dem Untergrund zurückkehrt, um sich zu holen, was ihnen gehört.
Das Gameplay bricht mit allem, was Tempest Rising bislang etabliert hat. Lead Game Designer Brandon Casteel beschrieb die Fraktion im Interview mit Eurogamer.de als eine Mischung, die sich eher wie eine grüne Magic-Karte spielt als wie eine klassische RTS-Fraktion. „Wir wollten den Veti ein absolut einzigartiges Spielgefühl verpassen“, sagte Casteel. Für bestimmte Aspekte habe man sich an Fraktionen wie die Cuotl aus Rise of Legends oder die Masari aus Universe at War orientiert, gleichzeitig aber genau gewusst, was man nicht tun wollte. Das Ergebnis ist ein System namens Subjugation and Sacrifice.
Gefallene Feinde werden automatisch zu willenlosen „Enlightened“ konvertiert. Diese Einheiten kämpfen nicht nur für ihre neuen Herren, sie sind Treibstoff. Im Kampf geopfert, verleihen sie Veti-Truppen erhöhte Feuerrate und reduzierten Schaden. An Ascension Anchors gebunden, beschleunigen sie die Produktion oder stärken Verteidigungsanlagen. Die Entscheidung, wo die eigenen Zombie-Diener verheizt werden, gehört zu den konstanten taktischen Abwägungen der Fraktion. Der Veti-Spieler steht permanent vor der Wahl: Sofortiger Kampfvorteil oder langfristiger Basisausbau.
Veti-Armee kostenlos für alle
Während der DLC mit seinen elf Missionen und der Veti-Kampagne 19,99 Euro kostet, ist die Fraktion selbst für alle Besitzer des Basisspiels kostenlos. Ein Update, das parallel zum Launch erscheint, schaltet die Veti in Multiplayer-Matchmaking, Custom Games und Skirmish gegen Bots frei. Wer Tempest Rising also bereits besitzt, kann die Alien-Armee sofort ausprobieren, ohne einen Cent zusätzlich zu zahlen – ein Zug, der in der Branche Seltenheitswert hat und die Community spürbar versöhnen dürfte.
Das kostenlose Update ist auch strategisch klug gewählt. Das Veti-Roster umfasst 9 Gebäudetypen, 7 Fahrzeuge, 6 Infanterieeinheiten, 5 Lufteinheiten, 5 Verteidigungsstrukturen, 5 Spezialisten und eine Superwaffe. Der Sanctifier Portal deployt einen instabilen Energieavatar, der alles Bodenpersonal im Umkreis verbrennt, bevor er sich selbst verzehrt. Zu den auffälligsten Einheiten gehören der kolossale War Ender – ein Kampfwalker mit „Eye of God“-Laser und Stachelsalve – sowie die Phantom Artillery, eine getarnte Artillerieplattform, die hochexplosive Ladungen teleportiert.
Die Veti setzen damit auch ein Zeichen für die bereits etablierten Modi rund um 3v3-Schlachten, die mit der neuen Fraktion eine völlig andere Dynamik erhalten.
Elf Missionen gegen eine sterbende Spielerschaft
Der DLC erzählt die letzte Geschichte von Tempest Rising. Elf Missionen – exakt so viele wie die Kampagnen der Global Defense Force und der Tempest Dynasty jeweils hatten. Das ist Feature-Parität, nicht halbe Arbeit. Wer unseren Test der Basisversion gelesen hat, weiß, dass Slipgate Ironworks den klassischen RTS-Basisbau ernst nimmt. Die Veti-Kampagne schließt die Trilogie ab und liefert die letzte offene Perspektive des Konflikts.
Doch die Zahlen zeichnen ein anderes Bild. Der Multiplayer blutet. Der 30-Tage-Durchschnitt von 239 Spielern liegt deutlich unter dem Peak, und die 12,42-prozentige Abwärtsbewegung gegenüber dem Vormonat deutet nicht auf eine Trendwende hin. Ob ein kostenloses Fraktions-Update reicht, um die Spielerbasis zurückzuholen, ist offen. Die Parallele zu Command & Conquer: Kanes Rache ist beabsichtigt – GameStar nannte The Veti’s Wrath explizit ein „Addon wie zu den Zeiten von Command & Conquer“.
Doch Kane’s Wrath erschien 2008, als die RTS-Community noch eine andere war. Ob die Veti 2026 dieselbe Wirkung entfalten, hängt weniger von der Qualität der Fraktion ab als von der Frage, ob überhaupt noch jemand da ist, der sie spielt.
Ein Preis, drei Kampagnen
Die Gold Edition ist das eigentliche Zugpferd für Neueinsteiger. 54,99 Euro UVP, zum Launch 36 Prozent Rabatt, macht 35,19 Euro – dafür gibt es das Basisspiel, die GDF-Kampagne, die Tempest-Dynasty-Kampagne und The Veti’s Wrath. Drei vollständige Story-Kampagnen, ein Multiplayer-Modus und eine Alien-Fraktion, die sich grundlegend anders spielt als alles, was das Spiel bisher bot. Wer den Release des Basisspiels verpasst hat, bekommt hier den kompletten Bogen in einem Paket.
Für Bestandsbesitzer bleibt der DLC bei 19,99 Euro mit 10 Prozent Launch-Rabatt. Die Entscheidung, die Veti-Fraktion kostenlos für alle freizuschalten, das Basisspiel zum Launch der Erweiterung um 50 Prozent zu reduzieren und die Gold Edition als Komplettpaket anzubieten, zeigt, dass 3D Realms, Knights Peak und Slipgate Ironworks die Kurve kriegen wollen. Ob der Plan aufgeht, entscheidet nicht der DLC allein – sondern die Frage, ob Tempest Rising nach anderthalb Jahren noch genug Menschen erreicht, die bereit sind, für eine tote Zivilisation in den Krieg zu ziehen.
