Microsoft hat den letzten großen Rechtsstreit um die Übernahme von Activision Blizzard mit einem Vergleich über 250 Millionen US-Dollar beigelegt. Geklagt hatte der schwedische Pensionsfonds Sjunde-AP-Fonden – der Vorwurf: Ex-CEO Bobby Kotick habe die Fusion durchgepeitscht, um seinen Posten und 400 Millionen Dollar an Vergütungen zu retten. Microsoft und Kotick bestreiten die Vorwürfe, zahlen aber trotzdem. Der Vergleich ist das juristische Schlusskapitel einer 75,4-Milliarden-Dollar-Akquisition, deren wirtschaftliche Folgen den Xbox Game Pass bis heute durchrütteln.
250 Millionen Dollar – ein Rundungsfehler mit System
Gemessen am Deal-Volumen von 75,4 Milliarden Dollar sind 250 Millionen lächerliche 0,33 Prozent. Davon trägt Microsoft nur 40 Prozent – also 100 Millionen Dollar aus eigener Tasche, den Rest übernimmt die Haftpflichtversicherung der ehemaligen Activision-Führungsriege. Umgerechnet entspricht der Vergleich rund 30 Cent zusätzlich pro Activision-Blizzard-Aktie. Für einen Konzern mit 211 Milliarden Dollar Jahresumsatz ist das buchhalterisches Rauschen.
Trotzdem lenkte Microsoft ein – und der Grund hat einen Namen: Richterin Kathaleen McCormick am Delaware Court of Chancery. Sie ist dieselbe Richterin, die Elon Musk 2022 zwang, Twitter für 44 Milliarden Dollar zu kaufen. Ein Urteil in der Aktionärsklage hätte bedeutet, dass interne Kommunikation zwischen Kotick und dem Board öffentlich wird – E-Mails, Protokolle, Kalkulationen. Microsoft kaufte sich mit dem Vergleich von genau dieser Transparenz frei. Die Begründung im offiziellen Filing: Man wolle die „Ablenkung durch einen Rechtsstreit“ vermeiden.
Die Kernvorwürfe, die nun nie gerichtlich geprüft werden:
- Kotick soll den $95-pro-Aktie-Preis akzeptiert haben, obwohl ein höheres Gebot möglich gewesen wäre
- Er soll die Fusion beschleunigt haben, um seinen CEO-Posten zu sichern
- Die $400 Millionen an Benefits, die er beim Vollzug der Übernahme kassierte, seien das eigentliche Motiv gewesen
Kotick, Embracer und die schmutzigen Details, die nie vor Gericht kommen
Ein besonders bizarrer Nebenaspekt des Verfahrens: Bobby Kotick beschuldigte den schwedischen Fonds Sjunde-AP-Fonden, die Klage sei in Wahrheit von Embracer Group gesteuert worden. Seine Anwälte verwiesen auf Fonds-Managerin Emma Ihre, die zuvor bei dem schwedischen Gaming-Konglomerat gearbeitet hatte. Embracer dementierte umgehend – es habe „keinerlei Koordination oder Zusammenarbeit“ gegeben.
Mindestens ebenso brisant: Im Rahmen des Vergleichs räumte das California Civil Rights Department (CRD) ein, dass seine ursprünglichen Vorwürfe zu systemischer sexueller Belästigung bei Activision Blizzard – die 2021 für weltweite Schlagzeilen sorgten – nie von einem Gericht oder einer unabhängigen Untersuchung erhärtet wurden. Die Behörde zog ihre Behauptungen ausdrücklich zurück. Was 2021 als größter Skandal der Spielebranche galt, endet juristisch als heiße Luft. Der Vergleich löscht diese peinliche Wahrheit gleich mit aus dem öffentlichen Gedächtnis.
Die Game-Pass-Achterbahn – von $75 Milliarden zur Preissenkung
Die Übernahme wurde im Oktober 2023 abgeschlossen – und seitdem ist der Xbox Game Pass ein ökonomisches Experiment mit wechselnden Ergebnissen. Chronologisch sah das so aus:
- Oktober 2024: Call of Duty: Black Ops 6 erscheint als erster Serienableger zum Launch im Game Pass – ein Novum, das Phil Spencer als Kernargument gegenüber den Wettbewerbsbehörden genutzt hatte
- Oktober 2025: Microsoft erhöht den Game Pass Ultimate um 50 Prozent auf bis zu 29,99 Euro monatlich und killt parallel die 10-Prozent-Rabatte auf Spielekäufe. Die ehemalige FTC-Chefin Lina Khan spricht von einem „Too-big-to-care“-Giganten
- November 2025: Call of Duty: Black Ops 7 erscheint erneut als Day-One-Release – aber die Abonnentenzahlen stagnieren
- Februar 2026: Asha Sharma übernimmt Microsoft Gaming von Phil Spencer
- April 2026: Ein internes Memo von Sharma wird geleakt – sie nennt den Game Pass „zu teuer“ und kündigt eine Preissenkung bei gleichzeitiger Streichung der Call-of-Duty-Day-One-Releases an. Ultimate sinkt auf 20,99 Euro, künftige CoD-Teile erscheinen erst zwölf Monate nach Launch im Abo
Die Pointe: Der $75,4-Milliarden-Deal sollte Call of Duty für immer in den Game Pass bringen. Stattdessen hat er den Dienst so unwirtschaftlich gemacht, dass Microsoft die prestigeträchtigsten Day-One-Releases wieder streichen musste.
Was der Vergleich für Gamer bedeutet – nämlich nichts
Der $250-Millionen-Vergleich ist ein Papiertiger. Er ändert exakt null an deiner monatlichen Game-Pass-Abbuchung, null an der Verfügbarkeit von Call of Duty und null an der Tatsache, dass die Übernahme Microsofts Gaming-Sparte mit Massenentlassungen und einem strategischen Identitätsverlust zurückgelassen hat. Phil Spencers Vision aus dem Oktober 2023 – „gemeinsam neue Welten und Geschichten erschaffen, eure Lieblingsspiele an mehr Orte bringen“ – klingt aus heutiger Perspektive wie der PR-Nachruf auf ein Versprechen, das der Markt längst kassiert hat.
Die eigentlichen Kosten der Activision-Übernahme werden nicht in Delaware verhandelt, sondern jeden Monat neu am Xbox-Dashboard. Und die sind deutlich spürbarer als 30 Cent pro Aktie.