Wenige Tage vor dem Beta-Start zieht Activision die PC-Schraube an. Wer den Multiplayer von Call of Duty: Modern Warfare 4 spielen will, muss künftig zwei Sicherheitsfunktionen nachweisen: TPM 2.0 und Secure Boot – sonst bleibt jeder Online-Modus gesperrt. Der Publisher veröffentlicht dazu ein viereinhalbminütiges Erklärvideo, das Spieler Schritt für Schritt ins BIOS führt. Was nach lästiger Formalie klingt, ist ein Einschnitt: Ausgerechnet jene PC-Spieler, die Windows 10 oder ältere Hardware nutzen, können das Anti-Cheat-Ritual mitunter nicht mal abschließen.
Für die Ricochet-Falle: Warum Activision jetzt ins BIOS greift
Anti-Cheat-Systeme gibt es mittlerweile seit Jahren, aber kaum eines verlangt so tiefe Eingriffe. Der Grund ist simpel: Ricochet soll nicht nur einzelne Cheats ausfiltern, sondern verhindern, dass sich Software überhaupt in das System einklinkt. Dafür braucht es eine vertrauenswürdige Grundlage von Hochfahren an – genau dafür stehen TPM 2.0 und Secure Boot. Wie Activision sie zusammenfasst: Beide verifizieren die Systemintegrität vom Boot-Vorgang bis zum Gameplay, statt erst im laufenden Spiel nach Anomalien zu fahnden.
Praktisch heißt das: Die Spieler müssen ins BIOS, Secure Boot umlegen und sicherstellen, dass ein TPM-Chip aktiv ist. Wer beides nicht erfüllt, den sperren die Server von Tag eins an aus allen Online-Modi. Den Rest übernimmt Windows: Schlägt die UAC-Abfrage auf, ob Modern Warfare 4 auf Netzwerkfunktionen zugreifen darf, reicht ein Klick auf „Ja“. Klingt harmlos. Ist es aber nur, solange der PC die Voraussetzungen mitbringt.
Und genau da beginnt das Problem. Secure Boot ist bei vielen Custom-PCs schlicht deaktiviert – aus gutem Grund, denn manche Distributionen und Dual-Boot-Setups funktionieren nur ohne. Und wer illegale Schlüssel oder ältere Mainboards nutzt, scheitert an TPM 2.0 komplett. Die dazugehörige Anleitung auf der offiziellen Support-Seite zeigt den bekanntesten Stolperstein klar: Nicht jeder Prozessor der letzten Jahre hat ein eigenes TPM an Bord.
Wer jetzt ausgesperrt wird – und wie ihr es verhindert
Betroffen ist eine zahlenmäßig überraschend große Gruppe. Windows 11 erzwingt TPM 2.0 seit seiner Einführung, wer also auf Windows 10 sitzt – das noch bis Oktober 2025 Support hatte – läuft Gefahr, am Update zu scheitern. Dazu kommen Besitzer älterer CPUs, Enthusiasten-PCs mit deaktiviertem Secure Boot und vor allem Linux- oder Steam-Deck-Nutzer: Das sind Umgebungen, die die aktuellen Vista-Boot-Nachweise nicht oder nur eingeschränkt erfüllen können.
Wer vor dem Beta-Wochenende ab dem 21. August noch nachrüsten will, findet den Weg im BIOS: Secure Boot muss aktiv, TPM 2.0 freigeschaltet sein. Bei vielen Boards verbirgt sich ein softwarebasiertes fTPM oder PTT – eine Firmware-Funktion, die kein separaten Chip braucht und meist nur einen BIOS-Schalter weit entfernt ist. Wer nicht weiterkommt, findet im offiziellen Secure-Boot-Tutorial von Call of Duty exakt die Stellen, an denen man im BIOS nachsehen muss.
Die Krux dabei: Für einen normalen Spieler ist das ein Tech-Gang durchs Hoftor, für andere schlicht unmöglich. Activision schiebt die Last des Anti-Cheat-Kampfs damit in die eigenen vier Wände der Spieler – eine bewusste Entscheidung, die vor allem diejenigen verprellt, die ohnehin schon die meiste Arbeit in ihre Geräte gesteckt haben.
Der eigentliche Sinn: Kill Block und die Server
Dass ausgerechnet jetzt verschärft wird, ist kein Zufall. Die Beta hat dieses Jahr einen Modus dabei, der auf ausgelastete Server angewiesen ist: Kill Block, ein modulares System mit über 500 verschiedenen Layout-Kombinationen. Wenn ein System so viele Konfigurationen live schaltet, steigt der Anreiz für Cheat-Tools enorm – und Ricochet steht unter dem Druck, von Anfang an sauber zu arbeiten. „Die Integrität der Beta schon ab Tag eins zu schützen“, heißt es dazu von Activision.
Was viele nicht wissen: Die Pflicht gilt nicht nur für die Beta des neuen Ablegers. Auch Warzone-Spieler müssen künftig Secure Boot und TPM 2.0 aktivieren, um überhaupt einen Online-Modus zu betreten. Der Test an Modern Warfare 4 ist also zugleich der Generalprobe für die gesamte Zukunft des Shooters. Die Solo-Kampagne, die am 23. Oktober startet, bleibt davon verschont – sie lässt sich offline zocken. Nur eben nicht der Grund, warum die meisten auf den Release warten.
Bleibt die offene Frage, die Activision nicht beantwortet: Wie viele Spieler wandern an der Hürde ab, bevor sie überhaupt einen Ladebildschirm sehen? Auf PS5 Pro setzt der Publisher ja gleichzeitig auf maximale Breite – während er am PC bewusst Schluss macht mit jedem, der nicht ins BIOS abtauchen will.



