436 Game of the Year-Auszeichnungen, über 8 Millionen verkaufte Einheiten, Kritikerliebling des Jahres 2025 – und trotzdem: Wer auf eine Switch 2 Version von Clair Obscur: Expedition 33 hofft, wird sich noch gedulden müssen. Nicht, weil Sandfall Interactive kein Bock hätte. Sondern weil ausgerechnet die Technologie, die den Durchbruch eines 26-köpfigen Indie-Studios erst möglich gemacht hat, jetzt zum größten Hindernis wird.
Warum ausgerechnet die Switch 2 zum Problem wird
Guillaume Broche, CEO und Creative Director, sagt es direkt: „A lot of features don’t work on Switch 2.“ Das ist keine PR-Phrase, das ist eine Bestandsaufnahme. Die Unreal Engine 5, mit der Sandfall Expedition 33 gebaut hat, ist auf Nintendos neuer Konsole nicht voll funktionsfähig. Lumen – die Global-Illumination-Technologie, die dem Spiel seine dichte Atmosphäre gibt – ist eines der Features, das auf der Hybrid-Konsole nicht läuft. Dass Epic mit Lumen Lite eine abgespeckte Variante nachschiebt, hilft, aber wie Alan Reynaud, Lead Character und Concept Artist, im selben Interview anmerkt: „These things take time to roll out.“
Das Problem ist nicht nur die geringere Rechenleistung der Switch 2 im Vergleich zu PS5 und Xbox Series X. Das Problem ist, dass UE5 als Plattform selbst noch nicht bereit ist für die Konsole. Jeder Port wäre aktuell ein Kompromiss zwischen dem, was die Engine kann, und dem, was Nintendos Hardware hergibt – und Sandfall müsste diesen Kompromiss quasi im Alleingang austarieren. Crimson Desert steht vor ähnlichen Hürden, aber Pearl Abyss hat mit der BlackSpace Engine eine hauseigene Lösung und ein größeres Team. Sandfall hat 26 Leute.
26 Leute, sechs Jahre, ein Wunsch
Das Spiel, das 436 GOTY-Auszeichnungen eingesammelt hat, ist das Produkt eines extrem fokussierten, fast asketischen Entwicklungsansatzes – Broche selbst nennt „Einschränkungen“ im Interview den entscheidenden Faktor für die Qualität. Und genau dieser Ansatz steht jetzt im Weg.
26 Mitarbeiter können nicht gleichzeitig am nächsten Projekt arbeiten und einen technisch anspruchsvollen Port für eine Plattform entwickeln, deren Engine-Support erst langsam Gestalt annimmt. Das sagt niemand explizit, aber es liegt in jeder Zeile des Interviews: Der Wille ist da. Die Ressourcen sind es nicht. Deshalb ist die Aussage „zu früh, um etwas anzukündigen“ kein übliches PR-Geschwafel – sie ist die ehrliche Einschätzung eines Studios, das genau weiß, was es sich zumuten kann. Die Geschichte von Phantom Blade Zero zeigt, dass Sandfall genau diesen Punkt versteht: „Schneide Dinge weg. Poliere den Rest“ – diesen Rat gaben sie dem Studio von Soulframe Liang, und sie leben ihn selbst.
Was Lumen Lite und die Zukunft bringen
Der einzige Lichtblick heißt Lumen Lite. Epics abgespeckte Variante der Global-Illumination-Technologie ist speziell für schwächere Hardware konzipiert und könnte der Schlüssel sein, um Expedition 33 auf die Switch 2 zu bringen. Reynaud spricht davon, dass man die Updates von Unreal Engine abwarten müsse, um zu entscheiden, was machbar ist. Das klingt nach einem Studio, das sich eine Option offenhält, aber nicht aktiv daran arbeitet.
Und das ist gut so. Ein überhasteter Port, der auf der Switch 2 bei 900p und 30 FPS läuft – der Standard, den die Series-S-Version bereits setzt –, würde dem Spiel und seiner Reputation nicht gerecht. Sandfall hat sich mit Clair Obscur in die erste Liga katapultiert. Ein Port, der nicht hält, was das Original verspricht, wäre der falsche Schritt. Lieber warten, bis die Engine und die Hardware bereit sind – oder gemeinsam mit Epic eine Lösung finden, die dem Spielniveau entspricht.
Dann eben verrückt – was Sandfall als Nächstes plant
Broche spricht im Interview auch über das nächste Projekt. „We’re going to go a bit crazy“, sagt er. Nach sechs Jahren Expedition 33 will das Team kreativ durchatmen – genau das, was man von einem Studio erwarten würde, das gerade den Rekord für die meisten GOTY-Auszeichnungen gebrochen hat. Der Switch 2 Port ist nicht abgesagt, aber er ist auch nicht die Priorität. Die Priorität ist, diesen kreativen Funken wiederzufinden, den Broche „the flame, this passion“ nennt.
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Ein Studio, das sich traut, vor einem lukrativen Port zurückzustehen, weil die Zeit nicht reif ist, ist ein Studio, das weiß, worauf es ankommt. Expedition 33 auf der Switch 2 wird kommen – oder nicht. Aber wenn es kommt, dann richtig. Und das ist mehr, als man von vielen anderen Ankündigungen in dieser Branche sagen kann.